Gehen oder bleiben? Wenn die Situation Sie belastet

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Wann ist es Zeit zu gehen – und wann lohnt es sich, trotz aller Last zu bleiben? Eine Leserzuschrift hat mich dazu gebracht, über die schwierige Balance zwischen Selbstfürsorge und Verantwortung nachzudenken. Und warum „einfach gehen“ oft eben doch nicht so einfach ist.

Wenn die Entscheidung schwer fällt: Bleiben oder gehen?

Bleiben (warten) oder gehen?

Joris, ein treuer Zeitblüten-Leser, hat mir in einem längeren Austausches Folgendes geschrieben. Mit seiner Zustimmung darf ich seine Zeilen hier veröffentlichen. Er schreibt:

Aus dem Film American History X habe ich dieses Zitat:

„Hat sich durch das, was du tust, dein Leben verbessert?“

Dieses Zitat wurde zu meinem Lebensmotto. Das ist eine Frage, die ich mir regelmäßig stelle. Ich setze mich keiner Situation mehr aus, der ich mich nicht unbedingt aussetzen muss.

Als Beispiel berufliche Veränderung: Während ich früher jahrelang mit mir gerungen habe, den Job zu wechseln, bin ich heute sofort in einem Bewerbungsgespräch, wenn ich unzufrieden bin und keine Besserung in Sicht ist.

Aber es ist auch auf kleine Dinge anwendbar. Beim Autofahren bin ich absolut stressfrei. Warum laut schimpfen? Erstens hört mich niemand und zweitens hat es ausschließlich auf mich negativen Einfluss, da ich mir dadurch selbst den Tag ruiniere.

Eine Frage mit zwei Seiten

Mich hat diese Frage etwas beschäftigt. Meine Gedanken möchte ich mit Ihnen hier teilen:

Mein erster Gedanke war:
Ja, diese Frage kann sehr befreiend sein – etwa zum Selbstschutz.

Zum Beispiel beim Kontaktabbruch zu einer Person, die einem wiederholt respektlos begegnet, einen manipuliert oder kleinmacht.

Der zweite Gedanke:
Ganz so einfach ist es oft wohl nicht.

Denn es gibt Situationen, die lassen sich nicht einfach verlassen:

  • Die Pflege eines kranken Angehörigen, die einen an die Grenzen bringt.
  • Ein Mensch, der finanziell gebunden ist und sich einen Wechsel im Moment schlicht nicht leisten kann.
  • Die Unterstützung für ein Kind, das gerade große Schwierigkeiten macht.
  • Eine kriselnde Beziehung, in der man sich zwischen dem Wunsch zu gehen und der Hoffnung auf Rettung aufreibt.

Gehen oder bleiben?

Da stellt sich dann die Frage „Gehe ich oder bleibe ich?“ oft gar nicht.

Und selbst wenn sie sich stellt, ist sie selten nur eine Frage des eigenen Wohlbefindens.

Vielleicht liegt der entscheidende Punkt deshalb woanders.

Nicht nur in der Frage:
„Tut mir das gut?“

Sondern auch:
„Was ist mir wichtig, und wofür entscheide ich mich bewusst?“

Manchmal bedeutet das:

Ich gehe, weil ich merke, dass etwas auf Dauer nicht tragbar ist.

Und manchmal bedeutet es:

Ich bleibe, obwohl es anstrengend ist.
Weil mir der Mensch wichtig ist.
Oder weil ich Verantwortung übernommen habe.

Beides kann richtig sein.

Wir leben nicht nur für uns allein.

Wenn das „Wir“ mehr zählt als das „Ich“

Manchmal besteht meiner Meinung nach Starksein nicht darin, eine unangenehme Situation sofort zu verlassen.

Manchmal bedeutet es, zu bleiben, weil wir Verantwortung übernehmen, auch wenn es viel Kraft kostet.

Zwei Fragen zur Orientierung

Schadet mir diese Situation so sehr, dass sie mir zu viel wird?

→ Dann ist es Zeit, etwas zu ändern.

Ist die Situation zwar anstrengend, aber ich bleibe, weil ich dort als Mensch gebraucht werde?

→ Dann ist das kein Stillstand, sondern ein bewusster Schritt.

Befinden Sie sich gerade in einer belastenden Situation?

Vielleicht befinden Sie sich gerade in einer Situation, die nicht leicht ist.
Etwas, das Sie nicht einfach ändern können.
Oder etwas, bei dem Sie unsicher sind, ob Sie bleiben oder gehen sollen.

Dann hilft es manchmal, sich nicht sofort entscheiden zu müssen.
Sondern erst einmal nur zu klären:

Was kann ich gerade selbst beeinflussen?
Und was im Moment noch nicht?
Und dann einen kleinen nächsten Schritt zu wählen.

Ein Gespräch führen.
Sich Unterstützung holen.
Oder sich innerlich klarer abgrenzen.

Denn nicht alles lässt sich sofort lösen.

Aber wir können oft ein Stück Einfluss darauf nehmen, wie wir damit umgehen.

Nicht alles, was anstrengend ist, ist falsch. Und nicht jede Erleichterung macht uns langfristig glücklicher.

Vielleicht verbessert sich unser Leben aktuell manchmal gar nicht dadurch, dass wir Lasten abwerfen – sondern dadurch, dass wir stolz darauf sein können, wie wir damit umgehen.

Das waren meine Gedanken zum Filmzitat.


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