Die Begegnung mit dem alten Mann

Von Lesern eingesendete Zeitblüten:

Schon beim Aufwachen fühlte ich mich gestresst. Mein Tagesplan war übervoll. Vormittags hatte ich genau zwei Stunden Zeit, um verschiedenste Einkäufe zu erledigen, bevor ich wieder in die Arbeit musste.

Die meisten Einkäufe waren erledigt. Ich musste noch in ein letztes Geschäft. Mein Plan war: husch hinein, ruckzuck einkaufen, bezahlen und wieder raus.

Es kam anders. In einem Gang sah ich einen älteren Herrn – später stellte sich heraus, dass er 85 Jahre alt ist – mit einer Einkaufsliste in der Hand und Verzweiflung im Gesicht. Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könne.

Er sagte mir, dass er sonst nie die Einkäufe besorgt, sondern seine Frau, die jetzt aber schwer krank ist. Er weiß nicht, wo er was finden kann und was seine Frau überhaupt mit dem Aufgeschriebenen meint. Er nannte mir ein paar Dinge, die er besorgen sollte und ich half ihm, die Lebensmittel in seinen Wagen zu packen.

Nachdem ich ihm noch den Weg zum Kühlregal gezeigt hatte, bedankte er sich und jeder ging seines Weges. Im nächsten Gang begegnete ich ihm erneut in fast aufgelöstem Zustand. Ich fragte ihn wieder, was er suche. Auch da konnte ich ihm helfen.

Der nette Herr bedankte sich wieder. Nachdem ich meine Einkäufe erledigt hatte und zu meinem Auto ging, wartete er bereits auf dem Parkplatz auf mich. Er schenkte mir ein wunderschönes, handgemachtes Schneidebrett.

Ich wollte es zuerst nicht annehmen, weil es ja selbstverständlich ist, dass man einander hilft. Er aber bestand darauf und erzählte mir, dass er früher eine kleine Tischlerei hatte und solche Sachen jetzt für andere Leute macht, dass er Menschen im Altersheim besucht und für alte Personen in seiner Umgebung immer wieder Nützliches in seiner kleinen Tischlerei werkelt.

Er zeigte mir einige Stücke, die er in seinem Auto verstaut hatte – ein Stockerl für eine alte Dame, das sie zum Schuhebinden verwenden kann, ein kleines Jausenbrett usw. Er hatte insgesamt zehn solcher Schätze in seinem Auto, die er nach seinem Einkauf nun zu den Leuten brächte.

Ich ignorierte die tickende Uhr in mir und hörte ihm zu. Er ließ mich auch wissen, dass er ein Musiker sei. Er habe sich das Akkordeonspielen selbst beigebracht. Wenn ich noch eine Minute Zeit hätte, könne ich es mir anhören.

Er packte eine Kassette aus, steckte sie in das Autoradio mit Kassettenfach (!) und lud mich ein, sich in sein Auto zu setzen, weil es windig war.

So saß ich also nun mit dem Herrn im Auto und lauschte seinen Aufnahmen. Dabei erzählte er mir aus seinem Leben. Während ich so da saß, dachte ich bei mir: Das ist eine ganz reale Zeitblüte!

Die Begegnung mit diesem Mann „kostete“ mich etwa eine halbe Stunde. Aber ich bin dankbar dafür!

Ich war dadurch total aus meinem „Stressrhythmus“ geraten und fühlte mich absolut ruhig. Der Rest des Tages verlief mit genau diesem ruhigen Gefühl. Ich konnte ein Ding nach dem anderen erledigen, ohne noch einen Hauch von Stress zu verspüren.

Klara



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