Ihr Kind lernt durch selber tun

Gastbeitrag von Dr. Priska Heidenberger, Kindergartenpädagogin und Kinderbuchautorin:

Ihr Kind lernt, indem es Dinge selber tut.

Lassen Sie Ihr Kind möglichst viel selber machen. Kinder lieben es, Erwachsenen zu helfen. Sie erledigen, im Gegensatz zu manch Erwachsenen, Hausarbeiten gerne. Schon Kleinkinder helfen gerne mit. Überlegen Sie, wo Ihr Kind mithelfen kann.

Im Alltag gibt es viele Gelegenheiten dazu – hier ein paar Beispiele:

  • Bei den Hausarbeiten: Blumen gießen, Tisch decken, Tisch abräumen, Wäsche aufhängen, Tisch abputzen, Geschirr abtrocknen.
  • Beim Kochen und Backen: Zucker in die Schüssel schütten, Teig kneten, Soße umrühren, wiegen, messen.
  • Beim Gärtnern: Steine aufsuchen, bewässern, Erde umstechen, Blumen einsetzen, ernten.

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„Selbstständig sein“ kommt von „selber stehen können“

Kinder mögen “Dinge” selber tun

Denn dabei machen sie die so wertvolle Erfahrung, dass sie etwas können. Sie haben Erfolgserlebnisse. Das stärkt nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein: Ihnen wird bewusst, was sie können, was sie gelernt haben.

Wenn Sie Ihr Kind mithelfen lassen, dann wird der Christbaum sicher nicht so geschmückt sein, wie Sie es sich vorgestellt haben, und Sie werden von den Kristallgläsern vielleicht nur mehr vier statt sechs haben.

Dafür haben Sie aber etwas, das viel wertvoller ist: ein selbstständiges Kind.

“Selbstständig sein” kommt von “selber stehen können”

Wussten Sie, dass im Wort selbstständig “selber stehen” steckt?

Damit Ihr Kind im wörtlichen und übertragenen Sinne selber stehen lernt, müssen Sie sich mit Ihrem Tun, Ihrer Vorsicht und Ihrer Hilfe zurückhalten.

Lassen Sie Ihr Kind selbst probieren.

Lassen Sie Ihr Kind möglichst viel versuchen: die Jacke zuknöpfen, den Reißverschluss zumachen, den Tisch decken.

Greifen Sie nicht sofort ein, wenn Ihr Kind etwas nicht auf Anhieb schafft. Zu Beginn mag das für Sie vielleicht etwas ungewohnt sein. Vielleicht wird es Ihnen “unter den Fingern jucken”, wenn Ihr Kind lange oder umständlich versucht, den Reißverschluss zu schließen.

Verzichten Sie aber darauf, vorschnell einzugreifen und den Reißverschluss zuzumachen. Lassen Sie das Kind selber probieren.

Kinder lernen, die Jacke zuzuknöpfen, indem sie es selber probieren.

Natürlich geht es schneller, wenn Sie Ihrem Kind den Reißverschluss schließen. Aber das ist nicht das, was wir anstreben.

Wir wollen nicht, dass es schneller geht, sondern dass Ihr Kind Selbstvertrauen entwickelt. Das kann es nur, wenn es selber probieren darf.

Wenn Kinder Neues lernen, dann brauchen sie, genau wie wir Erwachsene, Zeit zum Üben. Bei Kindern fällt es uns oft schwer, ihnen diese Zeit zuzugestehen. Das liegt daran, dass uns die Sachen, die Kinder lernen, als sehr einfach erscheinen. Wir vergessen, dass es für ein Kind schwere Arbeit bedeutet, zu lernen, beispielsweise einen Reißverschluss zu schließen.

Dies ist in etwa vergleichbar damit, wenn wir als Jugendlicher den Führerschein gemacht haben. Wie viel Konzentration und Üben war da in den ersten Fahrstunden nötig, bis Kupplung, Bremse und Gang unter unserer Kontrolle waren. Denken Sie das nächste Mal daran, wenn Ihr Kind dabei ist, etwas zu lernen.

Wenn Sie sehen, dass Ihr Kind den Reißverschluss nicht zubekommt, warten Sie, bis es um Hilfe bittet. Oder fragen Sie, ob es Hilfe braucht. Vermeiden Sie aber, ihm einfach den Verschluss zu schließen. Denn dann machen Sie ihm nicht nur den Reißverschluss zu, sondern nehmen ihm auch seine Motivation.

Kinder, die alles getan bekommen, entwickeln keine Motivation

Probieren Sie es selber. Machen Sie dazu folgendes Experiment, damit Sie sich in Ihr Kind einfühlen können. Dieses Experiment bezieht sich zwar auf ein Baby, doch dies spielt für den Zweck der Übung keine Rolle. Die Entwicklung der Motivation gilt sowohl für Babys als auch für Kleinkinder.

Ein Experiment

Platzieren Sie einen Gegenstand am Ende eines Teppichs. Dann entfernen Sie sich etwa zwei Meter vom Gegenstand. Legen Sie sich wie ein Baby auf den Bauch und stellen Sie sich vor, dass Sie nur durch Schlängelbewegungen den Gegenstand erreichen können. Sie konzentrieren sich, bewegen sich mit großer Anstrengung nach vorne und kurz bevor sie den Gegenstand erreichen, drückt Ihr Partner Ihnen den Gegenstand in die Hand.

So ergeht es Kindern manchmal. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Ihnen zu verdeutlichen, wie wichtig unsere Zurückhaltung ist.

Wenn wir vorschnell eingreifen, bringen wir Kinder um den Lohn ihrer Bemühungen.

Sollten Sie bis jetzt so gehandelt haben, dann brauchen Sie sich keine Vorwürfe machen. Wir handeln immer nur nach unserem Wissensstand. Was wir jedoch jederzeit tun können: dazulernen und die Dinge ändern – nach dem Motto “vom Wissen zum Handeln”.

Wenn Sie bisher dazu geneigt haben, Ihrem Kind sämtliche Anstrengung abzunehmen, dann ändern Sie das nun. Lassen Sie das Kind selber probieren, auch wenn es das Kind Mühe kostet und auch – um beim Beispiel zu bleiben – wenn es zwei Wochen braucht, um den Reißverschluss selbst zu schließen.

Aber das Gefühl, es dann selbst geschafft zu haben, erfüllt die Kinder mit Freude und Stolz. Das sind Erfolgserlebnisse, die das Selbstvertrauen Ihres Kindes stärken.

In diesem Zusammenhang muss ich Ihnen noch etwas Wichtiges sagen:

Situationen unterscheiden

Erkennen Sie die Unterschiede von anscheinend gleichen Situationen.

Sich zurückzuhalten, damit Ihr Kind Dinge selber tun kann, bedeutet aber nicht, dass Sie nun Ihrem Kind nie mehr den Reißverschluss zumachen sollen.

Es gibt Situationen, in denen Kinder es gerne haben, wenn Erwachsene sie bedienen. Bedienen meine ich hier absolut positiv. Kinder genießen es, wenn Eltern ihnen ab und zu die Jacke zumachen oder die Schuhe binden. Auch wenn sie es bereits selbst können.

Seien Sie aufmerksam, um den Unterschied von anscheinend gleichen Situationen wahrzunehmen.

Sich zurückzuhalten, bedeutet, liebevoll im Hintergrund sein

Sich zurückzuhalten, bedeutet nicht, das Kind allein zu lassen.

Zurückhaltung hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Im Gegenteil: Es bedeutet, Anteil an dem zu nehmen, was das Kind tut. Es bedeutet, ihm aufmerksam zuzuschauen, zu helfen, wenn es Hilfe braucht.

Dadurch empfindet Ihr Kind, dass es eine wichtige, geschätzte Person ist. Das stärkt sein Selbstbewusstsein.

Seien Sie aufmerksam für das, was Ihr Kind braucht.

So vermeiden Sie, dass Sie Dinge aus Gewohnheit tun, wie es z. B. Günthers Mutter passiert ist. Günther, fünf Jahre, kann sich bereits selber die Jacke an- und ausziehen. Trotzdem zieht ihm die Mutter immer die Jacke an. Bis es Günther zu viel wird und er zu ihr sagt: “Mama, ich bin kein kleines Baby mehr, ich kann das alleine.”

Sind Kinder nicht wunderbar? Sie sagen uns deutlich und ohne Umschweife, was sie wollen.

Wenn Sie etwas für Ihr Kind tun, dann mit Achtsamkeit

Egal ob Sie ihm die Schuhbänder binden, den Reißverschluss zumachen, das Essen reichen, die Haare bürsten oder die Mütze aufsetzen. Tun Sie es möglichst liebevoll und mit Ruhe, denn Ihr Kind spürt diese Liebe.

Ihr Kind spürt die Ruhe, die von Ihnen ausgeht.

Sie brauchen jetzt nicht Sorge haben, dass Sie in jeder Situation und immer und überall ruhig und achtsam reagieren müssen. Das geht gar nicht. In unserem Leben geht es immer wieder stressig und hektisch zu. Das ist ganz normal und auch in Ordnung.

Wichtig ist nur, dass wir von hektischen Zeiten wieder zur Ruhe finden.


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