Die Erzählungen meines Großonkels

In meiner Kindheit verbrachte ich einen Teil meiner Sommerferien auf dem Bauernhof meines Großonkels. Das waren schöne Tage! Er erzählte mir häufig aus seiner Kindheit, seiner Jugend – von seinen Streichen, der mühsamen Schulzeit, den Feierlichkeiten im Dorf, seiner Einberufung, den entbehrungsreichen Kriegsjahren und vieles mehr.

Ich fand diese Erzählungen stets spannend und unterhaltsam und bekam damit auch eine Vorstellung von den Lebensumständen in der Zeit seiner Kindheit und Jugend – eine Art Geschichtsunterricht und weitaus lebendiger und damit einprägsamer als ich ihn in der Schule vermittelt bekam.

Leider ist mein Großonkel bereits vor längerer Zeit verstorben. Heute wäre mein Interesse an seinen Erzählungen noch größer und es gäbe viele Fragen, die ich ihm stellen würde.

Kürzlich habe ich ein Buch gelesen, in dem ein Veteran seine Kriegserlebnisse (2. Weltkrieg) schildert. Die Erlebnisse wurden von seinem Enkel zu Papier gebracht und von einem Verlag als Buch herausgegeben.

Diese Weitergabe von Erfahrungen und Erlebnissen an seinen Enkel, der offensichtlich Interesse daran hatte, finde ich wertvoll. Mit Sicherheit hat das auch zu einem besseren Kennenlernen zwischen beiden Generationen beigetragen. Und wahrscheinlich bekam der Enkel durch die Erzählungen seines Großvaters auch einiges an Geschichtswissen vermittelt, das ihm so wohl kaum ein Unterricht geboten hätte.

Verlorene Weisheit

Ein afrikanisches Sprichwort besagt:

Stirbt ein alter Mensch, dann verbrennt eine ganze Bibliothek.

Jeder Mensch sammelt in seinem Leben eine Menge an Erfahrungen – schöne und weniger schöne. Schwierigkeiten und Probleme, die sich einem stellen, gilt es, zu bewältigen. Die damit verbundene Wissens- und Erfahrungssammlung trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Und die Summe aus Erfahrung und Wissen macht auch die häufig zitierte Lebensweisheit aus.

Um nochmals auf das Sprichwort zurückzukommen: Mit dem Tod eines Menschen geht in der Regel auch sehr viel Lebensweisheit unwiederbringlich verloren. Dabei gibt es zahlreiche Menschen, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse gerne weitergeben würden, aber nicht die Möglichkeit dazu haben.

Sie könnten sie zwar niederschreiben und damit der Nachwelt hinterlassen. Aber das ist doch etwas anderes als seine Erlebnisse direkt an eine interessierte Person weiterzugeben. Idealerweise an einen Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld, beispielsweise an ein Familienmitglied.

Der Fragekatalog

Vielleicht haben Sie noch Großeltern oder andere Bekannte älterer Generation, die Sie gerne befragen würden. Wenn diese Person auch gerne über ihre Erlebnisse und Lebenserfahrung plaudert, dann sind das optimale Voraussetzungen für einen intensiven Austausch.

Dann sollten Sie sich mal in aller Ruhe ein paar Fragen zusammenstellen – eine Art Fragekatalog. Was möchten Sie aus der Zeit von früher, was über die Person selbst erfahren? Gute Inputs erhalten Sie, indem Sie vorab über diese Zeit recherchieren – das Internet bietet hierzu ja ausgezeichnete Möglichkeiten. Also ein Blick zurück auf das Weltgeschehen in der Kindheit, Jugendzeit … dieser Person.

Daraus formulieren Sie dann Fragen, deren Antworten Sie brennend interessieren. Aber nicht nur Fragen, was das Umfeld, das erlebte Weltgeschehen in der entsprechenden Zeit betrifft, sondern auch persönliche Fragen sollten in Ihrem Fragekatalog nicht fehlen. Dazu ein paar Beispiele:

  • Was waren die schönsten, die schwierigsten Momente in deinem Leben?
  • Gibt es etwas, das du aus heutiger Sicht anders machen würdest?
  • Von wem hast du am meisten gelernt?
  • Hast du vielleicht ein paar Ratschläge für meinen weiteren Lebensweg – resultierend aus deinen eigenen Erfahrungen?

Insbesondere Antworten auf solche persönliche Fragen fördern das gegenseitige Kennenlernen, Verständnis und die Verbundenheit.

Wenn Sie nun ein solches „Interview“ führen möchten und es in Ihrem Bekanntenkreis keine Person gibt, die dafür bereit wäre, schauen Sie einfach in einem Seniorenheim vorbei. Sprechen Sie mit der Leitung dieses Heims.

Dort lassen sich mit Sicherheit Personen finden, die Ihnen gerne Rede und Antwort stehen. Denn gerade dort gibt es häufig Menschen, die regelrecht aufblühen, wenn man ihnen ein offenes Ohr schenkt und aufrichtiges Interesse entgegenbringt.

Zum Weiterlesen:



Kommentare

Diesen Artikel kommentieren

Bitte die Kommentarregeln berücksichtigen. Danke!