Konstruktive Kritik → Richtig kritisieren: 13 Tipps & Beispiele

Kritik kann ein hervorragendes „Werkzeug“ sein, um positive Veränderungen zu bewirken.

Ob allerdings Ihre Kritik angenommen wird und in weiterer Folge zu den gewünschten Verbesserungen führt, liegt in erster Linie an Ihnen selbst.

Fällt sie nämlich sachlich und konstruktiv aus, stehen die Chancen hierfür gut. Kritisieren Sie auf eine herablassende, verletzende Weise, müssen Sie auch mit nachteiligen Reaktionen rechnen.

(Bild: Fotolia©Jr Casas)



Ihre Kritik kann …

Abhängig davon, wie Sie Ihr Gegenüber kritisieren, können die Folgen unterschiedlich ausfallen:

Positive Kritik kann:

  • motivieren
  • (durch Annahme) Verbesserungen bewirken
  • (durch Annahme) zu Weiterentwicklung und Erfolg führen
  • die Augen öffnen
  • Probleme lösen

Negative Kritik kann:

  • demotivieren, frustrieren, kränken, verletzen
  • Verschlechterungen bewirken
  • zu Stillstand und Misserfolg führen
  • ein „Kopf-in-den-Sand-Stecken“ bewirken
  • weitere Probleme schaffen

Der Unterschied zwischen Feedback und Kritik

Weil im Zusammenhang mit dem Thema häufig auch nach dem Unterschied zwischen Feedback und Kritik gefragt wird, hier eine kurze Erläuterung:

Unter Feedback versteht man allgemein eine Rückmeldung zu einer Handlung, einem Verhalten oder einem Werk.

Lob und Kritik sind eine Form des Feedbacks. Beim Lob bezieht sich das Feedback auf Positives, bei Kritik, Beschwerde oder Tadel ist der Fokus auf verbesserungswürdige Punkte gerichtet.

Was ist konstruktive Kritik? (Definition)

Um konstruktive Kritik an den Mann bzw. die Frau zu bringen, gilt es vorab zu klären, was man darunter überhaupt versteht.

Konstruktive Kritik ist ein sachliches, faires Feedback mit konkreten Verbesserungsvorschlägen und frei von jedweder Beleidigung.

Wie richtig kritisieren? Ein positives und negatives Beispiel

Die unterschiedliche Kritikvermittlung an einem Beispiel aus dem Unternehmensalltag:

Anlass:

Die Chefin ist mit dem von einem Mitarbeiter ausgearbeiteten Projektabschlussbericht unzufrieden. Kritik ist angebracht.

Negativbeispiel:

Die Chefin wendet sich bei ihrem täglichen Bürorundgang direkt an den Mitarbeiter. Im Beisein seiner KollegInnen teilt sie ihm mit, wie mangelhaft sie den Bericht findet. Zudem bringt sie gleich weitere Kritikpunkte zur Sprache, die sich auf die allgemeine Arbeitsweise des Mitarbeiters beziehen.

Sie schneidet ihm das Wort ab und übergeht seine Einwände. Mit der Aufforderung, kurzfristig einen besseren Abschlussbericht vorzulegen, verlässt sie das Büro.

Positivbeispiel:

Die Chefin liest den Abschlussbericht und notiert sich verbesserungswürdige Punkte. Darauf bittet sie den Mitarbeiter zu sich ins Büro. Sie bietet ihm einen Kaffee an und fordert ihn auf, Platz zu nehmen. Dann folgt das Kritikgespräch:

„Danke für den Abschlussbericht! Besonders gut gefällt mir daran, dass … Ich habe mir auch einige konkrete Punkte notiert, die im Bericht noch berücksichtigt werden sollen: …“

Sie fragt den Mitarbeitern nach seiner Meinung zu den genannten Punkten. Gemeinsam finden sie weitere Optimierungen, die im Bericht einfließen sollen. Nach Mitteilung der Überarbeitungsfrist und ihrer konkreten Erwartungen geht der Mitarbeiter wieder an seinen Arbeitsplatz.

Konstruktive Kritik: 13 Tipps, wie Sie richtig kritisieren

Konstruktive Kritik an den Mann bzw. die Frau zu bringen, ist alles andere als einfach.

Wenn Sie die folgenden Tipps berücksichtigen, stehen die Chancen gut, dass Ihre Kritik auch angenommen und dadurch Ihr gewünschtes Ziel erreicht wird.

1. Wechseln Sie die Perspektive

BEVOR Sie Ihre Beanstandung anbringen, versetzen Sie sich in die Position des Kritikempfängers.

Der Perspektivenwechsel kann hilfreich sein, um die Gründe für ein bestimmtes Verhalten nachzuvollziehen. Vielleicht fällt Ihre Kritik dann ganz anders aus.

Streit_NL

Perspektivenwechsel: Wer hat recht?
(Bild aus meinem Zeitblüten-Buch)

2. Wählen Sie eine entspannte Atmosphäre

In dem oft hektischen (Arbeits-)Alltag lässt sich nicht so einfach eine entspannte Atmosphäre herstellen. Für ein Kritikgespräch sollte zumindest ein Raum gewählt werden, in dem Sie ungestört sind, sowie ein Zeitpunkt, an dem nicht tausend andere Sachen Vorrang haben.

Im Privatbereich kann ein konstruktives Kritikgespräch auch unter freiem Himmel stattfinden. So lässt sich etwa bei einem gemeinsamen Spaziergang leichter reden als in einem engen, erdrückenden Raum.

3. Führen Sie ein 4-Augen-Gespräch

Führen Sie das Kritikgespräch unter vier Augen.

Wird die Kritik im Beisein Unbeteiligter geäußert, so fühlt sich der Kritisierte bloßgestellt und hat berechtigte Angst, sein Gesicht vor den anderen zu verlieren.

4. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit

Kritik sollte nie zwischen Tür und Angel geäußert werden, denn ein konstruktives Gespräch erfordert ausreichend Zeit. Auch wenn es in den wenigsten Fällen möglich ist, so lässt sich der Zeitpunkt eines Kritikgespräches doch hin und wieder planen.

5. Wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht

Formulieren Sie die Kritik möglichst so, dass Sie selbst Ihre kritischen Worte annehmen würden.

Wie würden Sie sich fühlen, was würden Sie empfinden, wie würden Sie reagieren, welche Gegenargumente würden Sie anbringen, wenn Sie selbst mit Ihren Kritikpunkten konfrontiert würden?

6. Beginnen Sie positiv

Um die Kritik in Richtung „konstruktiv“ zu lenken, beginnen Sie mit einem positiven Aspekt. Erst dann folgen die heiklen Kritikpunkte. Also z. B. so:

„Ich schätze an dir/Ihnen sehr, dass … Heute muss ich mal einen anderen Punkt zur Sprache bringen, verbunden mit einer Bitte …“

7. Nennen Sie konkrete Vorfälle statt Verallgemeinerungen

So nicht: „Sie machen IMMER …“

Denn Pauschalierungen wie „nie“, „immer“, „alles“ etc. gilt es unbedingt zu vermeiden. Nennen Sie stattdessen konkrete, vorgefallene Beispiele, Situationen bzw. Handlungen.

8. Vermeiden Sie unbedingt Beleidigungen

Sind erst einmal Emotionen im Spiel, kommen beleidigende Worte schnell über die Lippen. Dadurch wird die Kritik auf eine destruktive Ebene verlagert, die Fronten verhärten sich, es kommt zum Streit.

Dazu ein treffendes Sprichwort:

Wer wütend ist, verbrennt
oft 
an einem Tag das Holz,
das er in vielen Jahren
gesammelt hat.

9. Verzichten Sie auf Du- bzw. Sie-Sätze

Auf Sätze, die mit „du“/„Sie“ beginnen, sollten Sie tunlichst verzichten:

„Du hast schon wieder …“

„Du bist so …“

Solche Anklage-Sätze treiben den Kritikempfänger in die Ecke, aus der er sich mit aller „verbalen Kraft“ hinauszubugsieren versucht. Und damit ist schon wieder eine große Portion Emotion mehr im Spiel und ein Konflikt vorprogrammiert.

Kritisieren Sie möglichst nie die Person selbst, sondern nur deren Verhalten, den Vorfall, … Fragen Sie auch nach den Gründen. Vielleicht können Sie dann das Verhalten eher nachvollziehen.

10. Verwenden Sie Ich-Sätze

Bei Kritik handelt es sich immer um eine subjektive Beurteilung. Verwenden Sie deshalb auch die Ich-Form, z. B. „Ich habe den Eindruck, dass du/Sie …“.

Ebenso können Sie mit Ich-/Mich-Sätzen dem Gegenüber besser vermitteln, was Sie fühlen, was Sie wahrgenommen haben:

„Ich habe mich geärgert bzw. es ärgert mich, dass …“

„Es hat mich verletzt …“

„Ich habe gesehen, dass … (Situationsbeschreibung)“

Oft ist der kritisierten Person gar nicht bewusst, was sie z. B. durch eine Aussage oder eine Handlung ausgelöst hat. Das Kommunizieren der eigenen Gefühle kann dem Kritikempfänger die Augen öffnen und dadurch Bereitschaft für eine Verhaltensänderung bewirken.

11. Hören Sie zu

Allzu gern überhören wir die Argumente der kritisierten Person, weil wir nur die eigenen als die einzig wahren betrachten.

Zuhören, nicht unterbrechen, gehört zum guten Ton und zeugt von Respekt der anderen Person gegenüber.

12. Machen Sie einen konstruktiven Vorschlag

Im besten Fall folgt einem Kritikgespräch eine aus Ihrer Sicht akzeptable Besserung oder eine für beide Seiten zufriedenstellende Änderung, ein Kompromiss.

Deshalb sollten Sie nicht nur selbstsicher Kritik üben, sondern gleichzeitig auch konstruktive Vorschläge für eine Besserung unterbreiten.

13. Loben Sie

Wer kritisiert, muss auch loben können!

Hat die Kritik Früchte getragen, sollten Sie dies auch anerkennend kommunizieren. Bedanken Sie sich oder loben Sie. Denn dadurch vermitteln Sie Wertschätzung.

Ihre kritischen Worte dadurch erhalten mehr Gewicht, sodass die Person auch zukünftig eher bereit ist, Ihre Kritik anzunehmen.

Kritisieren, ohne zu verletzen: ein Spickzettel

Sie wollen für das nächste Kritikgespräch optimal vorbereitet sein? Dann üben Sie am besten vorab das konstruktive Kritisieren.

Diesen Spickzettel können Sie ausdrucken und in Zugriffsnähe – z. B. in der Schreibtischlade – platzieren, um zwischendurch zu üben:

kritisieren

Den Chef kritisieren – eine heikle Sache

Es gibt Situationen, in denen Kritik an Autoritätspersonen angebracht ist.

Als Beispiel: Das Führungsverhalten des Chefs ist kritikwürdig. Dann wird es voraussichtlich von einem Großteil der Belegschaft als ungut und belastend wahrgenommen und sollte deshalb zur Sprache kommen.

Denn es kann durchaus sein, dass dem Vorgesetzten sein suboptimales Führungsverhalten und die nachteiligen Auswirkungen auf das Betriebsklima nicht bewusst sind.

Wie nun die Kritik übermitteln?

Das Thema beim Chef ansprechen, ist natürlich eine heikle Herausforderung.

Grundsätzlich sollte die Kritik stets mündlich in einem 4-Augen-Gespräch erfolgen.

Denn durch eine schriftliche Kritik könnten Sie sich letztlich selbst belasten, wenn sie früher oder später gegen Sie verwendet wird – gemäß der in Österreich geflügelten Worte „Jedes Schriftl ist ein Giftl“.

Am ehesten kann die Kritik an dem Chef über eine Person im Unternehmen gelingen, die ein gutes Verhältnis zu ihm pflegt und ihm diese diplomatisch vermitteln kann – und dabei unbedingt die o. a. Tipps berücksichtigt.

Kritikgespräch führen: Übung

Sie müssen in Kürze ein Kritikgespräch führen und wollen dabei die Punkte sachlich, fair und konstruktiv vorbringen?

Dann können Sie das Gespräch vorab mit einer Ihnen vertrauten Person durchspielen – ähnlich wie Rettungskräfte heikle Situationen immer und immer wieder üben, um dann sicher und souverän zu agieren.

Bereiten Sie sich auf mögliche Diskussionspunkte und Gegenargumente vor. Üben Sie dann im Rollenspiel die zu äußernden Kritikpunkte unter Berücksichtigung verschiedener möglicher Reaktionen Ihres Gegenübers.



Kommentare

  • Neva

    Gute Punkte, sollte ich mal unserem Chef zeigen, der versteht nämlich unter kritisieren immer in Verbindung mit runtermachen.

    Geht auch in anderen Firmen so zu, wenn ich meine Bekannten höre. Dieser Merkzettel gehört ausgedruckt und in jedem Büro aufgehängt und wer sich nicht danach richtet, der soll auch mit Konsequenzen rechnen müssen.

    Neva antworten
  • Dagmar Käckenhoff

    Lieber Herr Heidenberger,

    vielen, vielen Dank für diesen tollen Artikel!

    Sie haben wirklich an alles gedacht und ich persönlich finde es besonders wichtig, sich in die Person des zu Kritisierenden hineinzuversetzen oder auch sich als Kritisierter eine gedankliche Auszeit zum Verarbeiten nehmen zu dürfen.

    Hab ich uns in der Firma gleich ausgedruckt… :)

    Dagmar Käckenhoff antworten
  • Martina

    Alles super schöne Tipps,

    leider sind fast 80 % der sogenannten Führungskräfte nicht einmal im Ansatz in der Lage auch nur 20 % der hier dargelegten Möglichkeiten anzuwenden bzw. umzusetzen, was ich persönlich nur bedauern kann. Heute sind Mobbing und despotisches Verhalten, Verlogenheit und Hetze gegenüber Mitarbeitern durch Vorgesetzte an der Tagesordnung, sodass fast 80 % der Belegschaft trotz Verrichtung ihrer Arbeit innerlich schon lange gekündigt haben.

    Martina antworten
  • Sandra

    Werde die Spickzettel mal ausprobieren! Es steht bald wieder etwas an, wo mit Kritik nicht unüblich ist!

    Leider habe ich letztes Mal nicht wie jemand, der Erwachsenen ist (+/- 2x18Jahre), sondern wie ein kleines Kind reagiert und den Raum fluchtartig verlassen….

    Das ist kein angemessenes Verhalten, das weiß ich, aber es ist nun so gelaufen und in dem Moment war es auch nicht das Verkehrteste aus der Situation raus zu gehen, aber das wie war …..

    Ich werde versuchen, die “Spickertipps” zu beachten und ansonsten den letzten Punkt “Bedenkzeit” in “kurze Pause” versuchen umzuwandeln!?!?

    Sandra antworten
  • Maier Andreas

    Hallo,

    das sind sehr gute Punkte. Werde das beim nächsten Mal auch so anwenden. Ganz gut finde ich den Gedanken, vorher die Gegenseite zu beleuchten, wie die es auffasst.

    MFG Andreas

    Maier Andreas antworten
  • Heike

    Ganz toll geschrieben. Kann man überall anwenden im Umgang mit Menschen, auch beim eigenen Partner und bei sich selbst :-) Dankeschön!

    Heike antworten
  • Christina

    Dass man Kritik mit etwas positivem beginnt, ist veraltete Lehrmeinung.
    Denn je öfter dies passiert, desto mehr wird mit Positivem verknüpft, dass etwas Negatives folgt.

    Irgendwann kommt Lob nicht mehr an, sondern aus jedem Lob wird eine Kritik.

    Heute lobt man, wenn man lobt und kritisiert, wenn man kritisiert. Wenn man die übrigen Punkte beachtet, kann Kritik dennoch angenommen werden.

    Hilfreich ist dabei zum Beispiel das 3-W-Feedback:
    1. Wahrnehmung schildern (nicht die Person wird kritisiert, sondern die Situation oder Leistung)
    2. Wirkung beschreiben (was sind die rationalen oder emotionalen Folgen)
    3. Wunsch äußern (wie könnte es in Zukunft besser laufen)

    Christina antworten
    • fahmiya

      woher hast du das, dass das eine alte lehrmeinung ist? ich denke es kommt auf die situationen und die personen an. ich würde eine kritik halt eher annehmen, wenn darin auch die wertschätzung mir gegenüber also etwas positives gesagt wird. wenn mich die gleiche person aber ständig kritisiert, dann ist es mir egal, ob positives dabei ist oder nicht, dann wird meine bereitschaft, diese permanente kritik anzunehmen, sowieso gering sein.

      fahmiya antworten

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