Wintergedichte

Im Folgenden 6 Wintergedichte:


Erster Schnee

Wie plötzlich doch bedeckt mit Eis
So Strauch und Bäume steh’n,
Auf letztem Grün das erste Weiß,
Wie traurig ist’s zu seh’n!

Was bangst du, Herz? Sei frisch und kühn
Und denk’, wenn Flocken weh’n:
Auf letztem Weiß das erste Grün,
Wie lieblich wird das steh’n!

Johann Nepomuk Vogl, (1802 – 1866), österreichischer Schriftsteller, Lyriker und Publizist


Winterlied

Das Feld ist weiß, so blank und rein,
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell, wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er flimmert blau und rot und weiß,
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus
Ragt, nackt und kraus,
Des Dorngebüsches Garbe.

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind’
Im Sonnenstrahl bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Pflaum
Wie leichter Blütenregen.

Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet, mit des Schnees Last
Den Wandrer zu beschütten;
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg, von seinen Tritten.

Das Bächlein schleicht, von Eis geengt;
Voll lautrer blauer Zacken hängt
Das Dach; es stockt die Quelle;
Im Sturze harrt,
Zu Glas erstarrt,
Des Wasserfalles Welle.

Die blaue Meise piepet laut;
Der muntre Sperling pickt vertraut
Die Körner vor der Scheune.
Der Zeisig hüpft
Vergnügt und schlüpft
Durch blätterlose Haine.

Wohlan! auf festgediegner Bahn,
Klimm ich den Hügel schnell hinan,
Und blicke froh ins Weite;
Und preise den,
Der rings so schön
Die Silberflocken streute.

Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis, (1762 – 1834), Schweizer Dichter

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Winterwunderland

Weißer Rauhreif auf den Bäumen
und der Schnee lädt ein zum Träumen,
die Äste glitzern frostbizarr
und der See glänzt kälteklar,
die Sonne strahlt in sattem Blau
des Himmels und wohin ich schau’,
erblick ich Schnee am Waldesrand,
oh, du Winterwunderland.

Oskar Stock, (*1946), deutscher Schriftsteller und Aphoristiker


Im Schnee

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuß, der fliehende,
Im Schneefeld nass und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rührt!

Gottfried Keller, (1819 – 1890), Schweizer Dichter und Romanautor

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Winter

Die Luft singt eine Melodie,
von Sonnenschein und strengem Frost,
im Gleichklang voller Harmonie,
zieht sie durchs Land, von West nach Ost.

Der Wind heult nebenbei im Takt,
ein Pfeifkonzert im schrillsten Ton,
brüllt laut und kalt im vierten Akt,
die warme Jahreszeit davon.

Der Winter zeigt jetzt seine Macht,
mit Schnee bedeckt er Stadt und Land,
bekundet es nun Tag und Nacht,
dass er sie hat, die Oberhand.

Horst Rehmann, (*1943), deutscher Publizist, Maler, Schriftsteller und Kinderbuchautor


Schneeflocken

Wende ich den Kopf nach oben:
Wie die weißen Flocken fliegen,
Fühle ich mich selbst gehoben
Und im Wirbeltanze wiegen.
Dicht und dichter das Gewimmel;
Eine Flocke bin auch ich. –
Wieviel Flocken braucht der Himmel,
Eh die Erde langsam sich
Weiß umhüllt.

Alfred Henschke (1890-1928)



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