Sind Sie zu nett? 4 Nachteile

„Bin ich zu nett?“ Vielleicht haben Sie sich schon mal diese Frage gestellt – und das aus gutem Grund.

Oder anders gefragt: Wann hat Sie das letzte Mal ein Vorfall, eine Aussage oder Ähnliches geärgert, und Sie haben diesen Ärger nicht gezeigt? Nicht nur das – Sie waren vielleicht sogar nett, haben gute Miene zum bösen Spiel gemacht? Und kommt das öfter vor? Dann sind Sie wahrscheinlich einfach zu nett!

Aber was heißt schon ZU nett? Meine Definition:

Ihnen entstehen bedingt durch Ihre Nettigkeit immer wieder persönliche Nachteile – beispielsweise weil Sie dadurch häufig ausgenutzt werden.

Etwas gleich vorweg:

Ich bin überzeugt, dass wir grundsätzlich mit Freundlichkeit und Höflichkeit – eben Nettigkeit – weitaus mehr erreichen als ohne. Allerdings gibt es durchaus Situationen und Vorfälle, in denen auch mal eine weniger nette Reaktion angemessen und angebracht ist.

Ärger, Frust & Enttäuschung nicht zeigen – sich stets nett geben …

Nicht nett!

Bewusstes Nichtnettsein kann bedeuten, dass Sie

  • die Erwartungen der anderen willentlich nicht erfüllen,
  • Ihre eigenen Bedürfnisse kundtun, und das durchaus auch mal lauter, wenn es angebracht ist,
  • anderen nicht unbedingt gefallen wollen,
  • anderen nicht immer alles recht machen wollen,
  • Ihrem Ärger Luft machen und ihn nicht hinunterschlucken,
  • nicht jedem Konflikt ausweichen,
  • auch mal deutlich Nein sagen.

Sind Sie zu nett? 10 Reflexionsfragen

Die Beantwortung der folgenden Fragen soll Ihnen Aufschluss darüber geben, ob Sie vielleicht doch zu nett, zu gutmütig sind und genau deshalb Ihre Bedürfnisse öfter auf der Strecke bleiben.

Wie viele der 10 Fragen können Sie eindeutig mit Ja beantworten?

  1. Fällt es Ihnen schwer, in Diskussionen Ihre Meinung und Interessen zu vertreten?
  2. Gehen Sie Konflikten grundsätzlich aus dem Weg?
  3. Sind Sie stets hilfsbereit und zur Stelle, wenn Sie gebraucht werden?
  4. Werden Sie häufig um Hilfe gebeten?
  5. Können Sie sich gut in die Lage anderer hineinversetzen?
  6. Ist es Ihnen wichtig, was andere von Ihnen denken?
  7. Fällt es Ihnen schwer, anderen Ihre Meinung zu sagen, andere zu kritisieren?
  8. Wissen Sie, was andere von Ihnen erwarten/erhoffen?
  9. Ist es Ihnen wichtig, dass andere Sie akzeptieren und mögen?
  10. Fällt es Ihnen schwer, eine Bitte abzuschlagen?

Die Wurzel der Übernettigkeit

Dieses Zuviel an Nettigkeit kann verschiedene Ursachen haben, wie etwa Angst vor Ablehnung, Zurückweisung, Konflikten und Konfrontationen.

Diese Angst wiederum kann aus über Jahre „antrainierten“ Gedanken- und Verhaltensmustern resultieren, aus der Erziehung, aus Erlebnissen und Ereignissen, in denen sich die Erkenntnis manifestiert hat, lieber keine Konfrontation, keinen Konflikt einzugehen.

4 Nachteile, mit denen Sie rechnen müssen

Auch wenn es das Adjektiv „übernett“ nicht gibt, nutze ich es im Folgenden, um das Zuviel und die daraus möglichen Folgen etwas deutlicher hervorzuheben.

1. Übernette Menschen werden häufig ausgenutzt

Einfach deshalb, weil sie dazu neigen, zu allem Ja und Amen zu sagen, sich auch so manche fordernde Dreistigkeit gefallen lassen, keine Bitte oder keinen Wunsch abschlagen können – kurzum, weil sie zu gutmütig sind oder es ihnen an Selbstsicherheit mangelt.

Deshalb:

Sollten Sie das Gefühl haben, öfter ausgenutzt zu werden, lernen Sie, Nein zu sagen. Dann werden Sie wahrscheinlich auch folgende Erfahrung machen:

Je öfter Sie Nein sagen, umso mehr wird Ihr Ja geschätzt werden!

Wenn also jene Person, von der Sie das Gefühl haben, ausgenutzt zu werden, das nächste Mal mit einer Bitte zu Ihnen kommt, sagen Sie Nein. Freundlich, aber bestimmt. Denn schon der franz. Schriftsteller Nicolas Chamfort wusste:

„Die Fähigkeit, das Wort NEIN auszusprechen, ist der erste Schritt zur persönlichen Freiheit.“

Tipps zum Neinsagen:

So schaffen Sie das Neinsagen – 7 Tipps »

2. Übernette Menschen werden häufig verletzt

Nette Menschen sind hilfsbereit, vertrauensvoll, neigen dazu, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. Wenn dann diese Hilfsbereitschaft, das entgegengebrachte Vertrauen von der anderen Seite nicht wertgeschätzt und erwidert wird, ist das natürlich mit Enttäuschungen und oft auch mit Verletzungen verbunden.

Und oft stellt sich die schmerzende Erkenntnis ein, dass Personen, die als gute Freunde gesehen wurden, sich als keine wahren Freunde erweisen, weil sie nur auf den eigenen Vorteil bedacht waren und ausgenutzt haben.

Deshalb:

Sollte Ihre Hilfsbereitschaft, Ihr Vertrauen nicht wertgeschätzt werden, als Selbstverständlichkeit oder vielleicht sogar abschätzig abgetan werden, dann sollten Sie die Beziehung zu diesen Menschen hinterfragen und eventuell zu ihnen zukünftig auf Distanz gehen.

Tipps dazu:

„Sortieren“ Sie Ihren Bekanntenkreis aus, wenn er Sie belastet! »

3. Übernette Menschen tendieren zu Burnout

Burnout kann vielfältige Ursachen haben, u. a. auch das Vernachlässigen der eigenen Bedürfnisse.

Zudem werden übernetten Personen oft Tätigkeiten zugeschanzt, für die sie eigentlich nicht zuständig sind. Dadurch bleibt ihnen weniger Zeit für die Erledigung der eigenen Aufgaben, weniger Zeit für persönliche Vorhaben, weniger Zeit für sich selbst!

Das führt unweigerlich zu FehleranfälligkeitStress, Überforderung und über kurz oder lang zu einem Gefühl des Ausgebranntseins. Burnout!

Deshalb:

Schauen Sie auch mal bewusst auf sich. Gestehen Sie sich eine gesunde Portion an Egoismus zu – Ihnen zuliebe! Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie sich auch mal den Vorrang geben.

Tipps zur Burnout-Vorbeugung:

Burnout – Erfahrungsberichte & Hilfe: „Der dritte Burnout war mein Wendepunkt.“ »

4. Übernette Menschen werden leichter zu Opfern & ziehen häufig den Kürzeren

Übernette Menschen werden auch deshalb häufig in die Opferposition gedrängt, weil andere wissen, dass sie mit keinem/kaum Widerstand rechnen müssen – eben ein leichtes Opfer.

Deshalb:

Auch wenn es Ihnen schwerfällt, weichen Sie nicht jedem Konflikt aus. Wehren Sie sich – dadurch bugsieren Sie sich aus der Opferhaltung raus. Eine Auseinandersetzung ist oft notwendig und kann durchaus auch eine reinigende, befreiende Wirkung haben.

Buch-Tipp – für eine positive, befreiende Lebensänderung:


Wie eine Negativspirale, die Sie herunterzieht

Dieses „immer nur nett sein“, den Ärger und die negativen Gefühle nicht zeigen, widerspruchslos alles hinnehmen – all das kann wie eine Negativspirale wirken, die Sie immer weiter herunterzieht und zu einem belastenden Gedankenkarussell führt. Bis Sie nicht mehr können, was sich schließlich auf Ihre psychische und in weiterer Folge auch auf Ihre physische Gesundheit auswirken kann.

Ändern Sie die Drehrichtung!

Nun lässt sich die Drehrichtung der Spirale auch wieder ändern – natürlich nicht von heute auf morgen –, und zwar mit einer Reihe kleinerer und größerer Erfolgserlebnisse:

  • indem Sie öfter bewusst Nein sagen,
  • andere wissen lassen, dass Sie eine Aussage oder Handlung ärgert,
  • auch mal von anderen fordern, die stets Ihre Hilfe in Anspruch nehmen und diese vielleicht schon als selbstverständlich ansehen.

Vielleicht wird Sie dann die eine oder andere Reaktion Ihrer Mitmenschen überraschen, sowohl positiv als auch negativ. Aber Personen, die dann ungut auf Sie reagieren, haben Ihre Nettigkeit und Gutmütigkeit ohnehin nicht verdient!

Fazit:

Anderen Grenzen aufzeigen („was zu viel ist, ist zu viel!“), zum Selbstschutz und um die eigenen Bedürfnisse nicht zu unterdrücken – das sind meiner Meinung nach die vorrangigsten Gründe, um auch mal NICHT nett zu sein, wenn es die Situation erfordert.

Aber grundsätzlich lassen sich mit Freundlichkeit und auf nette Art weitaus mehr Türen öffnen und Brücken bauen.

Zum Weiterlesen:

Kommentare

  • Rosemarie Lenske

    Lieber Burkhard,

    nach fast einwöchiger Internet-Auszeit bin ich endlich wieder online. Das erste was ist gelesen habe, ist dein Artikel über die Nettigkeit. Wie immer absolut lesenswert.
    Ich finde deine Beiträge wirklich immer sehr gut. Ich bin wirklich froh, dass ich Dich hier gefunden habe. Einen Daumen hoch für deine tolle Arbeit.

    Viele Grüße aus Mannheim,
    Rose – Marie

    Rosemarie Lenske antworten
  • El Rashidy

    Lieber Burkhard,

    das ist echt toll und sehr lesenswert. Absolut richtig.

    Danke Danke Danke.

    Mit freundlichen Grüßen
    El Rashidy.

    El Rashidy antworten
  • H. Geißler

    Lieber Burkhard,

    das sind genau meine Erfahrungen, die du hier beschreibst. Und ich musste lernen, nein zu sagen. Es war schwierig und hat lange gedauert, bis es mir nicht mehr peinlich war. Aber heute unterscheide ich ganz klar, was ich kann/möchte und was ich nicht kann/möchte. Sowohl im Job als auch privat.

    Ich kann nur jedem empfehlen, sich diese wunderbaren Tipps zu Herzen zu nehmen. Das Leben fühlt sich dann wieder leichter und entspannter an.

    Vielen Dank für die viele Mühe, die du dir auf dieser Seite machst. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass jemand mit anderen seine Erfahrungen und sein Wissen so offen teilt.

    Beste Grüße aus Berlin!

    H. Geißler

    H. Geißler antworten
  • Antje Berbig

    Ich lächele gerade vor mich – bin ich doch eben gerade in dem ( wunderbaren ) Prozess, mich immer öfters zu trauen NEIN zu sagen oder ganz ganz klare Grenzen für mein soziales Umfeld zu stecken.

    Es ist – wenn es dann immer besser klappt – ein tolles Gefühl! Jetzt weiß auch mehr, warum dies auch unter einer guten Selbstfürsorge zählt. Ich bin klarer und AUTHENTISCHER für mich und damit für alle Anderen auch. Meine Grenzen werden immer deutlicher. So geschieht also FORMUNG :).

    Schön, dies endlich erfahren zu dürfen! Eine innere FREIHEIT bahnt sich dadurch ihren Weg und ich freue mich bis zum Ende dieses Lebens, diese in vollen Zügen zu genießen. Nun ja, vielleicht nicht unbedingt zu genießen, weil es ja auch anstrengend ist, eigene Grenzen immer wieder verteidigen zu müssen, aber so doch zumindest endlich zu leben!

    Einen herzlichsten Dank an Sie Herr Heidenberger für dieses Thema – ich könnte und werde es zum Teil auch fast allen meinen Freunden und Bekannten schicken. MÖGEN diese Ihre, wie immer sehr praktischen, Umsetzungsmöglichkeiten ( für sich ) verstehen und anwenden.

    Herzlichst
    Antje Berbig

    Antje Berbig antworten
  • Matthias F. Heufer

    Hallo Herr Heidenberger!

    Ich habe Ihre Bemerkungen zur Übernettigkeit gern gelesen – nur was da – fast im Nebensatz – gesagt wird: “Öfter mal NEIN sagen.” fällt doch vielen u.a. mir schwer und die Versuche, das zu ändern, endeten bisher in Enttäuschungen und Verlusten – auch und vor allem in dem, was man das “soziale Umfeld” nennt.

    Sicher ist da meine Erziehung im Elternhaus und Schule mit ein Grund – als typischer Nachkriegsjahrgang war es aus damaliger Sicht durchaus sinnvoll, den Fokus auf selbstlose Nächstenliebe zu legen. Schließlich lagen die unseeligen Jahre der “nordischen Herrenmenschen” noch nicht lange zurück. Das soll also kein Vorwurf sein.

    Zwei wesentliche Erkenntnisse haben mich nach vielen Jahren mit Selbststudium und mit “proffesioneller Hilfe” – mit Depressionen und wahrscheinlich einem BurnOut – weitergebracht:

    1. die Erkenntnis, dass etwa 20 % der Bevölkerung wohl zu den “Hochsensiblen Menschen” gehören. Ob ich nun wirklich hochsensibel bin oder nur dahin tendiere, ist unwesentlich. Wichtig ist nur: Ich kann mich besser in andere hineinversetzen – denke nicht von mir als Person aus, sondern überlege bei jeder Handlung, was das in meinem Gegenüber, meinem Nächsten auslöst. Natürlich ist das subjektiv: Ich stelle meine Handlungsweise darauf ab, dass ich das tue, was ich als Idealfall von meinem Gegenüber erwarte und worüber ich mich freuen würde.Zudem neigen “Hochsensible” dazu, sich Aufgaben und Ideale vorzunehmen, die “eine Nummer zu groß sind” und damit ist dann das Scheitern mehr oder weniger vorprogrammiert. Solche Menschen wachsen dann eben nicht durch das Gefühl etwas geschafft zu haben, sondern scheitern immer wieder mit allen negativen Konsequenzen. Hier hilft nur die Ziele weniger hoch anzusetzen.
    2. das Gefühl aus der Gesellschaft ausgegrenzt, anders, nicht integriert zu sein (und genau das passiert den “Hochsensiblen” sehr schnell: “Sei doch keine Mimose”) – unter dem z. B. auch Menschen aus Minderheiten leiden – ist eine starke Triebfeder, es möglichst allen recht zu machen, um “dazu zu gehören”.

    Der Versuch, öfter “Nein” zu sagen, endete bei mir immer wieder in dieser Ablehnung und Ausgrenzung – der Versuch “Grenzen zu setzen” stieß auf die entschiedene Abwehr derer, denen die Grenzen gesetzt wurden – also diese beiden Ratschläge haben bei mir immer tiefer in die Sackgasse geführt.

    Die üblichen Trainingsprogramme für mehr Selbstsicherheit ließen mich scheitern und brachten mich immer tiefer in diese Sackgasse – alles, was ich versuchte, endete nicht erfolgreich. Für mich waren diese Programme nicht nur nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv.

    Seitdem ich akzeptiere, dass ich stärker die Emotionen anderer empfinden kann und das als “Gabe” auffasse, was mir vieles ermöglicht, was anderen verschlossen bleibt und dass ich nicht ständig darüber nachdenken muss, warum ich denn schon wieder Ja gesagt habe, obwohl ich besser Nein gesagt hätte (und demnach “versagt” habe), geht es mir besser.

    Ich weiß zwar nicht, ob das nur meine Erfahrung ist – ich wollte es einfach nur hier so mal darlegen.

    Matthias F. Heufer antworten

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