Vertauschte Rollen

Es mag durchaus vorkommen, dass wir uns von brillanten Rednern blenden lassen. Denn rhetorisch versiert bedeutet noch lange nicht, dass der Redner auch wirklich kompetent ist und Ahnung von der Sache hat, über die er spricht. Dazu die folgende Geschichte mit einer charmanten Pointe:

Ein angesehener Wissenschaftler hielt seit Jahren, weit über die Landesgrenzen hinaus, Vorträge über sein Fachgebiet. Als Redner war er sehr geschätzt und seine Zuhörer waren stets voll des Lobes.

Eines Tages saß er in seiner Limousine, um sich von seinem Chauffeur zu einem äußerst wichtigen Kongress fahren zu lassen. Die Anreise war weit und der Wissenschaftler spürte, dass er eine Grippe bekommen würde. Er wurde von Stunde zu Stunde immer schwächer und kränklicher.

Schließlich konnte er nur noch krächzend Worte von sich geben. Der Vortragsredner fühlte sich außerstande, über einen Zeitraum von mehr als zwei Stunden auf der Bühne zu stehen und zu sprechen.

Sein Chauffeur war voller Mitleid und bot ihm hilfsbereit jede Unterstützung an. Der Wissenschaftler überlegte kurz und meinte dann:

»Seit Jahren fahren Sie mich zu meinen Vorträgen, sitzen immer mit im Saal und haben meinen Vortrag schon hundertfach gehört. Könnten Sie den Vortrag für mich übernehmen? Sie wissen doch, was ich immer sage. Noch dazu ähneln wir uns etwas. Wir könnten mit Leichtigkeit unsere Kleidung und unsere Rollen tauschen.«

Der Chauffeur hielt den Vortrag. Niemand schien den Rollentausch zu bemerken.

Der Chauffeur willigte zögerlich ein. Kurze Zeit später trat er an das Rednerpult und hielt den Vortrag, welchen er beinahe auswendig kannte. Niemand schien den Rollentausch zu bemerken. Deshalb gewann er während des Redens an Sicherheit und machte seine Sache sehr gut. Er erntete tosenden Applaus.

Noch bevor er von der Bühne treten konnte, eröffnete der Veranstalter zu seinem Schrecken eine Diskussionsrunde. Die ersten Fragen waren typische Klassiker, die beinahe jedes Mal gestellt wurden. Der Fahrer kannte die Antworten und meisterte auch diesen Part grandios.

Doch dann stellte ein anderer Wissenschaftler eine lange, komplizierte Frage, die ihm gänzlich neu war. Der Chauffeur grübelte einen kurzen Moment, bis er ganz souverän antwortete:

»Diese Frage ist ein entscheidender Aspekt. Die Antwort jedoch ist so einfach, die kann Ihnen sicherlich auch mein Chauffeur geben.«

Mit einer entsprechenden Handbewegung gab er die Frage an den wahren Wissenschaftler weiter.

Nach einer Geschichte

© Gisela Rieger

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Gisela. Die Geschichte stammt aus ihrem Buch „Geschichten, die dein Herz berühren“.

Ein Buch zum Verschenken – für Menschen, die Ihnen am Herzen liegen:


Kommentare

Diesen Artikel kommentieren

Bitte die Kommentarregeln berücksichtigen. Danke!