Markus Frey: Machen Sie den Stress zu Ihrem besten Helfer!

Wir leben in einer schnelllebigen Leistungsgesellschaft. Für viele gehört Stress zum Alltag. Aber wie lässt sich der Stress in den Griff bekommen? Antworten dazu liefert der Stress- und Born-out-Experte in seinem neuen Buch „Den Stress im Griff – Machen Sie den Stress zu Ihrem besten Helfer “:


Lesen Sie im Folgenden einen Ausschnitt aus seinem neuen Buch.

Zur Person:

MarkusFrey

Markus Frey zählt zu den bekanntesten Stress- und Burn-out-Experten im deutschsprachigen Raum. Als Keynote-Speaker, Trainer und Coach ist er vor allem in der Wirtschaft und im Hochleistungssport tätig.

Websites von Markus Frey:

Aus dem Buch „Den Stress im Griff – Machen Sie den Stress zu Ihrem besten Helfer“:

Den Stress im Griff haben

Die meisten Menschen versuchen Stress zu bekämpfen oder zu vermeiden. Doch der immerwährende Versuch, den Stress zu besiegen, führt zu neuem Stress. Ein Weg, der in die Sackgasse führt. Der Stress ist eine Art Mitarbeiter eines jeden von uns. Fest angestellt, unkündbar – ein Leben lang. Den Stress werden Sie einfach nicht los. Es hilft nur, das Beste daraus zu machen.

»Stress ist die Würze des Lebens.«
Hans Selye

Eine der am häufigsten zitierten Aussagen über den Stress ist die oben aufgeführte von Hans Selye, dem Vater der Stressforschung. Er meinte damit, dass Stress keinesfalls nur krankmachend wirkt, sondern auch notwendig ist, wenn wir besondere Leistungen erbringen wollen. In seinem berühmtesten Buch, das einfach nur den Titel Stress trägt, schreibt er dazu:

»Da Stress mit jeder Betätigung verbunden ist, könnten wir den größten Teil davon vermeiden, indem wir einfach grundsätzlich gar nichts tun. So ein Leben wäre aber einem Schlagballspiel vergleichbar, in dem kein Ball getroffen, kein Lauf begonnen und keine Punkte gewonnen werden – und wer hätte daran wohl noch Spaß?«

Aber auch sonst gibt es sehr unterschiedliche Meinungen über den Stress. So kam in einer vor Kurzem durchgeführten Online-Umfrage unter über 22.000 Teilnehmern aus zweiundzwanzig Ländern heraus, dass weltweit rund 40 Prozent der Menschen den Stress positiv sehen. Eine fast ebenso große Zahl meinte auch, dass sie unter Stress die besten Leistungen erbringen würden.

Andere sehen vor allem die negative Seite des Stresses. Häufig wird die WHO zitiert, die zu Beginn des Jahrtausends die Meinung kundgetan hat, dass Stress als »die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts« anzusehen sei. Und auch dafür gibt es gute Gründe.

So wurden im »Stressreport Deutschland 2012« der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin allein für 2011 59 Millionen Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert. Der weitaus überwiegende Teil davon dürfte auf das Konto des zunehmenden Stresses gehen.

Recht haben beide Seiten.

Der Stress oder vielmehr die Stresshormone können uns zwar helfen, unsere Kräfte zu bündeln und unsere Ziele zu erreichen. Genauso können sie unter bestimmten Umständen aber auch dafür sorgen, dass unser Immunsystem kaputtgeht und unsere Gesundheit ruiniert wird.

Wenn wir davon sprechen »den Stress im Griff« haben zu wollen, dann geht es dabei aus physiologischer Sicht um drei Punkte:

  1. Einschränkung (nicht Stopp!) der Stresshormonproduktion, um damit eine höhere Souveränität und Gelassenheit zu erreichen.
  2. Die Stresshormone, die wir dann immer noch ausschütten (was gut ist), dafür zu nutzen, wofür sie von der Schöpfung gedacht sind: zur Bündelung der Kräfte und zur Meisterung besonderer Herausforderungen.
  3. Den erhöhten Stresshormonspiegel jeweils zeitnah wieder abzubauen, um eine Überlastung von Körper und Geist und damit verbundene gesundheitliche Probleme zu verhindern.

Der Stress – ein »Mitarbeiter« mit doppeltem Potenzial

Der Stress ist also ein durchaus zwiespältiger Geselle. Ich vergleiche ihn gerne mit einer Art »Mitarbeiter« eines jeden von uns. Und wie jeder andere Mitarbeiter, so hat auch dieser »Mitarbeiter« ein doppeltes Potenzial. Das Potenzial zum »Flop-Mitarbeiter«, ja.

Im besseren Fall lähmt er uns, sodass eine gute Leistung, zum Beispiel bei einer Produktpräsentation, unmöglich wird, im schlechteren Fall ruiniert er unser Immunsystem und lässt die Gesundheit vor die Hunde gehen.

Der Stress hat aber auch das Potenzial zum »Top-Mitarbeiter«. Dann laufen wir zur Hochform auf und er hilft uns, unsere Kräfte zu konzentrieren, unsere Leistungsfähigkeit zu entwickeln und unsere Ziele zu erreichen.

Disstress und Eustress – nicht dasselbe wie produktiver und unproduktiver Stress

Ich werde oft gefragt, ob meine Metapher vom »Top-« beziehungsweise vom »Flop-Mitarbeiter-Stress« nicht dasselbe sei wie das, was Hans Selye mit seiner Unterscheidung in »Disstress« und »Eustress« ausgedrückt hat. Das ist nicht der Fall.

Selye ging beim Stress von einer »unspezifischen Anpassungsreaktion« des Körpers auf jegliche (!) Anforderung aus.

In einer Bilderfolge zeigte er in dem erwähnten Buch Stress  unter anderem neuseeländische Arbeitslose (Stress der Entbehrung), die in einer Schlange auf eine Mahlzeit warteten, russische Arbeiterinnen in einer Moskauer Uhrenfabrik (Stress der Monotonie), ein altes Geschwisterpaar, das nach neununddreißig Jahren der Trennung wieder zusammengeführt wurde (Stress überwältigender Freude), und einen Sportler, der gerade einen Weltrekord aufgestellt hatte (Stress des Sieges).

In allen Situationen wurden Stresshormone ausgeschüttet. Um diese nun besser differenzieren zu können, nannte er negativen, belastenden Stress »Disstress« (von lateinisch dis = schlecht) und positiven, mit freudiger Erregung verbundenen Stress »Eustress« (von griechisch eu = gut).

Die Unterscheidung »Top-Mitarbeiter-Stress« beziehungsweise »Flop-Mitarbeiter-Stress« ist nicht ganz dasselbe, wenngleich es durchaus Überschneidungen gibt. Unterschieden wird mit dieser Metapher eher zwischen produktivem und unproduktivem Stress. Auch Disstress kann zuweilen produktiv sein. Das kann man ganz gut am Beispiel erklären, wenn jemand das Autofahren erlernt.

Zu Beginn muss der Fahrschüler lernen, mit ganz neuen Gefahrensituationen umzugehen und in der Regel käme er wohl kaum auf die Idee, diesen Lernprozess als Eustress, also positiven Stress, zu bezeichnen.

Wenn er zum Beispiel nach einigen Stunden in verkehrsberuhigten Bereichen zum ersten Mal zur Rushhour in einer Großstadt fahren muss, empfinden dies zunächst wohl die meisten als hochgradigen Disstress.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich zu Beginn nach so mancher Fahrt jeweils ganz froh war, wenn sie vorbei war, bevor ich mit zunehmender Routine entspannter wurde und die Fahrstunden zum Schluss sogar genießen konnte.

Eine besondere Art der »Mitarbeiterführung«

Was machen wir nun mit dieser Erkenntnis? Was müssen wir tun, damit wir einerseits von dem »Top-Mitarbeiter-Stress« profitieren können, aber ohne ihn auch als »Flop-Mitarbeiter« erleben zu müssen, der unsere Gesundheit beeinträchtigt?

Wie können wir lernen, produktiven Stress, der unsere Konzentration unterstützt, zu nutzen und gleichzeitig lähmenden, unproduktiven Stress in seine Schranken zu weisen?

Ganz klar, wir müssen lernen, diesen »Mitarbeiter« richtig zu führen. Schon diese simple Entscheidung, den Stress führen zu wollen, macht dabei einen großen Unterschied aus.

Es ist die Entscheidung, sein Leben nicht mehr fremdbestimmt erleiden, sondern selbstbestimmt gestalten zu wollen. Solange wir zulassen, dass andere Menschen nicht nur über unseren Tagesablauf, sondern auch über unsere Gefühlswelt bestimmen, fühlen wir uns wenig glücklich und ausgeliefert.

Doch allen Zwängen, die es geben mag, zum Trotz: In der modernen Industriegesellschaft des 21. Jahrhunderts zwingt der Wohlfahrtsstaat niemanden zu Arbeit, Karriere.

Letztlich ist es immer unsere ureigene Entscheidung, welche Arbeit wir ausüben, wie wir arbeiten und mit welchen Menschen wir uns umgeben.

Und selbst wenn wir – aus welchen Gründen auch immer – genötigt sind, in einem uns nicht genehmen Hamsterrad unser Dasein zu fristen, so bleibt uns immer noch eine Freiheit: die Freiheit, uns auf unsere ganz persönliche Weise auf die Situation einzustellen, mit der wir gerade konfrontiert sind.

Ich zitiere hier Viktor E. Frankl, der auch in allen erlebten Erfahrungen von Unmenschlichkeit in den Konzentrationslagern seinen Glauben an die Menschlichkeit nicht verlor:

Das ist zwar, wie so vieles im Leben, einfacher gesagt als getan. Aber ein bisschen Gewusst-wie mit einem Schuss Umsetzungswillen wird Ihnen helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Den Umsetzungswillen müssen Sie mitbringen.

Abhängig oder eigenständig?

»Ich komme mir vor wie eine Marionette. Stress am Arbeitsplatz, Stress zu Hause, Stress im Verein. Mein ganzes Leben ist von anderen Menschen bestimmt, ich bin nicht mehr Herr im eigenen Haus.«

So oder ähnlich klingen viele Klagen von Zeitgenossen, die unter übermäßigem Stress leiden und den Eindruck haben, dass sie nur noch hin- und hergeschubst werden. Für so manchen ist es sozusagen zum Synonym von Stress geworden, dass sie zwar für vieles verantwortlich gemacht werden, aber letztendlich kaum etwas selbst entscheiden können.

Nun muss uns klar sein, dass ein gewisses Maß an Beschränkung beziehungsweise an Abhängigkeiten zu jedem Leben dazugehören, auch zum unabhängigsten. Wer nicht als Einsiedler in einer Höhle und von mehr als nur Wurzeln und Beeren lebt, wird zum Beispiel immer auch auf Menschen angewiesen sein, die Dinge können, die er selber nicht kann.

Außerdem müssen wir auch der Tatsache ins Auge sehen, dass mit zunehmendem Alter die Optionen zur Lebensgestaltung abnehmen. Und nicht nur, wer sich entscheidet, zu heiraten und das Wagnis Elternschaft einzugehen, weiß, was es heißt, nicht mehr alles wahrnehmen zu können, was das Leben so bietet.

Der Grad der Abhängigkeit

Einer der entscheidendsten Faktoren für unser Stresserleben ist der Grad der Abhängigkeit. Und zwar nicht, wie man meinen könnte, der objektiv vorhandenen Abhängigkeit, sondern der gefühlten Abhängigkeit.

Es ist diese gefühlte Abhängigkeit, die darüber entscheidet, wie stressig eine Lebenslage empfunden wird oder nicht. Und selbst in Situationen extremer objektiver Abhängigkeit gibt es große Unterschiede in der gefühlten subjektiven Abhängigkeit.

Deutlich wird das zum Beispiel an Dietrich Bonhoeffer. Der evangelische Theologe war während des Dritten Reiches im weiteren Kreis der Widerstandskämpfer des 20. Juli und wurde kurz vor Kriegsende hingerichtet. Während seiner Gefangenschaft schrieb er das später berühmt gewordene Gedicht »Wer bin ich?«, aus dem die folgenden zwei Zeilen stammen:

»[…] sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.«

Es gibt wohl kaum einen Ort, der von größerer äußerer Beschränkung geprägt ist, wie das Gefängnis eines totalitären Staates. Doch selbst in dieser extremen Situation äußerer Abhängigkeit gab es offenbar Menschen, die in einer Art von innerer Freiheit lebten und sich so ein hohes Maß an Eigenständigkeit erhalten konnten.

Von der geistigen zur umfassenden Eigenständigkeit

Sicher, Bonhoeffer und Frankl waren in vielerlei Hinsicht Ausnahmen. Auch das Umfeld, in dem sie sich mit ihren Überzeugungen und Lebensaufgaben bewähren mussten, unterscheidet sich (jedenfalls was die Zeit des Dritten Reiches anbelangt) glücklicherweise doch sehr von unserem heutigen Leben.

Trotzdem zeigen sie durch ihr Vorbild in außergewöhnlich schwieriger Lage auf, dass es in allen Situationen möglich ist, ein hohes Maß an innerer Souveränität, von geistiger Unabhängigkeit zu bewahren.

Und bei allen Problemen, die auch uns das Leben richtig schwer machen können, müssen wir doch eingestehen, dass unsere Beschränkungen weitaus geringerer Natur sind, als diejenigen, mit denen sich Bonhoeffer und Frankl konfrontiert sahen. Ihre geistige Unabhängigkeit, die Macht über ihre Gedanken, war praktisch alles, was ihnen noch geblieben ist.

Doch wir haben das große Glück, dass wir heute in den deutschsprachigen Ländern Europas in großer äußerer Freiheit leben und (unter der Voraussetzung, dass wir keine schwereren Gesetzesübertretungen begangen haben) in unserer äußeren Bewegungsfreiheit in der Regel wenig eingeschränkt sind.

Aus diesem Grund können wir von diesem Punkt der geistigen Unabhängigkeit auch zu einer umfassenden Eigenständigkeit gelangen, auch dann, wenn sie beispielsweise wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht mit einschließt. Aber auch wenn die innere Unabhängigkeit nicht total ist, so ist sie doch so umfassend, dass wir weitere Schritte gehen und eigenständige Entscheidungen treffen können.

Eigenständigkeit im Stress

Der Grad der Eigenständigkeit entscheidet in außerordentlich hohem Maße über unsere innere Souveränität und damit über unseren Stress.

Und der Grad der Eigenständigkeit ist wiederum eng verknüpft mit unserer Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Es ist dies eine Fähigkeit, die leider bei vielen nur sehr schwach entwickelt ist. So singt die bekannte Kölner Vokalpop-Band Wise Guys in einem ihrer Lieder:

Ich weiß nicht, was ich will
Ich kann mich nie entscheiden.
Ich versuche das Entscheiden
Möglichst zu vermeiden.
Ich weiß nicht, was ich will
Ich weiß nur eins: ich leide
stets bei Sachen mir zur Wahl:
Will ich keine oder beide?

Es gibt verschiedene Gründe, warum so viele Menschen mit allen Arten von Entscheidungen so große Schwierigkeiten haben. Ein ganz zentraler liegt sicher darin begründet, dass jede Ent-scheidung eben eine Scheidung bedeutet.

Wenn ich »Ja« zu einer Sache oder einer Person sage, bedeutet das selbstverständlich, dass ich gleichzeitig »Nein« zu einer großen Zahl weiterer Optionen sage. Und wenn jemand sich immer alle Optionen offenhalten will, dann tut er sich eben schwer mit Entscheidungen.

Doch der Preis des Nicht-Entscheidens ist hoch: Er besteht unter anderem in einer permanenten inneren Unsicherheit, die an sich mit sehr viel unproduktivem, lähmendem Stress behaftet ist.

Der Weg zur Selbstbestimmung und inneren Unabhängigkeit ist nicht immer leicht, das ist sicher richtig. Manchmal haben wir es mit äußeren Widerständen zu tun, mindestens so oft aber auch mit inneren (schönen Gruß vom Schweinehund).

Aber wenn wir lernen, unserem Leben einen Sinn zu geben, unsere wichtigsten Werte zu formulieren und daraus Ziele abzuleiten, die wir konsequent in unser Alltagshandeln übersetzen, dann werden wir eine innere Stabilität gewinnen, die uns eine ganz neue Energie verschafft.

Eine Energie, die uns ein gesünderes Leben beschert, ein Leben, in dem Sie vieles von Ihrem heutigen Stress, mit einer großen Selbstverständlichkeit und Gelassenheit im Griff haben werden.



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