Interview zum Thema Geduld

Von der Redaktion der Zeitschrift “spielen und lernen” wurde ich zum Thema Geduld interviewt. Ausschnitte aus dem Interview sind im Artikel “Nur Geduld!” der Printausgabe erschienen. Folgend das gesamte Interview: 

“spielen und lernen”: Geduld ist eine soziale Kompetenz. Warum ist sie so wichtig?

Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich ist die Geduld eine wertvolle Tugend. Geduldige Menschen weisen in der Regel weniger Konfliktpotenzial auf. Sie werden von ihrem persönlichen Umfeld eher geschätzt und erreichen allein dadurch oft mehr als ungeduldige Menschen.

Warum werden wir eigentlich immer ungeduldiger?

Das liegt insbesondere an der rasanten Entwicklung neuer Technologien. Internetzugang und Handy gehören heute für die meisten zur „Standardausstattung“. Niemand will mehr warten!

Die Menschen sind es teilweise einfach nicht mehr gewohnt, länger zu warten. Auch deshalb, weil in unserer Gesellschaft die Technologien und die Infrastrukturen vorhanden sind, um alles innerhalb kürzester Zeit bereitzustellen. Ich kann heute beispielsweise per E-Mail eine Information sekundenschnell und weltweit versenden. Viele sind jederzeit erreichbar.

Allein diese Möglichkeiten – bedingt durch die heutigen Infrastrukturen und technologischen Entwicklungen – und die daraus resultierende Erwartungshaltung sind mit ein Grund, warum die Menschen in der „modernen Welt“ ungeduldiger sind, als sie es beispielsweise noch vor dreißig Jahren waren.

Auch der zunehmende Leistungs- und Zeitdruck trägt dazu bei, dass Menschen ungeduldiger sind.

Und welche Nachteile entstehen für mich persönlich daraus, wenn ich schnell ungeduldig werde?

Wie bereits eingangs erwähnt, kann sich Ungeduld negativ in zwischenmenschlichen Beziehungen – sowohl privater als auch beruflicher Natur – auswirken. Ungeduldige Menschen haben häufig auch Schwierigkeiten, Ziele zu erreichen, da sie bei Hindernissen und Problemen schneller aufgeben.

Des Weiteren ist Ungeduld ein fruchtbarer Nährboden für Fehler und Konflikte. Und letztendlich kann „chronische“ Ungeduld auch die Gesundheit beeinträchtigen. Denn ungeduldige Personen sind oftmals Ärger und Stress ausgesetzt und setzen sich auch selbst unter Druck. Diese permanente Anspannung zehrt an der körperlichen und psychischen Verfassung.

Aber nicht nur die persönliche Gesundheit wird gefährdet. Um ein Beispiel aus dem Alltag zu nennen: Im Straßenverkehr gefährden diese Menschen durch ihre Ungeduld oft andere Personen – etwa durch Hast und Raserei.

Vielen Eltern reißt im Umgang mit ihren Kindern schnell der Geduldsfaden. Was können Sie jenen Eltern raten, damit sie in solchen alltäglichen Situationen ruhig bleiben? Gibt es da ein paar „Überlebenstricks“, die den gestressten Eltern über die schlimmsten Minuten hinweg helfen?

Dass der Geduldsfaden von den Kindern hin und wieder (über-)strapaziert wird – davon können wohl alle Eltern ein Lied singen.

Grundsätzlich sollte man sich als Elternteil bewusst machen, warum man ungeduldig reagiert, sich versuchen, in die Lage des Kindes zu versetzen, die Situation aus dessen Perspektive zu sehen. Allein dieser Perspektivenwechsel kann zu einer „Aha-Erkenntnis“ führen und die eigene Geduld und auch Nachsicht fördern, wenn es angebracht ist.

Wenn durch den Perspektivenwechsel dann entsprechende Erkenntnis für das Handeln des Kindes gegeben ist, lässt sich auch gezielter mit dem Kind über die Situation sprechen.

Auch wenn es nicht immer leicht fällt, sollte man versuchen, mit dem Kind ruhig zu reden – ihm erläutern, warum was nicht getan werden darf, auch Grenzen kommunizieren.

Sie sagen ja, Geduld lässt sich erlernen. Welche Strategien/Techniken empfehlen Sie grundsätzlich?

Das ist zwar leichter gesagt, wie umgesetzt. Wer aber die Intention hat, zukünftig geduldiger und gelassener zu reagieren, sollte am besten so vorgehen:

Bewusst machen

Es heißt nicht umsonst „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“. Es geht also darum, sich bewusst zu machen, wann und in welchen Situationen uns die Ungeduld überkommt. Und auch, was man mit der eigenen Ungeduld schon alles angerichtet hat – sich selbst und auch anderen Personen gegenüber.

Deshalb Papier und Stift zur Hand nehmen und alle Folgen und Situationen notieren. Im nächsten Schritt kommt das Hinterfragen dran. Für jede notierte Situation sollte man sich fragen, warum einem in der entsprechenden Situation der Geduldsfaden reißt. Welche Gedanken ruft die Situation hervor?

Denkmuster ändern

Die Grundeinstellung basiert meist auf ein Denkmuster. Und ein solches hat sich in der Regel über Jahre eingeprägt. Nun gilt es, andere Denkansätze in Ungeduldsmomenten zu finden –  beispielsweise das Positive in Wartezeiten zu sehen.

Üben

Ein Denkmuster und eine Grundeinstellung lassen sich nicht von heute auf morgen ändern. Es braucht Übung. Visualisieren kann da auch ein starker Motor sein. Sich also intensiv vorstellen, wie man in Zukunft auf typische Ungeduldssituationen mit Gelassenheit reagiert. Dann auch bewusst solche Situationen suchen, um Geduld zu üben, sich selbst herausfordern. Auch Tätigkeiten bewusst langsam ausführen kann beim Üben helfen.

Entspannungsübungen

Für besonders ungeduldige, hektische Menschen können regelmäßig durchgeführte Entspannungsübungen wie Balsam auf der „dünnen Haut“ sein. Hier gilt es, eine effektive Entspannungsmethode zu finden, die am besten auch noch Spaß macht.

Haben Sie auch eine Idee/Strategie, wie man Kindern Geduld vermitteln kann?

Kindern sollte man nicht alles abnehmen und ihnen möglichst die Zeit gewähren, die sie für eine Tätigkeit benötigen. Als Beispiel: Wenn ein Kind beim Schuhe zubinden oder Türe aufsperren etwas länger braucht, sollte man ihm dabei nicht sofort zur Hilfe kommen, damit es schneller geht. Denn das signalisiert dem Kind „ich bin zu langsam“ und kann dazu führen, dass es mit sich selbst ungeduldig wird.

Auch sollte man versuchen, nicht jedem geäußerten Wunsch umgehend nachzukommen. Das Kind sollte lernen, dass bestimmte Bedürfnisse auch aufgeschoben werden können. Oder anders formuliert: Das Kind sollte auch das Warten lernen. Tendiert man als Elternteil dazu, jeden geäußerten Wunsch umgehend zu erfüllen, ist das nicht gerade förderlich für die Geduld des Kindes.

Ebenso sollte das Kind auch lernen, gewisse Grenzen wahrzunehmen. Nehmen wir an, die Mutter führt ein Telefonat. Ihr Kind unterbricht sie laufend und die Mutter lässt das auch zu. So lernt das Kind, dass es mit dem Stören sein Ziel erreicht. Lässt sich die Mutter hingegen nicht stören bzw. macht dem Kind mit Nachdruck klar, dass sie während eines Telefonats nicht gestört werden darf, dann wird das Kind auch lernen, das zu akzeptieren.

Vielen Dank, Herr Heidenberger!