Die Kinder der Indianer und ihrer Eroberer

Schon seit meiner Kindheit übt das Leben der Indianer eine große Faszination auf mich aus – ihre Kultur, ihre Naturverbundenheit, ihr Miteinander.

Auch der Umgang mit ihren Kindern bereits in jener Zeit, als die „Weißen” sich an die Eroberung der indianischen Länder machten, war ungewöhnlich.
Während bei den Eroberern und in deren Ursprungsländern noch Strenge und Strafen zur Erziehung gehörten und als probates Mittel der Charakterformung galten, wuchsen die Kinder der Indianer in einem liebevollen Umfeld auf. Das geben auch Erzählungen berühmter Indianer wieder. Aber lesen Sie selbst:

Bei den Crows

Die Menschen meines Volkes waren weise. Sie vernachlässigten ihre Kinder nicht. Unsere Lehrer – Großväter, Väter, Onkel – waren sorgfältig und geduldig.
Sie versäumten es nie, eine gute Leistung zu loben, vermieden es aber, dabei ein Wort zu sagen, das einen anderen Jungen entmutigt hätte, der nicht so schnell lernte.

Wenn ein Junge versagte und seine Aufgabe nicht bewältigte, nahmen sie sich seiner mit doppelter Mühe an, bis er seine Fähigkeiten entfaltet hatte und soweit war, wie es seinen Anlagen entsprach.

Plenty Coups, Häuptling der Crow, 1848 – 1932

Bei den Lakotas

Im Stamm der Lakota war jeder gern bereit, Kinder zu betreuen. Ein Kind gehörte nicht nur einer bestimmten Familie an, sondern der großen Gemeinschaft der Sippe. Sobald es gehen konnte, war es im ganzen Lager daheim, denn jeder fühlte sich als sein Verwandter.

Meine Mutter erzählte mir, dass ich als Kind oft von Zelt zu Zelt getragen wurde und sie mich an manchen Tagen nur hie und da zu Gesicht bekam.

Niemals sprachen meine Eltern oder Verwandten ein unfreundliches Wort zu mir, und niemals schimpften sie mich, wenn ich etwas Falsches getan hatte. Ein Kind zu schlagen war für einen Lakota eine unvorstellbare Grausamkeit.

Luther Standing Bear, Häuptling der Oglala-Lakota, 1868 – 1939

Bei den Salish

Ich wurde in eine Kultur hineingeboren, die in Gemeinschaftshäusern wohnte. Meines Großvaters Haus war 80 Fuß lang. Alle Söhne meines Großvaters und deren Familien lebten in dieser großen Wohnstätte.

In solchen Häusern lernten die Menschen – im ganzen Stamm – miteinander zu leben, lernten, füreinander da zu sein, lernten, die Rechte jedes Einzelnen zu respektieren.

Und die Kinder teilten die Gedankenwelt der Erwachsenen und fanden sich umgeben von Tanten und Onkeln, Vettern und Basen, die sie liebten und sie nicht bedrohten.

Mein Vater wurde in solch einem Haus geboren und lernte von Kindheit an, wie man Menschen gern hat und sich bei ihnen heimisch fühlt.
Und über dieses Sich-gegenseitig-Annehmen hinaus empfand man tiefen Respekt für die umgebende Natur.

Dan Georg, Schauspieler und Häuptling der Salish, 1899-1981

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