Zeitblüte: Die Baum-Geschichte

Von Kathrin Krause eingesendete Zeitblüte:

Es passierte an einem späten Herbsttag. Es war an einem Tag, an dem Luft und Erde inzwischen so feucht sind, dass ein einzelner regenfreier Tag nicht mehr genügt, um sie trocknen zu lassen.

Es ist die Zeit, in der die Bäume sich fleißig im Loslassen ihrer Blätter üben und sie dabei so manch goldene Insel am Boden hervorbringen.

Um noch genügend frische Luft zu tanken, ging ich zu dem Gespräch etwas früher los, spazierte die Straße entlang, entspannte mich Schritt für Schritt. Ich nutzte die Zeit auch und brachte zwei Briefe zur Post und dann, dann hielt ich an.

Vor der Post gibt es einen kleinen Platz, es ist eher ein Karree, umgeben von Straßen aber auch von einem hübschen Gehweg und in der Mitte eine kleine Formation aus Laub- und Nadelbäumen, zwei Bänke laden im Sommer gar zum Sitzen ein.

Ich begann also den kleinen Weg zu beschreiten und wollte schon meine Runde vollends aufnehmen, als mich die Nadelbäume plötzlich zur Rast einluden. Nadelbäume, sie sind jene Bäume, die die negativen Energien in uns aufnehmen, wenn wir sie loslassen können, so erzählte mir im Sommer eine Freundin aus Saalfeld.

Ich lehnte mich also an den Nadelbaum und bemerkte plötzlich, dass diese Ecke des Platzes eine ganz besondere ist. Sie ist geschützt und gibt doch den Blick frei auf alles Geschehen rundherum. Ideal zum Luftholen und negative Energie abgeben. Also stand ich da. Ich stand einfach an dem Baum, mitten in der Stadt, mit meiner roten Tasche in der Hand und versuchte die Anspannungen der letzten Tage und Wochen loszulassen.

Ich beobachtete die Menschen, die sich um den Platz bewegten. Ein Mann führte seinen Hund Gassi. Ich konnte ihn deutlich sehen, er mich auch. Natürlich kam ich mir etwas merkwürdig vor und dachte, dass er sicher denkt: “Die scheint ein bisschen verrückt!” Na, und wenn schon!

Wer ist eigentlich in dieser Stadt nicht verrückt!? Ich lies ihn sein und kümmerte mich nur noch um meine eigenen negativen Energien. Weg damit!

Gut. Loslassen ist der erste Schritt, Auftanken der zweite. Also zum nächsten Baum, zum Laubbaum, konkret: zum wunderschönen Ahornbaum mit seinen exklusiven Gelbtönen an gefallenen Blättern. Hach, welche Pracht, welche Kraft und Energie, denn diese geben Laubbäume, so erinnere ich mich auch der Worte von meiner Freundin im vergangenen Sommer, als wir auf ihrer Lieblingseiche saßen, einem Bilderbuchbaum im Burgwald/Hessen, und frische Energie von ihm mitnahmen. Das war ein Pulsieren, ich spüre sie noch sehr deutlich, diese pure Energie, doch, das wäre eine andere Geschichte …

Ich stehe also an diesem Ahornbaum, hole tief Luft, schöpfe neue Energie und bin wieder für einen Moment abgelenkt von diesem Mann mit seinem Hund. Was der wohl von mir denkt? “Was steht die denn da so komisch an dem Baum rum? Und dann diese rote Tasche! Was soll das denn? ” Das Gelb der Blätter holt mich zurück und ich genieße das Innehalten und vergesse den Mann und seinen Hund und dass er nur wenige Meter von mir entfernt steht.

Es ist herrlich, mitten in der Stadt solch eine Oase gefunden zu haben. So muss es den Karawanen gegangen sein, die, nach langer Wanderung im ewig heißen Sand, mitten in der Wüste ihre Oase fanden!

Nun, ich weiß inzwischen, dass diese Welt mehr als zwei, drei große Sandwüsten und genauso viele Oasen zu bieten hat, nicht wahr?

Mit einem Lächeln, diesen Gedanken und einem erfrischten Gefühl mache ich mich auf den Weg und laufe das Karree zu Ende. Es sind noch 5 Minuten bis zum Gespräch. Alles genau richtig. Auch der Mann und der Hund haben ihre Gassi-Zeit für heute scheinbar beendet, sie laufen jetzt vor mir und, ja, nun bemerke ich auch endlich, dass der Mann blind und sein Hund ein Blindenhund ist!

Zunächst bin ich wirklich perplex, dann beginne ich lauthals zu lachen! All meine dummen, kleinen Gedanken, was er denken könnte, weil er mich am Baum stehen sieht, alles nur Gedanken, die uns das Leben schwerer machen können als es tatsächlich ist … das Leben, ist es nicht voll mit Wundern?

In diesem Sinne, lass dich heute mal hübsch überraschen, von deinem Leben!

Kathrin Krause, Frankfurt am Main



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