Perfektionismus? Muss nicht sein!

Perfektionismus, also das Streben bzw. der Drang nach Perfektion, kann zu einer Belastung werden. Perfektionisten haben auch häufig Schwierigkeiten mit ihrem Zeitmanagement, da sie viel Zeit aufwenden, um an „unnötigen“ Details zu feilen. Was es mit dem Perfektionismus auf sich hat und wie man ihm entgegenwirken kann – dazu habe ich Bettina Stackelberg, die Autorin des Buches „Gut reicht völlig. Selbstbewusste Wege aus der Perfektionsfalle (Amazon)“  (C.H. Beck Verlag) befragt.


Zur Person:

Website von Bettina Stackelberg

Bettina Stackelberg, die Frau fürs Selbstbewusstsein ®, Trainerin, Coach und Buchautorin

bettina-stackelberg

„Gesundes Selbstbewusstsein und überzogener,
ungesunder Perfektionismus schließen sich aus.“


Frau Stackelberg, wann ist für Sie ein Mensch ein Perfektionist?

Ein Perfektionist ist für mich ein Mensch, der das rechte Maß nicht (mehr) kennt und nie wirklich aufhören kann, an einer Sache zu arbeiten. Ein bisschen was geht immer noch, ist seine Devise.

Er ist nie wirklich zufrieden, kann somit auch nie wirklich z. B. ein Projekt abschließen und es – auch gedanklich – loslassen.

Für mich persönlich ist „Perfektionist“ ganz klar negativ besetzt und nicht anerkennend gemeint, wie bei manch anderem.

Kann ich einen Perfektionisten in meinem Arbeits- und Bekanntenumfeld erkennen? Gibt es hier ein paar typische Merkmale, die auf einen Perfektionisten schließen lassen?

Der stets gehetzte Blick und die verkrampfte Körperhaltung? :-) Spaß beiseite. Da die Grenze vom noch gesunden zum ungesunden, also überzogenen Perfektionismus fließend ist, erkennen wir solche Menschen oft nicht auf Anhieb.

Ungesund gelebter Perfektionismus zeigt sich im Nichtloslassenkönnen:

  • der Familienvater, der grundsätzlich den halben Sonntag am Rechner sitzt
  • die berufstätige Mutter, die generell nach einem langen Arbeitstag noch die Wohnung putzt
  • die Freundin, die nie einfach nur zum Käsebrot einlädt, sondern stets zum 5-Gänge-Menü
  • der Partner, der wirklich jeden Abend noch lange von der Arbeit erzählt
  • der Nachbar, bei dem es immer aussieht wie im Einrichtungskatalog
  • die Mutter, die den ganzen Tag hinter ihren Kindern her ist, damit sie stets die Hausaufgaben machen und pünktlich zum Tennis-/Geigen-/Ballettunterricht kommen
  • die Freundin, die tagelang verzweifelt und bedrückt ist, wenn ihr in der Arbeit ein Fehler unterlaufen ist

Ein gewisser Hang zum Perfektionismus im Beruf kann doch recht nützlich sein, oder?

Ganz recht! Wie sagte schon der alte Paracelsus:

„Es gibt keine Gifte, es ist alles eine Frage der Dosierung.“

Wir dürfen und sollen ehrgeizig sein – nur so geht etwas voran. Wir dürfen uns auch festbeißen, anstrengen und es noch besser machen wollen. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass wir möglichst gut sein wollen – das bringt Fortschritt, Innovation und Gewinn.

Low-Performer, die Dienst nach Vorschrift machen oder sich lediglich als Rädchen im Getriebe und Befehlsempfänger ohne eigene Verantwortung empfinden, hemmen den guten Lauf.

Ehrgeiz ist prima, sein Bestes geben zu wollen, ist auch richtig. Wichtig hierbei ist es jedoch, die Grenze zu sehen zu „der Beste sein wollen“.

Übertriebener Perfektionismus ist nämlich für niemanden mehr nützlich! Der Perfektionist selbst wird dadurch irgendwann krank (oder einsam, weil er seinen Freundeskreis verliert), er macht dann auch mehr Fehler, was wiederum der Firma schadet, und so setzt es sich dann fort.

Wenn ich mein Bestes geben will und auch gebe, so muss das reichen … und tut es in der Regel auch!

Perfektionismus kann also auch lähmen?

In der Tat! Perfektionistische Menschen geben z. B. ihre Arbeit erst dann ab, wenn sie ihrer Meinung nach perfekt ist … also nie!

Ganz oft gibt’s im Arbeitsalltag ja Deadlines: Projektende, Termin der Präsentation vor den Kunden, Redaktionsschluss für einen Artikel. Und diese Deadlines gilt es einzuhalten – was perfektionistischen Menschen meist sehr schwer fällt. Weil sie an dem Artikel doch noch mal zum x-ten Mal was umschreiben könnten. Weil sie für die Präsentation doch noch die allerallerneuesten Zahlen einbauen könnten. Weil sie zur Sicherheit das Projekt noch mal genau überprüfen wollen.

Perfektionisten warten also … und das oft zu lange.

Sie geben lieber gar kein Ergebnis als ein schlechtes ab. Sie lassen sich lieber eine tolle Chance entgehen, anstatt erst mal zuzusagen und dann das Beste daraus zu machen.

Neigen eher Frauen oder eher Männer zum Perfektionismus – lässt sich das überhaupt sagen?

Verallgemeinerungen sind immer schwierig. Beide, Männer wie Frauen, kennen sicher Perfektionismus.

Mir scheinen jedoch die Ursachen dafür dann in unterschiedlichen Bereichen zu liegen:

  • Frauen sind besonders häufig perfektionistisch, weil sie es allen recht machen wollen, alle Rollen 100%ig erfüllen wollen, von Mutter über Partnerin, Freundin und Kollegin. Frauen können häufig schlecht „Nein!“ sagen und laden sich dann noch mehr Arbeit auf, die sie selbstverständlich auch 100%ig korrekt, also perfekt erledigen wollen.
  • Männer sind oft deshalb perfektionistisch, weil sie ein ganzer Kerl sein und durch stetige Leistung brillieren wollen. Sie geben ungern Schwäche zu, ziehen ihr Selbstbewusstsein aus den Superlativen, die über sie gesagt werden.

Wenn Sie es aber genau betrachten – gibt es auch solche Frauen. Und Männer, die harmoniesüchtig sind. Wie gesagt – Verallgemeinerungen hinken eigentlich immer.

Welche Ursachen hat der Perfektionismus eines Menschen?

Die Ursachen liegen wie immer in meinen Wurzeln – also in der Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin. Hier spielt natürlich sowohl Erziehung als auch das Lernen am Vorbild eine Rolle:

  • Wie waren meine Eltern so unterwegs beim Thema Perfektionismus?
  • Konnte die Mutter mal fünfe gerade sein lassen und die Staubflocken auch mal in Ruhe lassen oder sah es immer wie geschleckt aus?
  • War der Vater in der Lage, auch mal abzuschalten und sich ausschließlich um sich und seine Familie zu kümmern?
  • Musste ich mir Zuneigung und Liebe durch Leistung erkaufen?
  • Durfte ich einfach „nur“ Kind sein oder wurde ich schon früh in viele „pädagogisch wertvolle“ Hobbys getrieben?

Wichtig hier ist mir: Eltern sind nicht „schuld“! Schuldzuweisungen bringen mich nicht weiter. Und Eltern haben auch ihre Wurzeln und somit Gründe, so zu sein, wie sie sind.

Und außerdem reicht es nicht, zu erkennen, woher ich meinen Perfektionismus habe – das ist erst der Anfang. Dann muss ich aktiv werden und etwas ändern – und mich nicht ausruhen und die Verantwortung von mir weisen, mit der Einstellung „Ich hatte eben eine schlechte Kindheit!“.

Wie können Eltern vorbeugen, dass sich ihr Kind zu einem Perfektionisten entwickelt?

In erster Linie damit: Lieben Sie Ihr Kind! Einfach so! Weil es ist, wie es ist. Und nicht erst, wenn … (es brav ist, gut in Latein ist, der Omi immer ein Küsschen gibt, immer an Muttertag denkt, das Richtige studiert)! Und fördern Sie den natürlichen Ehrgeiz des Kindes, fordern, aber überfordern Sie es nicht.

Leben Sie Ihrem Kind vor, wie das geht mit dem „gesunden“ Ehrgeiz, mit dem Ziel, sein Bestes zu geben, ohne der Beste sein zu müssen.

Apropos vorleben: Die bewusste Erziehung und das Vorleben sollten immer in eine Richtung gehen. Es nützt nichts, dem Kind zu sagen, so schlimm sei der Fünfer in Mathe nicht, wenn Sie selbst aber wochenlang am Boden zerstört durch die Gegend laufen, wenn Sie einen Auftrag nicht bekommen haben.

Leben Sie dem Kind vor, dass Leistung und sich anstrengen wichtige Werte sind und auch viel Spaß machen können. Dass sich der Wert eines Menschen aber nicht an seiner Leistung oder gar seiner Perfektion misst.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Perfektionismus und dem Selbstbewusstsein?

Meiner Ansicht nach schließen sich gesundes Selbstbewusstsein und überzogener, ungesunder Perfektionismus geradezu aus.

Wenn ich mir meiner selbst bewusst bin, dann kenne ich meine Bedürfnisse und trete für sie ein. Und dann weiß ich, wo die Grenze ist, wann ich „Nein!“ sagen sollte.

Wenn ich das also weiß und dementsprechend agiere, werde ich selten Gefahr laufen, zu perfektionistisch unterwegs zu sein.

Der selbstbewusste und selbstsichere Mensch ist sehr wohl ehrgeizig und strengt sich an, möchte Ziele erreichen. Er weiß aber auch, wenn es dann mal gut ist, wann es reicht, wann auch mal 80 % ausreichen. Er strebt vielleicht das Optimum an, zu dem er fähig ist – aber eben nicht mehr als dies. Und er versteht es, sich selbst die richtige Messlatte zu legen und macht das „So ist’s genug!“ nicht von anderen abhängig.

Sind Perfektionisten eher gefährdet, einen Burnout zu erleiden?

In der Regel: Ja.

Derjenige, der Schlag 5 Uhr den Stift fallen lässt oder völlig problemlos halbfertige Arbeiten abgibt, ohne dass es ihn sonderlich juckt – diese Menschen sind sicher nicht wirklich stressgefährdet.

Perfektionisten sind diejenigen, die kein Ende finden, selten loslassen können und immer noch eine Schippe oben drauf legen – deshalb sind sie klar gefährdeter, weil sie ihre Grenzen nicht merken bzw. nicht anerkennen. Sie sind meist ziemlich schlecht in der Selbstfürsorge.

Ein wichtiger Aspekt dabei: Diese Perfektionisten sind leider oft sogar stolz darauf, messen ihren Erfolg an dem Maß an Gestresstsein. Eine Führungskraft sagte mir mal allen Ernstes im Coaching:

„Zu einer richtigen erfolgreichen Karriere gehört eben irgendwann das Magengeschwür dazu.“

Burnout ist bei manchen Menschen heutzutage geradezu eine Auszeichnung – furchtbar!

Noch ein Tipp:

Die gar so Perfektionistischen regen sich ja auch besonders gern mal über die faulen Kollegen auf, die immer die Arbeit auf sie abwälzen und nur Dienst nach Vorschrift machen. Statt sich über diese Kollegen zu ärgern – sehen Sie es doch mal andersherum: Was kann dieser Kollege (vielleicht ein wenig zu gut), was Sie selbst zu wenig können?

Schauen Sie sich ein bisschen was ab zum Thema „Grenzen setzen und Nein sagen“. Sie müssen es ja nicht gleich völlig übernehmen, aber vielleicht die eine oder andere Scheibe abschneiden!?

Die Kernbotschaft Ihres Buches lautet „Gut reicht völlig“. Was ist der Unterschied zwischen gut und perfekt?

Wenn ich „gut“ anstrebe, dann kenne ich die Grenze, das Ende. Zu „perfekt“ reicht nie wirklich, da ist kein Ende in Sicht, ein bisschen mehr/härter/länger/intensiver geht dann sicher immer noch.

Kann man Perfektionismus überhaupt ablegen?

Darum geht es gar nicht. Es geht nicht um entweder/oder, um schwarz oder weiß. Es geht ums richtige Maß. Sie wissen schon, das Ding mit der richtigen Dosierung und so. :-)

Die Herausforderung ist, das Zuviel abzuschneiden – den Teil, der mich zu sehr anstrengt, unter Druck setzt, stets unzufrieden zurücklässt, der auf Kosten meiner Lebensfreude und Energie geht.

Im Übrigen ist dieses Überperfekte auch das, was mich am wirklichen Erfolg hindert! Weil dem Perfektionismus nämlich oft die Leichtigkeit, die Kreativität und auch der Mut fehlt.

Der Mut zu entspannter Unvollkommenheit, der Mut zur Lücke.

Welche Voraussetzungen sind hierfür notwendig?

Es gibt zumindest eine Grundvoraussetzung: Ich muss es wirklich wollen! Ich muss meine Bedürfnisse, meine Selbstfürsorge über meine Harmoniesucht stellen und es aus echtem eigenen Antrieb wirklich wollen.

Eines ist mir nämlich ganz wichtig: Es gibt Menschen, denen macht ihr Perfektionismus nichts aus, sie würden eher leiden, wenn sie daran arbeiten sollten. Wunderbar, dann ist alles in Ordnung!

Wenn Sie aber das Gefühl bekommen, der Perfektionismus schadet Ihnen, hemmt Sie, steht Ihnen im Weg und raubt Ihnen die Energie – dann entscheiden Sie sich! Und das erfordert am Anfang ein gerütteltes Maß an Mut. Trauen Sie sich!

Trauen Sie sich, Nein zu sagen, Arbeiten vielleicht auch mal nur zu 90 % perfekt abzugeben, nicht in all Ihren Rollen brillant und perfekt glänzen zu müssen. Sobald Sie einmal damit angefangen haben, werden Sie belohnt für Ihren Mut:

Dann nämlich merken Sie, dass dieser Schritt gar keine so schlimmen Konsequenzen nach sich zieht, wie Sie vielleicht befürchtet haben.

Die Menschen wenden sich nicht gleich von Ihnen ab, weil Sie mal Nein sagen. Der Chef merkt es vielleicht gar nicht, dass in der Arbeit nicht 150, sondern „nur“ 90 % Energie steckt.

Sie erleben dann immer häufiger: Gut reicht völlig!

Habe Sie noch eine konkrete Übung, mit der man den eigenen Perfektionismus abbauen kann?

Wie erwähnt, erfordert der Beginn ein wenig Mut – fangen Sie also klein an! Es geht nicht darum, schlagartig von heute auf morgen Ihr ganzes Leben umzukrempeln. Ein paar Ideen zum Klein-Anfangen und Üben sind beispielsweise:

  1. Nehmen Sie morgens zur Arbeit eine U-Bahn später.
  2. Kommen Sie zu einer Verabredung fünf Minuten zu spät – nur fünf Minuten. Und wenn Sie wie gewohnt überpünktlich im Auto vor dem Restaurant ankommen – bleiben Sie sitzen. Nur fünf Minuten!
  3. Tragen Sie die Jeans mal ungebügelt.
  4. Tragen Sie verschiedene Socken! Starten Sie mit zwei verschiedenen schwarzen und arbeiten Sie sich zur Kür in Blau und Rot vor. :-)
  5. Laden Sie Ihre Freunde mal nicht zum üblichen 4-Gänge-Menü ein, sondern zu Schnittchen und Bier.
  6. Üben Sie das Neinsagen, wann immer es sich anbietet! Fangen Sie ganz profan an der Wursttheke damit an, wenn die Verkäuferin Ihnen statt der gewünschten 100 Gramm Salami 130 abschneidet und fragt: „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ – eine wunderbare Gelegenheit, Nein-Sagen zu üben: Hier geht’s um nix (außer um 30 Gramm Salami).
  7. Trainieren Sie Ihre Spontaneität – ein guter Gegenpol zur Perfektion: Überlegen Sie nicht drei Wochen, sondern nur ein Wochenende lang, wo Sie Ihren Sommerurlaub verbringen wollen. Entscheiden Sie sich in fünf Minuten, ob Sie mittags zum Italiener oder Chinesen gehen. Überlegen Sie nicht so lange, was Sie morgens anziehen.

Herzlichen Dank, Frau Stackelberg!

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