Ruf des Ozeans: Erfahrungen der Weltumsegler Evi Strahser und Wolfgang Wirtl

Haben Sie sich das auch schon gelegentlich gedacht: „Mir reicht’s! Ich steig aus!“

Solche Gedanken kommen wohl den meisten von uns hin und wieder. Die Belastung im Job, der Stress, die Hektik – dies alles nährt den Wunsch nach einer Auszeit. Und doch wagen die wenigsten, diesen Wunsch in die Realität umzusetzen. Zu viele Ängste und Risiken sind damit verbunden.

Zwei, die es gewagt haben, sind die Weltumsegler Evi Strahser und Wolfgang Wirtl. Drei Jahre waren sie mit ihrem Katamaran „Sleipnir2“ auf den Weltmeeren unterwegs. Dabei haben sie exotische Länder bereist, verschiedene Kulturen kennengelernt und am Strand der Fidschi Inseln geheiratet.

Und weil sie in meiner Nachbarschaft wohnen, habe ich die Gelegenheit gleich beim Schopf gepackt und sie zu ihren Abenteuern und Erfahrungen befragt.

Hier das Interview.

Nun haben sie ein Buch herausgebracht: “Ruf des Ozeans“. Das Buch kann auch über Amazon bezogen werden. Es handelt von ihrer 3-jährigen Weltumsegelung und den Problemen des Aus- und Wiedereinstiegs in den Alltag. Ausschnitte aus ihrem Buch stellen sie exklusiv hier vor.

ruf des ozeans

Wiederholungstäter

Ein Zeitraum von vier Jahren scheint uns ausreichend, um die finanzielle Basis für ein neues Projekt zu schaffen, und vor allem Sleipnir2 nach den Erfahrungen der ersten Reise aus- und umzurüsten. Diesmal wagen wir uns an drei Jahre Auszeit, der bewährten Sabbatical-Variante werden zwei unbezahlte Karenzjahre angehängt. Das Thema Weltumsegelung steht im Raum, niemand spricht es allerdings aus. Wir philosophieren vom Kurs nach
Westen, immer der untergehenden Sonne nach, mit einem möglichen Endziel Neuseeland.

Der Umfang der Vorbereitungsarbeiten übersteigt bei Weitem jenen für die einjährige Atlantikrunde, und ohne die Mithilfe und den großartigen Einsatz einiger Freunde würde uns die Planung bald über die Köpfe wachsen. Während wir unseren Jobs in gewohnter Weise nachkommen, lösen wir gleichzeitig Stück für Stück die dichte, engmaschig-verwobene und wohlorganisierte Struktur unseres gesicherten und bequemen Lebens in Wien auf.

Amts- und Arztwege bestimmen das Tagesprogramm, Mobiltelefone, Festnetz und Internetzugang werden gekündigt, mit Banken und Versicherungen alle Formalitäten geklärt, die Autos verkauft und schließlich der größte Teil des Wohnungsinventars geräumt und – einer Ameisenstraße gleich – mit zahlreichen Helfern in das nahegelegene Elternhaus Wolfgangs verfrachtet.

Jede Woche gibt es längere und kürzere Treffen mit Freunden, von denen wir uns verabschieden – manchmal ist das gar nicht so leicht. Ob wir uns schon freuen, ob wir Stundenfresser anlegen, werden wir gefragt. Keineswegs – die Anspannung steigt langsam an, aber der dichte Terminplan der Vorbereitungen lässt keine Zeit zum Nachdenken.

Die unmittelbare Zeit vor dem Ausstieg ist völlig unromantisch, vom Terminchaos geprägt, aber Jammern gilt in dieser Situation nicht, es würde auch kaum jemand verstehen…

Nachdem wir auch noch von Kurt, einem befreundeten Anästhesisten, eine Einweisung in die Kunst des Vernähens von Wunden bekommen, die am Anschauungsobjekt einer Zucchini letztlich zu gröbster Gemüseschändung führt (unser Respekt vor der Handfertigkeit der Ärzte steigt deutlich), ist es endlich soweit: Am 29. Juni 2007 steht unser Freund Harti vor der Tür einer nahezu leeren Wohnung, um uns – passenderweise mit einem Lieferwagen
– nach Norditalien zum Schiff zu bringen.

Nach wenigen Tagen liegt der Kat bereits im Fiume Stella – durch den strömungsbedingten Zug an den Festmachern „zappelt” Sleipnir2 förmlich etwas unruhig zwischen den Dalben und versinnbildlicht gleichsam die Anspannung und Ungeduld, bevor wir endlich flussabwärts in die Adria zu einem neuen Segelabenteuer aufbrechen.

Auch Wolfgangs Mutter Gudrun kommt mit Freundin Hildegard nach Italien, um ihre „Kinder” zu verabschieden und einen kurzen Einblick in das künftige Leben an Bord zu nehmen – Lebensumstände wie Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Elektronik des anbrechenden 21. Jahrhunderts ist der treffende Sukkus.

Ein weiteres Kapitel aus dem Buch:

Inselhüpfen im Zentrum der Südsee

Mit vier anderen Booten brechen wir zeitgleich von Rangiroa in den Tuamotus nach Papeete auf. Es gibt uns ein gutes Gefühl, über beide Tage in permanentem Funkkontakt mit den anderen Yachten zu stehen, denn das harte am Wind Segeln setzt unserer ohnehin beschädigten Sleipnir2 sehr zu.

Eine Reiffleine des Großsegels reißt, und die gesamte Beleuchtung sowie die Windanzeige fallen aus, nachdem das Schiff regelmäßig von Wellen überspült wird. Unter Taschenlampenbeleuchtung nähern wir uns während der zweiten Nacht Tahiti und laufen bei Sonnenaufgang als erstes Schiff unserer „Flotte” in den Hafen der Hauptstadt Papeete ein – neben Suva/Fiji die wichtigste Metropole der Südsee.

Sind wir enttäuscht vom ersten Eindruck, den wir während der Morgenstunden ergattern? Klangvollen Plätzen wie Tahiti ist es natürlich nahezu unmöglich, der hohen Erwartungshaltung gerecht zu werden, selbst wenn der Besucher redlich um eine realistische Sichtweise bemüht ist. Die Bürde des Mythos vom exotischen Paradies mit den edlen Wilden, der Schönheit der polynesischen Vahine und der sexuellen Freiheit ist groß. Das Reservat einer unverdorbenen Natur, eines Garten Edens wurde bereits in Paul Gauguins Werken fern der Wirklichkeit vom Künstler idealisiert.

Ja, wir sind ein wenig enttäuscht, gleichzeitig spüren wir auch so etwas wie kindliche Ehrfurcht vor einem Ort, an dem die bedeutendsten Entdecker des 18. Jahrhunderts vor Anker gingen. James Cook, Louis Antoine de Bougainville sowie William Bligh waren hier und vor allen anderen natürlich Samuel Wallis. Ihre Reiseberichte haben in Europa das Bild Polynesiens geprägt und die Sehnsucht nach dem Südseeparadies geweckt – ein Bild mit dem selbst wir heute noch hadern… dennoch wir sind im „Zentrum der Südsee”.

Ehrfurcht in etwas modernerer Form erweckt übrigens auch die im Stadthafen festgemachte 280 Fuss SY Maltese Falcon, ihres Zeichens zweitgrößte Segelyacht der Welt (Stand Jänner 2011) mit dem gewöhnungsbedürftigen Dyna-Rigg und den drei 58 Meter hohen Kohlefasermasten. Um die Einklarierungsformalitäten rasch abzuwickeln, gehen wir am berühmten Quay Bir Hakeim längsseits. Hier hat Bobby Schenk Wolfgang Hausner getroffen
– oder umgekehrt, und Bernard Moitessier hat nach seiner legendären Segelreise (nonstop eineinhalb Mal um den Globus) hier festgemacht, den Klassiker „Der verschenkte Sieg” geschrieben und als Protest gegen die Verkehrspolitik der Stadtverwaltung Bananenstauden am Straßenrand gepflanzt.

Im Jahr 2008 ist dieser geschichtsträchtige Platz im Hafen verwaist, und nur wenige Yachten liegen an den Moorings unmittelbar neben der Hauptstraße. Das Ankerfeld befindet sich heute fünf Seemeilen südlich zwischen der Marina Taina und dem Außenriff. Treffpunkt der Seglergemeinschaft ist die tägliche Happy Hour in der Dingi-Bar pünktlich um 17:00 Uhr …



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