Es kann nicht stets alles eitel Wonne sein. Einem Streit kann und soll man nicht immer ausweichen. Aber richtig streiten – im Sinne eines konstruktiven Streitgesprächs – ist alles andere als einfach. Das liegt auch daran, dass bei einem Streit Emotionen meist von beiden Seiten im Spiel sind. Und je größer die Emotionen, desto schwieriger ist eine kontrollierte „Steuerung“ des Streits.
Aber richtiges Streiten fällt auch deshalb vielen schwer, weil wir es auch nie gelernt haben. Im Gegenteil! Schon in der Kindheit wird uns vermittelt, dass Auseinandersetzungen etwas Schlechtes sind.
Kindern wird das Streiten verboten und sie werden dafür oft sogar bestraft. Dabei bietet sich schon bei Kindern die Chance, ihnen konstruktives Streiten zu vermitteln.
Streiten ist wichtig – auch und gerade in einer Beziehung! Immer unter der Voraussetzung, dass der Streit konstruktiv erfolgt.
Gerade in Beziehungen kann eine niveauvolle Streitkultur ein gutes Fundament für eine stabile Beziehung sein.
In Beziehungen trifft man oft zwei „Extreme“ an. Da gibt es Partnerschaften, auch langjährige, in denen nie gestritten wird. Das kann daran liegen, dass einer oder sogar beide Partner „harmoniesüchtig“ sind und Streit ausschließlich als negativ bewerten.
Ein Streit dient auch dazu, seine Unzufriedenheit, seine vernachlässigten Bedürfnisse und Wünsche kundzutun. Oft findet diese Kommunikation des „Friedens willen“ nicht statt. Diesem Harmoniebedürfnis in der Beziehung können Verlustängste zugrundeliegen: Jeder Streit wird gemieden, weil einer der Partner Angst hat, den anderen zu verlieren.
Diese aufgestaute Unzufriedenheit kann sich schließlich in Wut verwandeln. Irgendwann wird ein Ventil alles raus lassen und das äußert sich dann häufig in einer Eskalation, die eine Beziehung in ihren Grundmauern erschüttert oder auch zerstört.
Das andere „Extrem“ ist das permanente Streiten, auch und vor allem wegen Kleinigkeiten. Von einer gesunden Streitkultur kann man dabei nicht mehr sprechen. Hier sollte man weniger die einzelnen Streitauslöser unter die Lupe nehmen, sondern tiefer gehen und den Grund für die permanenten Sticheleien und Auseinandersetzungen suchen. So könnte der beispielsweise in Machtspielen liegen.
Streit kann eine reinigende Wirkung haben und damit auch eine Beziehung festigen. Vorausgesetzt, beide Partner legen auf eine gesunde Streitkultur Wert.
Folgend einige Tipps, mit denen man eine gesunde Streitkultur fördern kann:
Pauschalierungen vermeiden
Pauschalierungen wie „nie“, „immer“ und ähnliche werden häufig verwendet. Diese gilt es unbedingt zu vermeiden. Stattdessen gehören Fakten auf den Tisch. Wann genau? Also die Nennung konkreter Beispiele.
Du- bzw. Sie-Sätze vermeiden
Also Sätze, die mit Du bzw. Sie (abhängig vom Verhältnis) beginnen, sollte man möglichst vermeiden. Solche Anklage-Sätze treiben den anderen in die Ecke, aus der er sich mit aller „verbalen Kraft“ rauszubugsieren versucht. Und damit ist schon eine große Portion Emotion mehr im Spiel, die ein konstruktives Streitgespräch umso schwieriger gestaltet.
Ich-Sätze verwenden
Mit Ich/Mich-Sätzen sollten Sie dem Gegenüber vermitteln, was Sie fühlen. Beispiele:
„Ich habe mich sehr geärgert bzw. es ärgert mich, dass …“
„Es hat mich sehr verletzt …“
Oft ist dem anderen gar nicht bewusst, was er/sie z. B. durch eine Aussage oder eine Handlung ausgelöst hat. Das Kommunizieren der eigenen Gefühle kann dem Gegenüber die Augen öffnen und damit die Basis für ein konstruktives Streitgespräch liefern.
Beleidigungen vermeiden
Bei einem heftigen Streit kommen beleidigende Worte schnell über die Lippen. Aber genau solche Beleidigungen, Beschimpfungen und auch Provokationen lassen kein „richtiges“ Streiten zu. Im Gegenteil! Damit wird der Streit auf eine dekonstruktive Ebene verlagert. Zwei chinesische Sprichwörter bringen es auf den Punkt:
Es ist schwer, in einem Jahr einen Freund zu gewinnen. Es ist leicht, ihn in einer Stunde zu verlieren.
Wer wütend ist, verbrennt oft an einem Tag das Holz, das er in vielen Jahren gesammelt hat.
Deshalb wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht und vermeiden Sie Beleidigungen!
Vergangenheit ruhen lassen
In einer Auseinandersetzung wird häufig Vergangenes wiederholt und für die eigene Argumentation verwendet. Dieses Aufwärmen vergangener Fehler ist alles andere als förderlich für die Lösungsfindung. Auch hier möchte ich nochmals eine chinesische Weisheit zitieren:
Ist eine Sache geschehen, dann rede nicht darüber. Es ist schwer, verschüttetes Wasser wieder einzusammeln.
In einem Streit sollte man möglichst auf die aktuelle Situation eingehen und nicht Vorkommnisse von früher herbeiziehen.
Unter vier Augen
Das Streitgespräch sollte möglichst stets unter vier Augen stattfinden. Das gilt auch für Beziehungen mit Kindern. Oft wird in deren Anwesenheit gestritten. Das verletzt und belastet die Kinder.
Deshalb sollte immer unter vier Augen gestritten werden. Wenn hingegen beide Streitpartner keinen Schlichtungsweg finden, kann eine neutrale Person hinzugezogen werden, welche die Rolle des Mediators übernimmt. Eine objektive Perspektive kann für beide Partner eine wertvolle Hilfe darstellen.
Zuhören
Auch wenn es nicht leicht fällt, sollte man versuchen, dem anderen zuzuhören. Also den anderen nicht unterbrechen, sondern ausreden lassen. Denn in einer Auseinandersetzung überhört man gerne die Anliegen des anderen, weil man nur die eigenen Argumente als die richtigen betrachtet.
Zusammenfassen
Auch wenn das jetzt vielleicht praxisfern klingen mag. Aber wenn beide Parteien an einer guten Streitkultur arbeiten und interessiert sind, sollte dieser Punkt nicht außer Acht gelassen werden:
Jede Streitpartei sollte die Argumentation des anderen nochmals in eigenen Worten zusammenfassen. Das setzt natürlich auch den vorgenannten Punkt voraus: das Zuhören.
„Habe ich das richtig verstanden, dass …“
„Es ist also so, dass …“
Lösung bzw. Kompromiss anbieten
Im besten Fall laufen Auseinandersetzungen auf eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung hinaus. Das Anbieten einer solchen durch eine Partei trägt zu einem konstruktiven Streitgespräch bei.
Zeit nehmen
Ein Streit sollte nie zwischen Tür und Angel ausgetragen werden. Auch wenn es in den wenigsten Fällen möglich ist, so lässt sich der Zeitpunkt eines Streitgesprächs manchmal planen. Es ist wie mit einem guten Gespräch. Auch ein konstruktives Streitgespräch erfordert ausreichend Zeit.
Sich in den anderen hineinversetzen
Kritik kann berechtigt, aber auch unberechtigt sein. Trifft zweiteres zu, sollte man hinterfragen, warum die andere Seite das so sieht. Also versuchen, sich in deren Lage zu versetzen. Das gilt aber nicht nur bei unberechtigten Vorwürfen, sondern generell für jede Auseinandersetzung.
Mit Lob beginnen
Abschließend noch ein effektiver „Trick“, um einen Streit in Richtung „konstruktiv“ zu lenken. Beginnen Sie den Streit mit einem Lob und erst dann teilen Sie mit, was Sie stört. Beispiel:
„Ich schätze an dir, dass du …, aber … macht mich wütend!“
Mit diesen Tipps sollte eine konstruktive Streitkultur gelingen, vorausgesetzt, alle Beteiligten sind daran interessiert.
Zum Weiterlesen:
Weiterführende Links:
Schmökern Sie in weiteren Beiträgen zum Thema „Lebensgenuss & -vereinfachung“. Oder werfen Sie einen Blick auf das gesamte Themen-Menü.