Kennen Sie die „Geheimsprache“ in den Reisekatalogen?

Wir hatten bisher immer Glück mit unserer Hotelauswahl und den Urlaubsdestinationen. Freunden von uns war das Glück im letzten Sommerurlaub weniger hold.

Das im Reisekatalog angepriesene nur wenige Minuten vom Meer gelegene, alteingesessene Hotel mit freundlichen Zimmern stellte sich vor Ort als eine Bruchbude heraus. Die Beschreibung wenige Minuten vom Meer bezog sich wohl auf Fahrminuten. Unsere Freunde: “Es waren mit dem Shuttlebus geschlagene 17 Minuten. Ja, und freundlich war auch nur die Farbe in den hellgelb gehaltenen Zimmern.”

Urlaub vom Urlaub

Die ersehnte Erholung wurde durch Enttäuschung, Ärger und Stress verdrängt. So hätten sie noch einen Urlaub vom Urlaub nötig gehabt, was aber nicht möglich war.

Mit den Beschreibungen in den Reisekatalogen ist es so eine Sache. Diese sind oft mehr Um- als Beschreibungen – ja, so eine Art Geheimsprache, wie sie auch in Arbeitszeugnissen verwendet wird.

Natürlich versucht jeder Verkäufer sein Produkt möglichst in ein schmeichelndes Licht zu stellen. So auch die Hotelbetreiber und Reiseveranstalter. Das ist durchaus verständlich und legitim. Wenn aber offensichtliche Mängel so umschrieben werden, dass sie als solche nicht erkannt werden, ist das alles andere als lustig!

Man kann so ziemlich alles durch geschickte Formulierungen vom Negativen ins Positive rücken – um auf das schon überstrapazierte Beispiel zurückzugreifen: Das Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll. Und Nachdruck kann man dem Ganzen auch noch mit schönen, bunten Bildern verleihen. Am PC wird mit wenigen Klicks ein grauer Himmel strahlendblau und die graue Hotelfassade wird in blendendweißer Farbe getüncht.

Woran kann man sich dann orientieren?

Nun ist es nicht immer einfach, ein reales Bild von der ins Auge gefassten Unterkunft zu bekommen. Eine Möglichkeit bieten hier die zahlreichen Bewertungsportale im Internet. Dort haben Gäste die Möglichkeit, ein besuchtes Hotel zu bewerten und ihre Meinung zu hinterlassen.

Aber auch bei solchen Portalen ist Vorsicht geboten. Diese Bewertungen und Äußerungen können selbstverständlich genauso manipuliert werden. Ins Positive durch Personen, die im Interesse des Reiseveranstalters oder Hotelbetreibers schreiben, ins Negative durch die Konkurrenz oder durch einen – oft durch Belangloses – beleidigten Hotelgast.

In zahlreichen Ländern werden zur Klassifikation von Hotels Sterne als Bewertungssymbole herangezogen. Ab einer gewissen Anzahl an Sternen kann man schon davon ausgehen, dass man mit dem Hotel eher zufrieden sein wird. Denn um an die Sterne zu gelangen, müssen bestimmte Qualitäts-, Ausstattungs- und Komfort-Kriterien erfüllt werden.

Auch Empfehlungen im Bekannten- und Freundeskreis sind eine gute Orientierungshilfe. Denn positive Mundpropaganda ist immer noch ein starkes Zugpferd – nicht nur in der Gastronomie und Hotellerie.

Nun zur „Geheimsprache“

Es macht immer wieder Spaß, in Reisekatalogen zu schmökern und vom nächsten Urlaub zu träumen. Wenn Sie das nächste Mal einen Reisekatalog in die Hand nehmen und die Beschreibungen durchsehen, versuchen Sie auch einen Blick zwischen den Zeilen zu werfen, um verdächtige Umschreibungen zu erkennen.

Einige typische Beispiele solcher Umschreibungen können sein – mit Betonung auf „können“:

Mit Direktflug
Achtung: Ein Direktflug muss nicht unbedingt ein Nonstopflug, sondern kann auch einer mit Zwischenlandungen sein.

Hotel in zentraler Lage
Die zentrale Lage kann als Umschreibung für eine verkehrsreiche Umgebung dienen, verbunden mit der daraus resultierenden Lärmbelästigung. Das Gleiche gilt für eine „verkehrsgünstige Lage“.

Neu erbautes Hotel
Das kann auch ein Hotel sein, in dem es noch die eine oder andere Baustelle gibt. Aber auch in der direkten Umgebung kann es von Baustellen wimmeln, weil das Hotel in einer neu ausgewiesenen (Hotel-)Bauzone errichtet wurde. Das gilt vor allem für einen „aufstrebenden Urlaubsort“.

In Strandnähe
Nah ist relativ und kann auch mehrere Geh- und sogar Fahrminuten zum Strand bedeuten.

Zimmer in Richtung Meer oder zur Meerseite
Das heißt aber noch lange nicht, dass man vom Zimmer auf das Meer blicken kann. Auch ein Zimmer ohne Fenster kann zur Meerseite ausgerichtet sein, oder eines mehrere Kilometer vom Meer entfernt kann in Richtung Meer weisen. Der Meerblick kann durch Nachbargebäude versperrt sein. Aber auch ein „Zimmer mit Panoramablick“ kann bedeuten, dass das Meer zwar sichtbar ist, aber doch weiter entfernt.

Oder „direkt am Meer“. Es gibt auch Hotels, die an einer Steilküste liegen. Um an den Strand zu gelangen, muss man einen nicht unerheblichen Höhenunterschied zurücklegen.

Kurzer Transfer vom Hotel zum Flughafen
Achtung, Flughafen kann in der Nähe liegen, was wiederum eine Lärmbelästigung durch Flugzeuge zur Folge haben kann.

Bus-Haltestelle in unmittelbarer Nähe
Eine solche Haltestelle kann auch direkt an der Hauptstraße liegen, die damit in unmittelbarer Nähe zur Unterkunft liegt.

Mietauto wird empfohlen
Empfohlen wird es in der Regel dann, wenn das Hotel irgendwo weit abseits liegt.

Freundliche Zimmer
Und nun sind wir schon bei der eingangs erwähnten Floskel. Ich will mich ja nicht mit meinem Zimmer unterhalten, also muss es nicht unbedingt freundlich sein. Wenn der Komfort und die Ausstattung passen, bin ich auch zufrieden. Auch Formulierungen wie „landestypische“ oder „zweckmäßige“ Einrichtung lassen eher auf wenig Komfort schließen.

Beheizbares Schwimmbecken
Beheizbar heißt aber nicht, dass es auch beheizt wird, sondern lediglich, dass es möglich ist, es zu beheizen.

Kontinentales Frühstück, internationale Küche
Wenn diese Phrasen in der Hotelbeschreibung vorkommen, ist nicht unbedingt mit einer reichhaltigen und abwechslungsreichen Verpflegung zu rechnen. Landestyptische Gerichte stehen dann eher nicht auf dem Speiseplan.

Familiäre Atmosphäre, kinderfreundliches Hotel
Wer die Ruhe sucht und selbst keine Kinder hat, sollte diese Unterkunft meiden.

Internationale Gäste
Also Gäste aus den verschiedensten Ländern. Wer das schätzt, ist hier bestens aufgehoben. Wer auch im Urlaub lieber unter Landsleuten ist, wird sich hier nicht wohlfühlen.

Naturbelassener Strand
Naturbelassen ist schön und gut. Aber dabei kann es sich genauso um einen verschmutzten Strand handeln, weil er nicht regelmäßig gesäubert wird. Auch ein Hinweis, dass es sich dabei um keinen Sandstrand handelt, könnte darin versteckt sein.

Um Ihr Wohlergehen bemühtes Personal
Hier sollte man die Erwartungen an den Service nicht zu hoch stecken. Ein „bemühtes“ Personal kann auch ein nicht ausgebildetes Personal sein. Auch ein „unaufdringlicher Service“ kann auf einen unprofessionellen Service hinweisen. Wenn ich nach dem Kellner dreimal rufen muss, bis er sich zu mir bemüht, dann ist der Service auch unaufdringlich. :-)

Wenn Sie also das nächste Mal beim Blättern im Reisekatalog auf die eine oder andere erwähnte Phrase stoßen, gehen Sie eher vom „halbleeren Glas“ ausgehen.

Zum Weiterlesen:



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