Die Alm – Ein Ort für die Seele

Bei einer Wanderung über Almen und im Gebirge kann ich herrlich abschalten, den Gedanken freien Lauf lassen und neue Energie tanken – es gibt für mich nicht viel Erholsameres.

Deshalb bin ich im Sommer häufig in den Bergen (Südtirol) unterwegs und liebe es, nach einer Wanderung auf einer Alm einzukehren. Wohl auch deshalb hat mich das Buch „Die Alm – Ein Ort für die Seele“ von Martina Fischer sofort angesprochen.

Zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen habe ich sie befragt.

Zur Person:

Martina Fischer ist ausgebildete Krankenschwester und Ernährungsberaterin und lebt mit ihrem Mann auf einem Bauernhof am Chiemsee. Schon seit einigen Jahren verbringt sie die Zeit von Mai bis September als Sennerin allein auf einer Alm.

Über ihre Erfahrungen berichtet sie in ihrem Buch „Die Alm – Ein Ort für die Seele“, ergänzt mit stimmungsvollen Bildern, kleinen Lebensweisheiten sowie 18 „Almrezepten“ zum Nachmachen: Almbrot, Blütenkräuterbutter, Almrauschlikör, Waldbeerenessig, Almkräutersalz, gebratene Steinpilze, …

Ein Buch zum Verweilen, Innehalten und um nach einem stressigen Alltag wieder runterzukommen und sich eine kleine gedankliche Auszeit zu gönnen:

Martina, du bist auch im kommenden Sommer (2018) wieder auf der Alm. Auf welcher genau und wo liegt sie?

Ja, ich werde meinen 7. Almsommer bestreiten, und dieses Mal im Spitzinggebiet [Bayern] auf gut 1.400 m. Es ist die Krottentaler Alm, aber sie ist nicht ausgeschildert, da muss man sich durchfragen.

Kann man dich dort auch besuchen bzw. können Wanderer dort einkehren?

Wer gut zu Fuß ist, kann gerne auf der Alm vorbeischauen. Ob ich jedoch an der Hütte anzutreffen bin oder mich gerade meinen Arbeiten im Weidegebiet widmen muss, kann ich nie genau sagen.

Meine Alm ist offiziell keine, die Wanderer bewirtet. Aber wenn ich gerade da bin, richte ich jedem, der kommt, gern eine Almbrotzeit.

Unterwegs im Weidegebiet

Was hat dich eigentlich dazu bewogen, als Sennerin auf eine Alm zu gehen?

Im tiefsten Herzen schlummerte dieser Wunsch schon lange. Besonders stark wurde er immer dann, wenn ich in den Bergen und auf Almen war.

Als meine Freundin dann auf eine Alm ging und ich sie dort oben oft besuchte, wurde der Wunsch übermächtig und ich habe mich aktiv um eine Almstelle bemüht. Nach vielen Gesprächen mit meinem Mann wagte ich dann tatsächlich den Schritt.

Es ist ja doch ein recht einfaches, ursprüngliches Leben, das du auf der Alm führst – also im Sinne von wenig Komfort. Was reizt dich daran?

Es reizt mich sehr, mit ganz wenig auszukommen. Ohne Strom, ohne fließend warmes Wasser, ohne Dusche … – da können sich meine Sinne wieder entfalten und meine Seele atmet auf.

Und auf der Alm habe ich meine ganz konkreten Aufgaben, die ich erledigen muss. Es gibt dort keine andere Ablenkung.

Wenn ich fertig bin, bin ich fertig. Wenn es den Tieren gut geht, Käse und Butter gemacht sind, bin ich glücklich und zufrieden.

Wenn die Butter gemacht ist …

Unten ist das anders, dort habe ich eine Vielzahl an Möglichkeiten, meine Zeit zu gestalten – ich kann zum Yoga oder auf ein Konzert oder auf ein Fest oder dies oder jenes unternehmen. Das empfinde ich fast als Überflutung. Man hat immer Angst, etwas zu versäumen.

Diese Bedenken gibt es hier oben nicht. Deswegen ist vieles viel einfacher, und das macht mich zufrieden.

Vermisst du etwas auf der Alm?

Mir fällt da wirklich nichts ein.

Welche Fertigkeiten muss man mitbringen, um als Sennerin zu arbeiten?

Man braucht eine gute körperliche Kondition, darf keine Angst vor dem Alleinsein haben und sollte Freude an der Arbeit haben und unbedingt gern in der Natur sein, und zwar bei jedem Wetter.

Eine gute Intuition braucht man auch – ich spüre oft, wenn es einem Tier nicht gut geht oder wenn irgendetwas nicht stimmt.

Natürlich muss man auch das Wichtigste über die Tiere auf der Alm wissen, also über Rinderhaltung.

Eine gute körperliche Kondition ist erforderlich …

Wie sieht dein typischer Tagesablauf aus?

  • 04:30 Uhr aufstehen
  • einheizen
  • Kühe von der Weide holen und melken
  • Stall putzen
  • Milch zentrifugieren
  • Milchgeschirr waschen
  • Buttern, Käse und Topfen machen
  • frühstücken
  • Brotteig kneten
  • Kuchen oder Strudel backen
  • Gäste bewirten
  • im Almgebiet Kalbinnen suchen und zählen
  • Weidepflege
  • Brunnen kontrollieren
  • Brennnesseln und Disteln mähen
  • Hütte putzen
  • wieder Milchkühe von der Weide holen und melken
  • wieder Stall putzen
  • Milch zentrifugieren
  • Milchgeschirr waschen
  • aufräumen
  • dann vielleicht noch ein bisschen musizieren
  • um 22 Uhr, 23 oder 24 Uhr schlafen gehen

Beim Buttern …

Was ist für dich die größte Herausforderung bzw. Anstrengung?

Man möchte es kaum glauben, aber auf der Alm bekomme ich oft zu wenig Schlaf. Ich stehe sehr früh auf, und wenn dann am Abend noch Wanderer bewirtet werden wollen oder ein Problem mit einem Tier auftaucht, dann schlafe ich oft zu wenig.

Und wenn ich über Wochen hinweg wenig Schlaf bekomme, macht sich das körperlich und psychisch bemerkbar. Dann habe ich das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst.

Eigentlich freue ich mich über Wanderer, aber wenn die in solchen Momenten eintreffen, wünsche ich mir nur Ruhe.

Und die angenehmste Tätigkeit?

Wenn freie Zeit ist, mich an den warmen Bauch meiner Milchkuh zu legen, die auf der Weide liegt und genüsslich beim Wiederkäuen ist.

Dann halte ich ein Mittagsschläfchen und bin einfach nur glücklich.

Was ist für dich das Schönste am Sommer auf der Alm, was zählt mit zu den großartigsten Momenten?

Früh morgens, wenn ich losgehe und die Kühe zum Melken hole – das ist unbeschreiblich schön. Auf dem Rückweg sehe ich die Sonne über dem Chiemsee aufgehen. Dann ist hier wirklich niemand unterwegs und es ist wunderbar ruhig.

Ich mag auch, wenn der Abend hereinbricht und die letzten Besucher ins Tal zurückkehren. Dann denke ich:

„Wahnsinn, ihr geht jetzt alle runter und ich darf hier oben bleiben.“

„… wenn der Abend hereinbricht und die letzten Besucher ins Tal zurückkehren.“

Gibt es ein Erlebnis, das dich besonders berührt hat?

Es sind viele Kleinigkeiten, die mich hier heroben auf der Alm sehr berühren.

Unter anderem der gute Zusammenhalt unter den Almleuten und den Almbauern, die intensiven Gespräche, die sich dadurch oft entwickeln, die Spontanität und besonders die Lebensfreude, die hier auf dem Berg stark zu spüren ist.

Gibt es auch heikle, vielleicht sogar bedrohliche Situationen?

Die größte Gefahr ist, dass ein Tier abstürzt. Einmal ist bei einem Unwetter eine hochträchtige Kuh von einem ausgesetzten Grat abgestürzt. Ein Hubschrauber hat den Kadaver dann geborgen.

Ein anderes Mal hat sich ein Tier in einer Felsspalte das Bein verdreht. Es musste leider getötet werden. Deswegen sind die regelmäßigen Kontrollgänge so wichtig. Wenn die Tiere krank oder verletzt sind, müssen sie schnell gefunden werden.

Fühlt man sich auch einsam – etwa wenn man aufgrund schlechten Wetters längere Zeit keiner Menschenseele begegnet?

Es gibt nur eine Phase, in der es hier oben seltsam ist:

Nach dem Almabtrieb bleibe ich noch zwei, drei Tage, um die Sachen zu verräumen und Abschied zu nehmen. Aber ohne den Klang der Kuhglocken ist das Leben hier plötzlich so still. Dann fühlt man sich hier wirklich einsam.

Hat dich das Leben auf der Alm verändert?

Ich habe auf jeden Fall mehr Selbstvertrauen bekommen.

Ich weiß jetzt, dass ich neue Situationen bewältigen kann und dass ich keine Angst davor zu haben brauche.

Vorher habe ich mich oft verrückt gemacht: Kann ich das, schaffe ich das?

Jetzt denke ich mir: Ok, das ist jetzt eine neue Herausforderung. Ein wenig Bauchkribbeln darf man haben, und dann sage ich mir: So, das schaffe ich. Ich habe es vorher auch geschafft. Die Grundeinstellung wird relaxter.

Weil jetzt vielleicht einige LeserInnen auch Lust auf einen Almsommer bekommen haben – gibt es eine Plattform oder eine Kontaktstelle, bei der sich Interessenten melden können?

Und wem würdest du davon abraten?

Wer Angst vor Kühen und dem Alleinsein hat, sollte nicht auf eine Alm gehen.

Hast du vielleicht abschließend noch eine Botschaft, die du den Lesern mitgeben möchtest?

Was ich selbst auf der Alm gelernt habe:

Weniger ist mehr, öfter innehalten und der eigenen Intuition folgen.

Herzlichen Dank, Martina!


Das Buch von Martina – zum Verweilen, Innehalten und um nach einem stressigen Alltag wieder runterzukommen und sich eine kleine gedankliche Auszeit zu gönnen:


Weitere Impressionen von Martinas Almsommer:

Kommentare

  • Lexi

    Danke für das tolles Interview und die Inspiration, Burkhard. Die Martina kommt sehr positiv und authentisch rüber. Wenn Bayern nicht so weit weg wäre, würde ich sie mal auf ihrer Alm besuchen.

    Weil jetzt will ich auch auf die Alm!! Wenn ich die Butter schon sehe…mmmmhhhhhhhh ;-)) Würd mich schon voll reizen, mal was ganz anderes zu machen und mich aus meinem faden Bürojob zu vertschüssen. Aber Sennerin würde ich körperlich nicht packen. Will einfach nur so mal einen Sommer auf die Alm, Butter, Käse und Brot machen, einfach mit den Händen arbeiten. Mal abwarten, wird schon mal passen.

    Lexi antworten
  • Severin P.

    In unserer anstrengenden Konsumgesellschaft kann sich ja keiner mehr vorstellen, auf ein bisschen Komfort zu verzichten. Überhaupt die Kinder und Jugendlichen heutzutage werden regelrecht in diese Konsumabhängigkeit getrieben. Ich bin mir sicher, dass von den Jugendlichen heute keiner nur mehr zwei oder drei Tage auf so einer Alm aushalten würde ohne Strom und warmes Wasser, was irgendwie traurig ist.

    Severin P. antworten
    • Ulli

      Hallo Sevi,

      genau so ist es! Aber Entwicklung ist ja immer und jederzeit möglich! Die Hoffnung stirbt zuletzt! Und vielleicht braucht es dazu auch eine gewisse Reife 😉

      LG Ulli S

      Ulli antworten
      • Carmen

        Hallo Severin und Ulli,

        dabei muss ich euch leider zustimmen, die meisten “Teenager” könnten sich das vermutlich gar nicht vorstellen.

        Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass wieder immer mehr ein Umschwung kommt (egal ob jung oder alt) auf diese Konsumabhängigkeit zu verzichten. Egal ob das geldtechnisch, der Umwelt wegen oder der Gesundheit zuliebe passiert, es wird wieder mehr Wert darauf gelegt auf gesunde/natürliche/minimalistische und evtl. auch einfachere Alternativen zurückzugreifen.

        Mit meinen 21 Jahren gehöre ich definitiv noch zur Jugend und muss sagen, es gibt immer mehr in meinem Bekanntenkreis, die sich wirklich Gedanken machen auf vielen Luxus zu verzichten, bei dem wir das Gefühl haben, wir brauchen dies unbedingt.

        Carmen antworten
    • TW

      Ich glaube an unsere Jugend, die würde schon, wenn Sie wüsste und dürfte. Aber es sind heute viele Eltern, die jede Anstrengung und auch viele Konsequenzen von den Kindern fernhalten.

      Da wird es als eine Zumutung angesehen, Kinder mal 2 Kilometer laufen zu lassen oder wenn es regelmäßig bzw. herausfordernde Hausaufgaben gibt. Oder Kindern wird das Frühstücksbrot oder die Sportsachen nachgetragen – da kann ich nur den Kopf schütteln.

      TW antworten
  • Löwin

    Die Abschlussworte von Frau Fischer finde ich schön und sehr tiefsinnig. Eignen sich auch als Lebensmotto, wie ich finde. Ich werde ihr Buch lesen.

    Löwin antworten
  • Henriette

    Das Buch von Martina ist bestellt, ich freu mich sehr auf´s Lesen. Danke Burkhard, dass du mich mit diesem Newsletter an meinen eigenen Herzenswunsch erinnert hast. Den ersten Schritt zur Alm mache ich jetzt sofort.

    Henriette antworten
  • Carmen

    Lieber Burkhard, vielen Dank für diesen tollen Beitrag mal wieder!

    Normalerweise bin ich hier nur stille Leserin, doch dieses Interview hat mich so begeistert und wundervolle Kindheitserinnerungen in mir hervorgerufen, die muss ich einfach teilen. :-)

    Meine Familie war früher sehr oft auf verschiedenen Berghütten zum Urlaub machen. Da gab es keine Heizung, kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Dusche geschweige denn eine normale Toilette. Da wurden morgens die Zähne am Brunnen geputzt während die Kühe daraus getrunken haben, und wenn man nachts auf die Toilette musste, musste der Papi geweckt werden, damit er uns zum Plumpsklo um die Hütte begleitet.

    Es waren traumhafte Urlaube und die schönsten Kindheitserinnerungen, daher bearbeite ich nun seit 2 Jahren meinen Freund, dass wir das zumindest für ein paar Wochen auch mal probieren.

    Carmen antworten
    • Toll, dass diese Urlaube mit zu deinen schönsten Kindheitserinnerungen zählen, zeigt es ja auch, dass Kinder schon mit „ganz wenig“ glücklich und unbeschwert sein können.

      Ich bin überzeugt, dass das für die meisten Kinder auch heute noch gilt, auch wenn für den Komfort- bzw. Konsumverzicht auf der Alm wahrscheinlich eine gewisse Eingewöhnungsphase notwendig wäre. ;-)

      Dann viel Erfolg mit dem Bearbeiten deines Freundes! Irgendwann gibt er nach. :-)

      Burkhard Heidenberger antworten
    • Jutta

      Hallo Carmen,

      vielleicht ist es auch an der Zeit, dir die Freiheit zu nehmen und diese Zeit alleine zu genießen. Ich weiß, man möchte genau dies mit seinem Partner erleben. Aber ich denke, es kann auch gut sein, etwas Abstand zu allem zu bekommen und sich selber zu finden. Dann findet dein Partner vielleicht noch leichter einen Zugang zu dem, was du ihn gerne erleben lassen würdest.

      Auf jeden Fall wünsch ich dir, dass du deine Erinnerungen wieder zum Leben erwecken kannst und die Zeit genießt!!

      Jutta antworten
  • Jutta

    Hallo,

    auch ich finde das Interview sehr spannend und fühle mich an viele Tage meiner Kindheit erinnert. Wie haben wir diese Tage genossen!!

    Kein Telefon, geschweige ein Handy etc. Morgentoilette am Brunnen und Warmwasser nur am Holzofen. Schlafen auf einem Matratzenlager oder in der Stube und jede Menge Spaß an Spieleabende in der Stube bei knisterndem Feuer im Ofen. Und jeden Tag die Natur mit vollen Sinnen genießen!!

    Das fehlt mir tatsächlich sehr, wenn ich darüber nachdenke. Auch wenn ich die Arbeit als Sennerin nie leisten könnte (was ich sehr bewundere) und nicht ganz so lang von meiner Heimat fern bleiben möchte.

    Ich nehme mir jetzt fest vor, diese Zeit wieder aufleben zu lassen. Gern auch ganz allein!!

    Jutta antworten
  • Gerhard Kähler

    Ja, heute am 7.12. 2017, so gegen 20 Uhr, habe ich das Interview gelesen (Interview: irgendwie nicht das richtige Wort dafür), bin gerührt und verspüre eine Sehnsucht nach einem Sein, ähnlich dem Beschriebenen.

    Irgendwo ist da ein Bedürfnis, ein Wunsch nach Ruhe, nach Natur, nach einer gewissen Ursprünglichkeit und nach weniger Aktivitäten, die derzeit meinen Alltag als “Ruheständler” bestimmen. – Doch, ich mache die Dinge alle freiwillig und sie machen mir Spaß – Line Dance, mit dem Hund, egal bei welchem Wetter, Gassi gehen, mit Freunden treffen, Gymnastik für Rücken und den Rest. – Trotzdem, manchmal ist es zu viel, und ich sehne mich nach Ruhe, mal einen Moment die Seele baumeln lassen.

    Obwohl anderseits der Almtag – ohne Romantik betrachtet – sicher nur zum kleinen Teil solche Vorstellungen ermöglicht. – Aber es ist schön, einen kurzen Moment mal zu träumen.

    Gerhard Kähler antworten

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