3 systemische Fragen: Mit neuen Perspektiven aus der Sackgasse

Nora Thiemann ist Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Beraterin (mehr über die Autorin am Ende des Beitrags). In diesem Gastbeitrag schreibt sie, wie man in persönlichen Krisen durch systemische Fragen neue Optionen und Lösungen gewinnt, um sich damit aus der Handlungsstarre zu befreien.

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Wie in Krisen die Handlungsstarre überwinden?

Nora schreibt:

Mit neuen Perspektiven aus der Sackgasse

Beispiel 1:

Susanne Fröhling (Name geändert) kommt immer wieder erschöpft und frustriert von ihrer Arbeit nach Hause. Nicht die eigentliche Tätigkeit als Software-Entwicklerin ist das Problem, denn die Arbeit an sich macht ihr Spaß. Sondern sie gerät immer wieder unter Druck, weil Kollegen und ihr Chef mit Aufträgen, Bitten und „Gefallen“ zu ihr kommen.

Susanne sagt nicht „Nein“ und das hat oft Überstunden zur Folge. Sie weiß, dass es zu viel ist, wenn sie die nächste Aufgabe auch noch annimmt, und tut es trotzdem. Sie kann sich nicht gut von den Erwartungen anderer abgrenzen.

Beispiel 2:

In der Beziehung zwischen Hanns und seiner Partnerin kommt es häufig zu Streit und Eifersuchtsszenen. Nun ist er wieder „auf Zeit“ zu einem Freund gezogen. Wie schon mehrmals zuvor steht Hanns vor der Entscheidung, seine langjährige Beziehung zu beenden oder mit der Partnerin zusammenzubleiben. Doch er kann sich einfach nicht überwinden, einen richtigen Schlussstrich zu ziehen. Er kommt nicht vor und nicht zurück.

Mit systemischen Fragen zu neuen Perspektiven und Ideen

Diese eingangs genannten Klienten, die wir in unserer Online-Beratung gecoacht haben, haben eines gemeinsam: Aufgrund ihrer persönlichen Eigenschaften kommen sie immer wieder in ähnlich schwierige Situationen oder sogar Krisen.

Wahrscheinlich kennen das die meisten von uns: „Ich weiß, dass es so nicht weitergeht und schaffe es trotzdem nicht, etwas zu verändern.“ Es ist, als drehe man sich selbst im Kreis, und man findet keine Lösung.

Was dabei aus psychologischer Sicht passiert:

Der Blick ist starr auf das Problem gerichtet und die immer gleichen Lösungen und Optionen werden durchdacht. Wir empfinden diese Lösungen als nicht besonders attraktiv, wägen immer wieder ab und stellen mögliche Entscheidungen infrage.

Gedanklich entsteht ein „Teufelskreis“. Es kann zu regelrechten Grübelschleifen kommen, die sich in schlaflosen Nächten fortsetzen.

In der systemischen Therapie und Beratung geht es darum, den Blick von Klienten zu weiten. Sie sollen neue Optionen durch ungewöhnliche Perspektiven auf das altbekannte Problem entdecken und zu anderen Lösungen kommen1.

Hierzu stellen Beraterinnen und Berater den Klienten gezielte Fragen2.

Im Folgenden stelle ich Ihnen drei dieser Fragen vor und zeige Ihnen, wie Sie diese Fragen selbst nutzen können, um in verzwickten Situationen neue Sichtweisen und Lösungen zu entwickeln.

FRAGE 1: Was würde Ihr/e … dazu sagen? (Das Blickfeld erweitern)

Bei dieser ersten Frage geht es darum, sich in der eigenen Vorstellung jemanden zur Seite zu rufen, den Sie sehr schätzen oder bewundern. Dies kann ein guter Freund sein, ein Idol aus Ihrer Kindheit oder auch die verstorbene Großmutter.

Fragen Sie sich dann in Gedanken, was diese Person wohl zu Ihrem Problem zu sagen hätte. Was würde sie Ihnen raten?

Es hilft oft, sich die Person so real wie möglich vorzustellen. In welcher Situation und wo würden Sie wohl mit ihr reden, mit welchen Worten würde sie zu Ihnen sprechen, wie würde die Person Sie dabei ansehen?

Sie können sich gedanklich auch ein ganzes Team von Beratern zusammenrufen. Die unterschiedlichen Personen würden dann verschiedene Sichtweisen und Vorschläge einbringen.

Häufig kommen dadurch ganz neue und kreative Lösungen zustande, an die Sie bisher gar nicht gedacht hatten. Der Blick auf das Problem wird geweitet und neue Handlungsoptionen werden sichtbar.

FRAGE 2: Wie könnte es noch schlimmer werden? (Das Kaninchen traut sich)

Wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrt, hindert uns unsere Angst vor unangenehmen Konsequenzen manchmal daran, uns zu bewegen und Veränderungen anzugehen.

Mit der Verschlimmerungsfrage begeben wir uns einen Schritt tiefer in die Bedrohung und sichten die Situationen aus dieser beängstigenden Perspektive. Hier ist das Problem nicht gelöst (wie bei Frage 3), sondern der Worst Case ist eingetreten.

Verschlimmerungsfragen haben zwei Vorteile:

  1. Wir beschäftigen uns mit dem oft Unaussprechlichen. Wir betrachten unangenehme oder angstauslösende Situationen von allen Seiten, wir fühlen uns hinein. Manchmal verliert die Sorge ihre Energie, da die so angsteinflößende Vorstellung gar nicht so bedrohlich ist. Oder das Gegenteil tritt ein und das eigene Gefühl wird klarer und man wird sich richtig bewusst, dass man die verschlimmerte Situation wirklich nicht möchte.
  2. Mit der Aufgabenstellung, ein Problem zu verschlimmern, gehen wir sehr ungewohnte Wege – wer will schon genau durchdenken, wie es noch belastender sein könnte. Aber genau dies kann auch dazu führen, neue Ideen und Optionen zu generieren. Denn wenn wir uns verdeutlichen, wie wir ein Problem vergrößern können, fällt uns meist auch ein, wie wir die schwierige Situation entschärfen.


FRAGE 3: Wie wurde das Problem gelöst? (Der Blick zurück)

Angenommen, es sind fünf Jahre vergangen und die schwierige Situation hätte sich zu Ihrer Zufriedenheit gelöst. Was wäre dann anders? Woran würden Sie merken, dass sich die Probleme gelöst hätten? Wie hätte der Weg dahin ausgesehen?

In diesem Gedankenexperiment kehren Sie den Spieß um:

Statt aus der schwierigen Situation heraus eine Lösung zu suchen (Frage 1), tun Sie so, als wäre sie bereits eingetreten. Sie schauen sich den Lösungsweg aus einer zeitlichen Entfernung an.

Hierbei geht man davon aus, dass Menschen ein implizites Wissen darüber haben, was für sie gut und richtig ist. In aktuellen Krisen ist die Sicht darauf aber selten klar. Indem man gedanklich einen zeitlichen Abstand vornimmt, bekommt man Zugriff auf dieses Wissen.

Diese Frage mag auf Sie zunächst befremdlich wirken. Wie sollen Sie schließlich wissen, was in der Zukunft ist?

Um dem auf die Spur zu kommen, hat es sich zudem bewährt, sich selbst einen Brief zu schreiben. Dazu nehmen Sie die Rolle Ihres zukünftigen Ichs ein, z. B. in 5, 10 oder sogar 20 Jahren. Sie stellen sich möglichst plastisch vor, wo Sie dann sind, wie Sie dann denken und fühlen.

Aus dieser Rolle heraus schreiben Sie einen Brief an Ihr heutiges Ich, das in der schwierigen Situation steckt. Sie können als zukünftiges Ich mit all der gewonnenen Lebenserfahrung für die aktuelle Situation Verständnis zeigen, das Problem einordnen, auf nicht gesehene Aspekte hinweisen oder Tipps geben.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Klienten dieser Übung oft zunächst skeptisch gegenüberstehen. Wenn wir allerdings im Anschluss darüber sprechen, sind sie häufig ganz begeistert von den überraschenden neuen Erkenntnissen, die sie durch diese Fragestellung gewonnen haben.

Welche der drei vorgestellten Fragen Ihnen helfen, ist natürlich abhängig vom Typ und von der Situation. Sie können einfach unterschiedliche Gedankenspiele ausprobieren und schauen, was für Sie nützlich ist.

Ich wünsche Ihnen dabei viele spannende Erkenntnisse!

Über die Autorin:

 

Nora Thiemann ist Diplom-Psychologin und systemische Therapeutin und Beraterin. Mit Psychologen Online bietet sie in einem Team aus Psychologinnen und Psychologen Beratung und Coaching per Videokonferenz, am Telefon und vor Ort in Praxen an.

 


Quellen:

1 Schwing, R. & Fryszer, A. (2015). Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

2 Schlippe, A.v. & Schweitzer, J. (2007). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht



Kommentare

  • Andreas Kramer

    Ja, das sind wirklich wundervolle und hilfreiche Fragen.

    Mit dieser Art an Dinge heranzugehen habe ich schon oft Situationen auflösen können, die auf den ersten Blick etwas verfahren und “unlösbar” erschienen.

    Andreas Kramer antworten
  • Wie schön dass Sie diese hilfreichen Fragestellungen allen zur Verfügung stellen!

    Auch ich nutze diese Techniken, um meinen Klienten und Freunden bei Entscheidungen zu unterstützen. Und für mich selbst konnte ich damit auch schon so manchen Ausweg aus scheinbar ausweglosen Situationen finden.

    Sigrun Stemmer antworten

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