Die Nägel im Zaun

Es war einmal ein kleiner Bub, der schnell wütend wurde und dann ausrastete. Da gab ihm sein Vater einen Hammer und eine große Packung voller Nägel:

„Jedes Mal, wenn du wieder wütend wirst und ausrastet, gehst du zu diesem Lattenzaun und schlägst einen Nagel hinein.“

pxb-zaun-geschichte

Der Junge war damit einverstanden, auch wenn er den Sinn dahinter nicht verstand.

Am nächsten Tag hämmerte der Bub bereits 30 Nägel in den Zaun. Die Tage vergingen und mit jedem Tag wurden es weniger Nägel, die der Junge in den Zaun schlug. Ihm wurde bewusst, dass es einfacher war, Nägel in den Zaun zu hämmern als auszurasten.

Eines Tages war es schließlich so weit, dass er überhaupt nicht mehr ausrastete. Ganz stolz teilte er das seinem Vater mit. Der Vater nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm zum Zaun:

„Von nun an machen wir es so: Für jeden Tag, den du nicht ausrastet, darfst du einen Nagel wieder aus dem Zaun ziehen.“

Der Bub war wieder einverstanden.

Wieder vergingen mehrere Tage, bis der Junge zu seinem Vater lief und ihm mitteilte, dass nun keine Nägel mehr im Zaun sind. Der Sohn freute sich sehr.

Gemeinsam gingen sie zum Zaun. Der Vater sagte zu ihm:

„Ich bin sehr stolz auf dich. Das hast du toll gemacht. Aber schau dir die vielen Löcher im Zaun an, die die Nägel hinterlassen haben. Der Zaun ist nicht mehr der, der er einmal war.“

Der Junge stimmte seinem Vater zu. Der Vater fuhr fort:

„Denk daran, wenn du das nächste Mal wütend etwas zu anderen Menschen sagst. Deine Worte könnten Narben hinterlassen, so wie diese Nägel Spuren im Zaun hinterlassen haben. Auch wenn du dich entschuldigst, die Narben bleiben.“

Autor unbekannt

Eine schöne Geschichte, wie ich finde. Sie verdeutlicht auch recht gut, dass begangene Verletzungen, Beleidigungen, … immer Spuren hinterlassen – und das sollte man stets im Hinterkopf behalten.


Buch-Tipp – Weisheiten, Erzählungen und Zitate, die zu Herzen gehen:


Kommentare

  • Thomas

    Ich war solch ein wütender Bub und hatte leider keinen solch weisen Vater, da er keine Zeit hatte. Die Geschichte berührt mich sehr, vor allem in Hinblick auf die Narben, die ich mit der Wut (die mich mangels Nagelzaun noch immer packt) hinterlasse.

    Diese Geschichte hat mich sehr nachdenklich gestimmt.

    Thomas antworten
  • logik

    Nett. Irgendwo auch wahr … aber der Bub wäre bereits nach dem ersten Tag einen Monat lang mit Nägel ziehen beschäftigt!

    Klar, der Lernprozess ist immens … finde aber solche Geschichten aufgrund mangelnder Logik mittlerweile “ausgelutscht”.

    Derartige Erzählungen klingen zu sehr wie “höchst philosophische” Hollywood Movies … fehlt nur noch die patriotische/pathetische musikalische Untermalung!

    logik antworten
  • Rolf Blümler

    Sehr geehrter Herr Heidenberger,

    nachdem ich Ihren Artikel – Die Nägel im Zaun – und die zwei darauffolgenden Kommentare gelesen habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden: “De todo hay en la Viña del Señor”, zu Deutsch und frei übersetzt: “In Gottes Garten ist alles vertreten.”

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen für Ihre regelmäßigen “Zeitblüten” danken, die immer wieder zum objektiven und manchmal auch schmunzelndem Nachdenken anregen.

    Mit freundlichen Grüßen aus Concepción, Chile

    Rolf Blümler

    Rolf Blümler antworten
  • Haha, das ist ja wirklich witzig, wie unterschiedlich das ankommt.

    Ich wiederum (wahrscheinlich mit schlichtem Sonntags-Gemüt :-)) habe es erst mal als ganz praktischen Tipp gesehen: Wut körperlich abreagieren ist sehr sinnvoll, weil es die Stresshormone abbaut. Ob joggen oder auf einen Boxsack einhauen oder Holz hacken – alles sehr gesund.

    So habe ich das mit den Nägeln erst mal verstanden und dachte nur: ach, der schöne Zaun. Man könnte ja auch einfach Holzbretter nehmen :-).

    Yeah, so kann’s gehen …

    Zamyat M. Klein antworten
  • Petra

    Sehr geehrter Herr Heidenberger,

    mit Begeisterung habe ich die Geschichte gelesen. Ich bin Autorin und achte beim Schreiben meiner Geschichten sehr darauf, dass sie logisch und nachvollziehbar aufgebaut sind.

    Aber in diesem Fall störte es mich überhaupt nicht, dass der kleine Junge nicht schon nach “mehreren Tagen”, sondern frühestens erst nach 30 Tagen zu seinem Vater hätte gehen können, um ihm stolz den leeren Zaun zu präsentieren.

    Die Geschichte hat einen tiefen Sinn und hat mich nachdenklich gemacht. Einfach toll!!

    Petra antworten
  • Mir gefallen viele Parabeln – so auch die obige –, weil sie Botschaften und Weisheiten auf einprägsame und verständliche Weise vermitteln, auch wenn so manche den ein oder anderen Logikfehler haben mag.

    Nun, die Geschmäcker sind eben verschieden – und das ist gut so! :-)

    Burkhard Heidenberger antworten
  • Luigi

    Ich habe die Geschichte mit meinem Sohn zusammen gelesen. Wir haben festgestellt, dass man sich lieber vertragen sollte, als beim anderem mentale Narben zu hinterlassen.

    PS.: Den Kommentar hat mein Sohn (9 J.) für mich geschrieben!

    Luigi antworten
  • Christa

    Danke für die eindrückliche Geschichte!

    Mich beeindruckt, dass der Vater das mit dem Sohn persönlich durchgestanden hat und nicht einen Kinderpsychologen oder andere Hilfe von außerhalb genutzt hat.

    Das hat sicherlich auch der Vater-Sohn-Beziehung gutgetan. So einen Vater hätte ich mir auch für meine Kinder gewünscht.

    (Alleinerziehende Mutter von 3 Söhnen)

    Christa antworten
  • Rita Bürger

    Ich habe mir den Zaun mit all den eingeschlagenen Nägeln vorgestellt und hatte Angst, dass jemand daran hängen bleibt und sich verletzt. So war ich froh, als sie wieder herausgezogen wurden.

    Rita Bürger antworten

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