Die Zeit nutzen oder die Burgruinenbrosche

Annette Voigt hat mir eine kurze „Geschichte“ gesendet, die ich hier gerne veröffentliche. Herzlichen Dank dafür!

… Ich stehe im Regen unter einem steinernen Rundbogen und habe alle Zeit der Welt. Ich warte, dass der Platzregen aufhört. Es regnet sprichwörtlich Bindfäden.

Ich habe nur die Wahl: abzuwarten und halbwegs trocken zu bleiben oder loszugehen und dabei tropfnass im Dorf anzukommen. Die Sehnsucht nach einer warmen Dusche und einem heißen Tee wächst. Ich lehne mich an ein verwittertes Holztor und weiche kleinen Rinnsalen aus, die sich unter meinen Füßen sammeln.

1 1/2 Stunden dauert das Wasserspiel, während die Wolken ohne Unterlass vorbeiziehen. Mir fällt zum ersten Mal auf, wie schnell sich Wolken bewegen und ihre Farbe wechseln, von grau über dunkelblau bis hellblau. Wann lichtet sich endlich die graue Wolkendecke und macht den Sonnenstrahlen Platz? Es regnet unentwegt. Mein Joghurt und die Brote wurden als Opfer der Langeweile längst verzehrt. Das geplante Picknick fällt ins Wasser. Brot schmeckt auch im Stehen.

Wenn es wenigstens möglich wäre, die Burg zu besichtigen. Aber nein, das Schild „Privatbesitz“ grinst mich hämisch an.

Ich habe die Wahl. Entweder ich klage über meine missliche Lage oder ich nutze die Zeit, um dieses Naturschauspiel zu bewundern. Die Natur lädt mich ein, als Statist teilzunehmen.

Wann habe ich im Büro die Zeit, den Regen und den Wolken zuzuschauen? Wann habe ich die Zeit zu beobachten, wie die Regentropfen mit kleinen Schaumkronen in Pfützen zerplatzen? Wann habe ich die Zeit, den Regen zu verfolgen, der sich als kleine Wasserstraße den Abhang hinunterstürzt. Wann nehme ich mir die Zeit, inne zu halten und in Stille zu verharren, einfach nur zu sein.

In mir reift der Entschluss, einen Gegenstand zu kaufen, der zu dieser Situation passt und der mich in Situationen voller Hektik und Stress an dieses Erlebnis erinnert und zur Stille mahnt. Tagelang suche ich nach einem passenden Gegenstand. Nur Geduld! Es wird sich schon etwas finden. Und tatsächlich. In einem verwilderten Park einer alten Villa, dem Chateau Valmy, glitzern silberne Steine auf dem Weg. Die einstige Pracht des 1888 entstandenen Parks lässt sich nur noch erahnen. Die Auswahl nach einem kleinen Stein, der besonders funkelt, fällt mir schwer. Endlich! Der lehmige Stein verliert nach dem Waschen zwar seine schmutzig gelbe Patina, aber nicht den silbrigen Glanz. Ein Schmuckstück, eine Brosche könnte es werden.

Und tatsächlich, wenige Monate später liegt der Stein auf dem Tisch des Goldschmieds. Ein Tropfen aus Silber mit einem bernsteinfarbenen Lapislazuli, maßangefertigt, rustikal- filigran, sündhaft teuer, edel und einzigartig.



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