Was (nicht nur) desinteressierte und gelangweilte Seminarteilnehmer denken

Mittlerweile halte ich keine Präsenzseminare mehr, sondern nur mehr Onlinekurse. In meinen Präsenzseminaren hatte ich hin und wieder Teilnehmer, die nicht ganz freiwillig dabei waren.

Personen, die das Seminar deshalb nur mit Widerwillen besuchten, eben weil nicht auf eigenen Wunsch, sondern von jemand anderem gefordert, z. B. vom Vorgesetzten. Und wenn dazu noch absolutes Desinteresse für das Thema dazukommt, hebt das nicht wirklich die Stimmung.

Diese Teilnehmer signalisieren ihr Desinteresse durch ihre Körpersprache – oft durchaus bewusst, aber vielfach auch unbewusst. Denn die Körpersprache ist auch ein Produkt unserer Gedanken.

Welche Gedanken gehen desinteressierten Teilnehmern während eines Seminars durch den Kopf?

Darüber haben wir unlängst in einer fröhlichen Runde geplaudert. Darunter waren auch einige Bekannte, die mehr oder weniger regelmäßig an Seminaren teilnehmen (müssen), die von ihrem Arbeitgeber gefordert werden.

Sie haben mir geschildert, was ihnen so durch den Kopf geht, wenn sie wieder mal in einem Seminar ihre „Zeit absitzen müssen“. Für mich als Trainer überaus interessant, einmal die andere Seite zu hören bzw. deren Gedankengänge nachzuvollziehen.

Im Folgenden gebe ich einige – zugegebenermaßen überspitzte und auch ironische – Aussagen frei wieder. Aussagen und Eindrücke von Bekannten, die schon das eine oder andere Seminar „aufgedrängt“ bekommen haben:

„Typisch: beim Betreten des Seminarraumes prangt gut sichtbar ein Willkommen, und ein großes Smi­ley darf natürlich auch nicht fehlen.“

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„Wie nicht anders zu erwarten, folgt die Vorstellungsrunde. Und was ich besonders liebe, sind diese Kennenlernspielchen, z. B. jemandem einen Ball zuwerfen, der sich dann vorstellt – wie die Kinder.“

„Nach der Vorstellungsrunde kommt die obligatorische Frage: Was erwarten Sie sich vom Seminar? Na, was soll ich mir schon erwarten? Dass es bald vorbei ist!“

„Auch beliebt bei einigen Referenten: Man muss einen komischen Gegenstand halten, wenn man reden will oder dran ist.“

„Fades Seminar, mal abchecken, ob es Flirtmöglichkeiten gibt.“

„Die vollgekritzelten Flipcharts müssen natürlich mit dem Smartphone fotografiert werden. Muss ja alles dokumentiert werden.“

„Nach einer Stunde endlich eine Kaffee-, Raucher-, WC- oder Was-auch-immer-Pause, die dann gefühlte zwei Stunden dauert.“

„Was ich heute in der Arbeit alles schaffen könnte, stattdessen hier sinnlos herumsitzen. Und wieder bleibt Arbeit liegen.“

„Mal schauen, wie spät es ist … Wahnsinn!! Die Zeit will und will nicht vergehen.“

„Und wie spät ist es jetzt? … Was?? Die Zeit will und will nicht vergehen.“

Haben Sie noch Fragen? … Es gibt immer Teilnehmer, die genau auf diese Frage warten, um sich dann ins Rampenlicht zu stellen, indem sie das bereits Gesagte mit einer persönlichen Note zusammenfassen. Aber es gibt auch solche, die keinen Anstoß brauchen, um sich eine Bühne zu verschaffen.“

„Und schon wieder einer, der sich wichtigmacht und sich selbst gerne reden hört.“

„Und wenn ich dann am nächsten Tag vom Chef gefragt werde, wie das Seminar war, das er bezahlt hat, lautet meine Standardantwort: Ja, war sehr interessant! Auch wenn ich mich kaum noch an den Inhalt erinnern kann.“

„… meist alles schon irgendwo gehört, verpackt in einem Geschwurbel an Worthülsen.“

„Auch ein offensichtliches Muss für jeden Seminarleiter, so auf alle Fälle mein Eindruck: jeden Teilnehmer möglichst oft mit seinem Namen ansprechen. Als ob die Gefahr besteht, dass ich meinen eigenen Namen vergesse.“

„Bevor das Seminar zu Ende ist, geht noch eine Liste die Runde durch. Wer möchte, kann – oder besser gesagt: jeder soll – darin seine persönlichen Daten und die E-Mail-Adresse eintragen, um den hochinteressanten Newsletter des Referenten zu erhalten.“

„Mutige oder von sich überzeugte Referenten machen abschließend noch eine offene Feedbackrunde, in der ihm nochmals bestätigt wird, dass eh alles super war und die Teilnehmer viel Neues gelernt haben.“

„Das Stimmungsbarometer darf nicht fehlen: Wie im Kindergarten werden Klebepunkte – in der Luxusvariante mit einem lachenden, missmutigen oder neutralen Gesichtchen – auf ein Plakat geklebt.“

Kennen Sie vielleicht selbst solche oder ähnliche Gedanken?

Zum Weiterlesen:



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