Mein Schnecken-Experiment

Das folgende tolle Zitat habe ich mal irgendwo aufgeschnappt:

Ich fragte eine Schnecke,
warum sie so langsam wäre.
Sie antwortete, dadurch hätte sie
mehr Zeit, die Welt zu sehen.
Wolfgang J. Reus, dt. Journalist, 1959 – 2006

Mehr Zeit, die Welt zu sehen …

Dieses Zitat schwirrte eine Weile in meinem Kopf herum. Denn es ist ja so:

Wir leben heute in einer schnelllebigen und oft sehr hektischen Zeit. Viele von uns stehen täglich „unter Strom”. Durch diese Hektik verlieren wir oft den Blick auf Kleinigkeiten, das Schöne, das Herzliche.

Etwas veranschaulicht: Wenn wir mit dem Auto mit „100 Sachen“ durch eine schöne Umgebung rasen, werden wir diese Schönheit kaum wahrnehmen. Wenn wir hingegen langsam fahren, wird uns mehr auffallen und die Fahrt kann zu einem Genuss werden.

Und was bedeutet das für den Alltag?

Ich möchte damit aber nicht sagen, dass wir von nun an alles langsamer angehen sollten. Aber versuchen Sie mal – ich nenne es jetzt einfach mal so – das „Schnecken-Experiment“. Das ist mir in den Sinn gekommen, als ich über das eingangs erwähnte Zitat nachgedacht habe.

Das Schnecken-Experiment

Verlangsamen Sie mal für eine Viertelstunde Ihre Bewegungen, Ihr Tun. Genau für eine Viertelstunde! Stellen Sie ruhig einen Wecker oder den Smartphone-Timer.

Am besten abends zu Hause. Gehen Sie langsamer durch die Wohnung als üblich, setzen Sie sich langsamer hin – was auch immer Sie tun, machen Sie es langsamer als gewohnt.

Meine Erfahrung

Glauben Sie mir: Eine Viertelstunde kann ganz schön lang sein. :-)

Anfangs ist dieses bewusste Verlangsamen ungewohnt. Schon nach wenigen Minuten wurde ich innerlich ungeduldig, fast nervös. Aber ich habe mir vorgenommen, die Viertelstunde durchzuziehen. Nach ca. 10 Minuten hat sich diese innere Unruhe in eine angenehme Entspannung gewandelt. Auch die Gedanken wurden ruhiger.

Als ich dieses Experiment bei einem Spaziergang durch den Park machte, ging es mir wie der eingangs zitierten Schnecke. Ich hatte mehr Zeit, die Welt zu sehen. Mir fielen Dinge – meist nur Kleinigkeiten – auf, für die ich sonst keinen Blick hatte, obwohl ich dort öfter unterwegs bin.

Vielleicht ist dieses „Schnecken-Experiment“ auch etwas für Sie?

Zum Weiterlesen:



Kommentare

  • Siegrid

    durch meine verschlissene hüfte, war ich selbst ein mensch im schneckentempo.
    mit 47 so langsam wie manche mit 94.
    es störte mich sehr, weil ich in gesellschaft immer die langsamste war.
    an ampeln immer für verkehrsstau sorgte, im geschäft umgerannt wurde.

    erst mein neuer freund öffnete mir die augen, er sagte:
    durch dich habe ich die langsamkeit entdeckt.
    durch dich sehe ich jetzt viel mehr als vorher.

    auch mit neuer hüfte, renne ich nicht durch den tag, sondern schlender … allerdings ohne schmerzen und das ist genial.

    probieren sie es mal aus, langsam eine fußgängerampel zu begehen. sie werden demnächst nicht mehr so ungeduldig mit dem gas spielen, wenn ältere oder behinderte die straße überqueren.

    oder “schnecken” sie mal durch den park, sie werden anschließend glücklich sein, fast wie damals als kind, wenn sie erleben, wieviel sie beim “schnecken” entdeckt haben.

    Siegrid antworten
  • Anja

    Ich habe vor 4 Jahren allein mit dem Rucksack die Eifel durchquert. In 10 Tagen von Köln nach Trier. Es war wunderbar.

    Die kurzen Distanzen, die Zeit, die man pro Kilometer plant und die Ruhe, die damit verbunden war, war ganz enorm. Eine tolle Erfahrung und Entspannung pur.

    Ich bin die ganze Strecke, für die ich 10 Tage brauchte, dann in 3,5 Stunden mit dem Zug zurückgefahren. Das zeigt, wie wir durchs Leben rasen. Seitdem habe ich die Wanderung etappenweise fortgesetzt und genieße die Zeit für mich sehr. Bald gehts wieder los und ich freue mich schon sehr darauf!

    Anja antworten
  • Martin Zeller

    Vielen Dank für das schöne Zitat und das Schneckenexperiment!

    Beim Lesen des Beitrags fiel mir gleich ein wunderbares Büchlein ein, auf das ich schon vor vielen Jahren aufmerksam wurde und allen Schneckenliebhaberinnen und -liebhabern gerne weiterempfehle:

    Immer langsam voran – Von der Weisheit der Schnecke
    Autoren: Wolfgang Dietrich und Jürgen Schwarz
    Erschienen 1988 im Verlag am Eschbach, broschiert, ca. 20 Seiten
    ISBN: 3886710718

    Martin

    Martin Zeller antworten
    • Danke für die Buchempfehlung, Martin! Allerdings gibt es dieses Buch wohl nur mehr gebraucht, zumindest bei Amazon.

      Burkhard Heidenberger antworten
    • Martin

      Hätte ich mir eigentlich denken können. Das Büchlein wurde ja schon vor fast 30 Jahren erstmals aufgelegt. Interessierte sollten dann auf die gebrauchten Exemplare zurückgreifen – es ist wirklich empfehlenswert!

      Ich habe selber schon öfter gebrauchte Bücher bestellt und gute Erfahrungen damit gemacht. Neben dem Preis ist es ratsam auf die Beschreibung des Zustandes zu achten, damit man in etwa einschätzen kann, was man bekommt, wobei natürlich das Wichtigste der Inhalt ist…

      Martin antworten
  • kerstin hahn

    Es gibt ein schönes Gedicht, es heißt “Der Engel der Langsamkeit”. Ich bin ein langsamer Mensch und möchte es auch bleiben.

    kerstin hahn antworten

Diesen Artikel kommentieren

Bitte die Kommentarregeln berücksichtigen. Danke!