Mein Lieblingsritual mit Ablaufdatum

Über Rituale habe ich hier im Blog schon des Öfteren geschrieben, z. B. über mein Morgenritual. Sie sind auch hilfreich beim „Zeitmanagen“ und können die Stressbelastung erheblich reduzieren. Auf ein Ritual, das ich im Beitrag „Warum die Zeit im Alter schneller vergeht“ kurz erwähnt habe, möchte ich im Folgenden etwas ausführlicher eingehen.

Aber zuerst: Was ist überhaupt ein Ritual?

Ein Ritual ist eine regelmäßige Handlung, die meist gleich abläuft und ihren festen Platz z. B. im Alltag hat.

Wohl jeder von uns hat seine Rituale, die er alleine oder mit anderen „praktiziert“. Sie sind oft so allgegenwärtig, dass sie schon nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

Einige Beispiele:

pxb-abends-abschalten

Auf den vergangenen Tag zurückblicken …

„Was waren heute deine 3 schönsten Dinge?“

Aber nun zu meinem Lieblingsritual:

Jeden Abend lesen unser Sohn und ich gemeinsam aus einem Buch. Nach dem Lesen plaudern wir noch kurz über den Inhalt und dann folgt ein Tagesrückblick mit Fokus auf das Positive.

Wir zählen jeweils mindestens 3 schöne Tagesereignisse auf. Diese Anzahl habe ich bewusst gewählt, denn eine einzelne Begebenheit zu nennen, fällt nicht sonderlich schwer, eine zweite meistens auch nicht. Für ein drittes Ereignis muss man dann schon etwas mehr überlegen, und das ist gut. Denn erst dadurch besinnt man sich auf Kleinigkeiten, die sich oft erst auf den zweiten Blick als wertvoll herausstellen.

Warum ich dieses Ritual so schätze?

Nun, dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Wir lernen uns gegenseitig besser kennen

Das mag vielleicht seltsam klingen. Aber genau durch dieses Ritual lerne ich meinen Sohn, lernen wir uns gegenseitig besser kennen.

Er erzählt mir, was ihm wichtig ist, was ihm Freude bereitet; bedrückt ihn etwas, kommt das auch zur Sprache.

Ich lerne seine Sicht der Dinge.

Er erfährt von schönen Ereignissen aus meinem Arbeitsalltag, womit ich gerade beschäftigt bin – eben alles, was im (oberflächlichen) Alltagsgespräch oft untergeht.

2. Werte lassen sich vermitteln

Mit dem positiven Tagesrückblick kann ich ihm Werte vermitteln. Ein reales Beispiel:

Ich berichte ihm von einer Dankes-E-Mail, über die ich mich besonders gefreut habe. Dem Absender konnte ich in einer schwierigen Situation weiterhelfen. Ich gehe auf den Inhalt der
E-Mail und die erwähnte Situation näher ein.

Dadurch gelingt das Vermitteln mir wichtiger Werte wesentlich nachhaltiger als durch dumpfes Einpauken: „Du musst dankbar sein! Du musst hilfsbereit sein!“

3. Volle Aufmerksamkeit schenken

Im Arbeitsalltag findet man oft nicht die Zeit, sich ausreichend dem Kind zu widmen, wie man das gerne möchte. Aber auch Kinder haben tagsüber meist andere Sachen im Kopf und verbringen die Zeit lieber mit ihren Spielkameraden.

Umso intensiver genießen wir beim Ritual die gemeinsame Zeit und lassen uns dabei die volle Aufmerksamkeit zuteilwerden – das sind innige Momente der Verbundenheit.

4. Gibt Geborgenheit und Halt

Rituale sind insbesondere für Kinder wichtig. Sie geben ihnen Orientierung, Struktur und Sicherheit, aber auch Geborgenheit und Halt.

5. Eine positive Grundhaltung wird gefördert

Die Medien sind voll von schlechten Nachrichten, denn sie lassen sich bekanntlich besser verkaufen als gute. Negatives trägt nicht wirklich zur guten Laune bei, kann einen sogar „runterziehen“.

Der positive Tagesrückblick bietet dem Paroli und wirkt wie ein robuster Abwehrschild.

Auch wenn unser Sohn nicht immer Antworten auf die Frage „Was waren heute deine 3 schönsten Dinge?“ parat hat, so bleibt sein Fokus auf das Positive gerichtet – eine positive Grundhaltung wird gefördert.

Selbst ich beobachte mich dabei, wie ich tagsüber bewusst nach positiven Begebenheiten Ausschau halte, die ich dann abends bei unserem Tagesrückblick erzählen kann.

6. Ein täglicher Ruhepol

Hin und wieder gibt es einen hektischen, anstrengenden Arbeitstag, wie es eben auch mühsame Schultage gibt. Unser Ritual bildet den optimalen Ruhepol, um wieder zu entspannen und abzuschalten.

7. Das Zubettgehen fällt leichter

Kaum ein Kind geht abends gerne ins Bett – unser Sohn bildet da keine Ausnahme. Mit dem Tagesrückblick-Ritual fällt es ihm allerdings leichter, auch wenn er manchmal das Gespräch strategisch geschickt auf ein umfangreicheres Thema (über das es sooo viel zu erzählen gibt) lenkt, um das Zubettgehen noch eine Weile hinauszuzögern. :-)

Und hier noch weitere Fragen, die sich für das gemeinsame Ritual eignen:

  • Was war heute für dich das Nervigste? (Also drei positive Ereignisse nennen und ein „nerviges”, sodass aber immer das Positive überwiegt)
  • Was ist dir heute besonders gut gelungen?
  • Auf was freust du dich morgen?
  • Was hast du dir für morgen vorgenommen?

Ein Ritual mit Ablaufdatum

Das gemeinsame Lesen mit dem nachfolgenden Tagesrückblick ist für mich zu einem liebgewonnenen und wertvollen Ritual geworden.

Mir ist aber durchaus bewusst, dass es sich um ein Ritual mit Ablaufdatum handelt. In wenigen Jahren wird auch unser Sohn in die Pubertät kommen. Dann wird es Cooleres und Wichtigeres für ihn geben. Doch ich bin mir sicher, dass er spätestens als Erwachsener gerne an dieses Ritual zurückdenken und es vielleicht auch an eventuell eigene Kinder weitergeben wird.

Auch mit dem Partner möglich

Dieses Ritual (Tagesrückblick auf positive Ereignisse) kann natürlich auch mit dem (Ehe-)Partner praktiziert werden, beispielsweise abends gemeinsam bei einem guten Glas Rotwein.

Ob mit den Kindern, dem Partner oder einem anderen geliebten Menschen – so ein gemeinsamer Tagesausklang stärkt auf alle Fälle das Miteinander und fördert eine positive Grundhaltung.

Sohnemann-Wald

Hoher Baum, kleiner Sohnemann

Zum Weiterlesen:



Kommentare

  • tablana

    einfach nur schön!

    tablana antworten
  • Wolfgang Konczer

    Ein schöner, sehr persönlicher Artikel. Danke dafür!

    Ich habe mich auch gefreut, dass MEIN Abendritual, nämlich der Blick vom Balkon in den Sternenhimmel, vorgekommen ist :-))

    Liebe Grüße,

    Wolfgang Konczer

    Wolfgang Konczer antworten
  • Dieses Ritual mache ich mit meinen Kindern schon sehr lange. Und wenn ich es vergessen sollte, stehen meine Kinder extra nochmal auf.

    Es ist auch eine wunderbare Möglichkeit, Kindern positives Denken nahezubringen. Zudem sind Gedanken vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen besonders “mächtig”.

    Liebe Grüße

    Susanne Brandl

    Brandl Susanne antworten
  • Tia

    Sich jeweils 3 positive Tageserlebnisse abends bei einem guten Glas Rotwein zu erzählen, finde ich eine wunderbare Idee. Werde ich gleich meinem Mann vorschlagen ;)

    Vielen Dank für die zahlreichen inspirierenden und hilfreichen Tipps, Herr Heidenberger!

    Tia antworten
  • Susanne

    Ich finde den Partnervorschlag sehr schön. Aber: Man kann es auch bei einer guten Tasse Tee machen.

    Warum ich dazu komme: Ich arbeite mit Suchtgefährdeten bzw. Süchtigen. Seither fällt mir extrem auf, wie im Alltag (z.B. gerade auch in Filmen) das Glas Rotwein oder ein Scotch als Symbol für Entspanntsein gebraucht wird. Der Alkohol ist allgegenwärtig. Und gerade das ist für Ex-Süchtige/Alkoholiker unbedingt zu vermeiden!

    Also: entspannen, schöne Gespräche, Geborgenheit kann man auch mit einer Tasse Tee (oder wers verträgt Kaffee)!!! Einfach mal zum Überdenken.

    Lieber Gruss aus der Schweiz

    Susanne antworten
  • Wagner Rita

    Herr Heidenberger,

    ich möchte mich auch mal bedanken für Ihre vielen positiven Ideen.

    Und diese finde ich sehr gut, ich werde es auch mit meinem Mann einführen. Die Kinder sind schon zu groß ;-)

    Rita

    Wagner Rita antworten
  • DieLoewin

    Hab ich gleich an meinen Physiotherapeuten weitergeleitet, der einen sehr liebevollen Umgang mit seinen Kindern pflegt und wo das sicher gut dazupasst.

    Danke für die immer wieder so wunderbaren Anregungen. Schön, dass es Sie und Ihre Seite gibt!!!

    DieLoewin antworten
  • Ich finde dieses Ritual genial – und umso mehr gemeinsam mit seinem Kind. Kinder haben sicherlich von Natur aus sowieso mehr den Blick auf das Positive, aber mit diesem Ritual bleibt es dabei und man kann es gemeinsam genießen.

    Bei dieser Gelegenheit auch gleich ein Dankeschön für all Ihre interessanten und wunderbaren Zeitblüten.

    Sylvia

    Sylvia Hadarics antworten
  • Veronika

    Wir haben das mit unseren 5 Kindern immer am Sonntag oder nach besonderen Tagen oder kleinen Urlauben gemacht.

    Jetzt ist die Jüngste schon 20 Jahre alt, aber immer wieder reden die Geschwister miteinander über diese Rückblicke und wie unterschiedlich die Wahrnehmungen doch sind. Nie hat jemand die Aussagen des anderen kritisiert, jeder hat seine eigene Welt darstellen können.

    Ja, so lernt man die Kinder auch ein bisserl besser kennen.

    Ich halte diese Rituale für sehr wertvoll. Erziehung oder wie immer man die Begleitung der Kinder nennen mag, ist ja echt ein langfristiges Projekt.

    Wenn man dann erleben kann, dass die Kinder zufrieden und auf einem guten Weg zu einem eigenständigen Leben sind, dann trägt das sehr viel zur eigenen Zufriedenheit bei. Und man wünscht anderen Eltern, dass es ihnen auch gelingen möge in dieser Zeit, in der Orientierung nicht das einfachste ist.

    Veronika antworten
  • Sabine Wagner

    Dieses Ritual berührt mich sehr. Danke, lieber Herr Heidenberger dafür, dass Sie es mit uns teilen.

    Vorzulesen und dabei nebeneinander gekuschelt den Tag ausklingen zu lassen, war lange Jahre auch das abendliche Ritual mit meiner Tochter, von uns beiden sehr genossen. Viele der schönen Bücher habe ich übrigens aufbewahrt. Doch dieses Ritual verlor sich dann, als sie selbst lesen lernte, dann kam die Pubertät …, viele Kämpfe und nun ist das Kind fast 20 Jahre alt.

    Wenn ich das hier lese, vermisse ich vor allem, nicht selbst den Fokus auf drei schöne Dinge gelenkt zu haben. Dadurch habe ich eine wichtige Chance versäumt, sich miteinander noch intensiver auszutauschen und wie Sie beschreiben, fast spielerisch auch noch über das Wertesystem zu lernen. Leider war ich damals noch nicht so reflektiert, meine Gedanken und Gefühle noch nicht so sortiert und bewusst, wie ich mich heute damit fühle.

    Ja, und diese Zeit ist um. Meine Tochter hat vor einer Woche ihre eigene kleine Wohnung bezogen. Vielleicht frage ich sie, was sie davon hält, dass wir uns täglich zumindest ein schönes Ding vom Tage ‘whats appen’.

    Sabine Wagner antworten
  • Tilo

    Guten Tag Herr Heidenberger,

    vielen Dank für den inspirierenden Tipp mit dem Einschlafritual! Er hat mich sehr tief berührt (warum, das gehört nicht ins öffentliche Forum) und ich werde ihn unverzüglich umsetzen.

    Ihnen auch weiterhin alles Gute und herzliche Grüße von einem bisher “stillen Leser”

    Tilo antworten
  • Christine

    Danke für die Ritualgeschichte.

    Zum Ablaufdatum – er wird sich ganz bestimmt daran erinnern.

    Meine Mutter hat mir jeden Abend vorgesungen, wenn sie an meinem Bett saß und mich noch einmal in den Arm nahm vor dem Einschlafen. Heute, 50 Jahre später, spüre ich noch immer voller Dankbarkeit dieses Gefühl von Geborgenheit.

    Meine Mutter ist heute dement und manchmal nehme ich sie in den Arm, streichle sie und wünsche mir, dass ich ihr ein wenig von diesem Gefühl heute zurückgeben kann.

    Christine antworten
  • Antje

    Hallo Herr Heidenberger!

    Ich kann das Positive an diesem Ritual nur bestätigen. Als Kind ist mir abends immer nur das erzählt worden, was nicht gut gelaufen ist. Und hat dem entsprechend auch meine Sicht auf die Welt maßgeblich geprägt.

    Mit fast 40 Jahren habe ich dieses Ritual mir jetzt langsam angelernt, indem ich abends für mich eine schriftliche Tagesrückschau halte, wo ich die positiven Dinge hervorhebe. Seitdem hat sich mein Leben stark verändert – zum Guten!!

    Weiterhin verbinde ich mich innerlich mit einem mir lieben Menschen pro Tag, bedanke mich innerlich und manchmal auch persönlich bspw. dafür, dass der Busfahrer mich gut von A nach B gebracht hat, oder allgemeiner für das tolle öffentliche Netz, was es in meiner Stadt gibt.

    Meine Wertschätzung und Dankbarkeit für die ‘kleinen Dinge’ ist damit enorm gestiegen und ich fühle mich viel verbundener mit den Menschen.

    All das hilft mir sehr und ich möchte es in meinem Leben nicht mehr missen. Und wenn ich noch in den Genuss kommen sollte, Kinder zu bekommen, dann weiß ich schon jetzt, wie ich das Abendritual gestalten möchte. :)

    NUR: nie wieder Negatives kurz vor dem Schlaf – ein wirkliches NO-GO für kleine wie auch große Menschen!

    Antje

    Antje antworten
  • ET Arnold

    Einleuchtende Blüten

    Darf ich noch meinen Senf dazu geben: Jeden Tag geniessen. Bitte sich im Elan nicht bremsen lassen! Es gibt viele Bremser, die nicht nur aus Vorsicht und Vernunft, sondern vor allem aus NEID uns blockieren. Sollen sie doch zuerst ihr eigenes Leben unter die Lupe nehmen.

    Brust raus, Bauch rein Kopf hoch.

    Einen schönen Tag an alle Zeitblüten, Esther

    ET Arnold antworten

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