Die üble Nachrede


Ein Nachbar hatte über Herrn Künzelmann schlecht geredet und die Gerüchte waren bis zu Herrn Künzelmann vorgedrungen.

Künzelmann stellte seinen Nachbarn zur Rede. „Ich werde es bestimmt nicht wieder tun“, versprach der Nachbar. „Ich nehme alles zurück, was ich über dich erzählt habe!“

Künzelmann sah ihn ernst an. „Ich werde dir verzeihen“, erwiderte er. „Doch jede schlimme Tat verlangt ihre Sühne.“

„Ich bin gerne zu allem bereit“, antwortete der Nachbar reumütig.

Künzelmann ging in sein Schlafzimmer und kam mit einem großen Kopfkissen zurück. „Trag dieses Kissen in dein Haus”, sagte er. „Dann schneide ein Loch in das Kissen und komm wieder zurück, indem du unterwegs immer einige Federn nach rechts, einige nach links verstreust. Das ist der erste Teil der Sühne!“

Nichts leichter als das, dachte der Nachbar und machte, wie ihm aufgetragen wurde. Als er wieder vor Künzelmann stand und ihm die leere Kissenhülle überreichte, fragte er: „Und der zweite Teil meiner Buße?“

„Gehe jetzt wieder den Weg zu deinem Haus zurück und sammle alle Federn wieder ein!“

Der Nachbar stammelte verwirrt: „Ich kann doch unmöglich all die Federn wieder einsammeln! Ich streute sie wahllos aus, warf einige hierhin und einige dorthin. Inzwischen hat der Wind sie in alle Himmelsrichtungen getragen. Wie kann ich sie alle wieder einfangen, das ist unmöglich?!“

Künzelmann nickte ernst:

„Genau so ist es mit der üblen Nachrede und den Verleumdungen. Einmal ausgestreut, fliegen sie in alle Richtungen – wir wissen nicht wohin. Wie willst du also wieder alle über mich verbreiteten Gerüchte zurücknehmen?“

Autor unbekannt

Schnell ist etwas Unüberlegtes, Unwahres über einen Menschen gesagt. Selten sind einem die möglichen Folgen bewusst. Eine Wiedergutmachung ist – wenn überhaupt – schwer möglich, was auch diese Kurzgeschichte verdeutlicht.

Zum Weiterlesen:



Kommentare

  • Wolfgang Kurzweg

    Dieser Text sollte in sämtlichen Verwaltungen und Firmen allen Arbeitnehmern und Chefs an die Hand gegeben werden, die dann die Kenntnisnahme per Unterschrift bestätigen müssen..
    Ob das was nützt? Man sollte das einfach mal versuchen…!

    Wolfgang Kurzweg antworten
  • Danny

    Ein sehr weiser Text. Da dieses Verhalten nur zu menschlich ist, wird es auch kaum einzudämmen sein. Als Geschäftsinhaber weiß ich, wovon ich rede.

    Die besten Texte stammen meistens von unbekannten Autoren.

    Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit mal ein großes Lob aussprechen für Ihre sehr informative Webseite.

    Großartige Inhalte. Nützliche Tipps. Ich lese seit Jahren Ihre Beiträge und sie sind immer wieder eine Bereicherung.

    Freundliche Grüße

    Daniel Steger

    Danny antworten
  • Susanne

    Künzelmann in Ehren, die ursprüngliche chassidische Geschichte ist mir lieber.

    Susanne antworten
  • Lieber Herr Heidenberger,

    der Kommentar von Susanne veranlasst mich zu diesen Zeilen.

    >Chassidische Weisheiten für den Lebensweg<

    Martin Buber, jüdischer Religionsphilosoph, geb. 1878 in Wien, gest. 1965 in Jerusalem, ist vielen bekannt geworden durch die Übersetzung und schriftliche Niederlegung der "chassidischen Geschichten", die bis dahin nur mündlich überliefert waren. Chassidismus kommt aus dem hebräischen und hat die Sprachwurzel "cheeses", was Martin Buber selbst mit "Wesensliebe" übersetzt, andere mit Güte, Liebe, Milde oder auch Frömmigkeit.

    Ich lese schon lange Ihre Artikeln, schätze und achte Ihre Arbeit sehr.

    Vielen Dank für die Sammlung der Lebensweisheiten und vieles mehr.

    Liebe Grüße von Karla Vorwerk

    Karla Vorwerk antworten
  • Madeleine

    Eine tolle Geschichte, die das Ausmaß übler Nachrede und dem Streuen von Gerüchten einmal bildhaft darstellt! Vielen Dank dafür!

    Madeleine antworten
  • Eine sehr eindrucksvolle Geschichte. Ich habe sie in anderer Form bereits gehört: Die Person streute nicht Federn, sondern Distelsamen aus. Auch hier war das nachträgliche Einsammeln, sprich Wiedergutmachen, nicht möglich. Noch schlimmer, es war eine Saat gesät, und das Aufgehen der Distelsamen und deren negative Auswirkungen auf viele weitere Personen konnte nicht gestoppt werden. Deswegen lieber das Positive festhalten und weitererzählen. Miesmacher gibts schon genug…

    Thomas antworten
  • Martine Blanchi

    In dieser Geschichte wird nicht erwähnt, dass die zerstreute Feder in Wirklichkeit von Menschen in den Wind gestreut wurden.

    Also, jeder der die üble Nachrede weiterverbreitet, ohne vorher mit dem Betroffenen gesprochen zu haben, ist Teil der schlimmen Tat und sollte wie der erste auch büßen.

    Martine Blanchi antworten
  • Conny

    Wieder einmal eine nachdenkliche Geschichte. Vielen Dank für Ihre treffenden Artikel, Tipps und Tricks, die unser Leben bereichern. Je älter ich werde, desto mehr halte ich mich an das alte Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

    Conny antworten
  • Ute

    Danke für diese Geschichte – gerade in der heutigen Zeit sollten wir uns überlegen, was wir über andere Menschen reden. Wir brauchen mehr Vertrauen zueinander und Halt.

    Ute antworten

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