Geschichte über das Loslassen: Nein, nein, nein. Ja!

Das Loslassen fällt vielen Menschen schwer. Wenn es dann schließlich doch gelingt, kann das eine enorme Befreiung bewirken. Eine Geschichte über das Festhalten und Loslassen: 

Nein, nein. Ja!

Ein alter, schwerkranker Mann lag in einem Hospiz im Sterben. Er wurde vom Pflegepersonal liebevoll betreut. Bereits seit Längerem war er nicht mehr bei Bewusstsein.

Eine gute Freundin kam täglich vorbei, um in den letzten Stunden seines Lebens bei ihm zu sein. Sie hielt und streichelte seine Hand.

Eines Tages hörte sie, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht und geschlossenen Augen immer wieder sagte:

„Nein, nein, nein, nein!“

Weil das die einzigen Worte waren, wusste seine Freundin daraus nichts zu deuten. Nach einigen Tagen vernahm sie eine Änderung in seinen wiederholenden Worten:

„Nein, nein, nein, ja, nein.“

Es vergingen wieder einige Tage:

„Nein, ja, ja, nein, ja, ja, ja, …“

Nach weiteren Tagen hörte die Freundin nur mehr ein leises, brüchiges Bejahen:

„Ja, ja, … ja, …“

Als sie kurze Zeit später wieder vorbeischaute, war der alte Mann verstorben – mit einem friedlichen Lächeln in seinem Gesicht.

© Burkhard Heidenberger

 



Kommentare

Diesen Artikel kommentieren

Bitte die Kommentarregeln berücksichtigen. Danke!

Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google.