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Interview mit dem Coach Jan Theofel: Experiment – 8 Tage in Dunkelheit

In unserer Leistungsgesellschaft stehen viele unter Dauerstress und Leistungsdruck. Körper und Geist kommen kaum zur Ruhe, die Entspannung bleibt aus. Auch die tägliche Informationsflut und Berieselung (über Internet, Zeitungen, Radio, Fernseher) tragen dazu bei. Und sogar im Urlaub sind wir stets mit etwas beschäftigt, auch wenn an den freien Tagen ein anderes „Programm“ abläuft als im Arbeitsalltag. Wirklich nichts zu tun und sich nur mit der eigenen Person zu beschäftigen, sind die meisten von uns gar nicht gewohnt. Zeit für sich selbst zu finden ist natürlich nicht leicht. Berufliche und auch private Verpflichtungen lassen dies häufig nicht zu. Um eine mögliche Balance zwischen An- und Entspannung zu erreichen, sind ein Ausgleich und regelmäßige Auszeiten förderlich.

Das Auszeit-Experiment

Eine etwas radikale Form der Auszeit hat der Coach Jan Theofel in einem Experiment gewählt. Er hat sich für 8 Tage in komplette Dunkelheit zurückgezogen. Dieser Rückzug fand in einem hierzu vorgesehenen abgedunkelten Wohnbereich (Schlaf-, Aufenthalts-, Badraum, Toilette) statt. Verpflegung war gegeben. Die täglichen Mahlzeiten dienten auch zur zeitlichen Orientierung, da keine Uhrzeit sichtbar war. Die Mahlzeiten brachte eine Betreuerin, die außerhalb des Dunkelbereichs anwesend war. Sie stand auch für Gespräche jederzeit zur Verfügung. Mittels einer Glocke konnte sie in den Dunkelraum geholt werden. Zu diesem Experiment und zu seinen Erfahrungen habe ich Jan Theofel befragt.
Zur Person: Jan-Theofel Jan Theofel ist Coach und betreut sowohl private Personen als auch Unternehmen. Außerdem organisiert er Barcamps. 
Herr Theofel, Sie haben sich in einem Experiment 8 Tage in vollkommene Dunkelheit zurückgezogen. Gab es einen bestimmten Grund für diesen Rückzug, einen Auslöser? Als ich früher in der IT-Branche gearbeitet habe, hatte ich das diffuse Gefühl, dass es da „noch mehr“ in meinem Leben gibt. Genauer beschreiben konnte ich es damals nicht. Also begann ich, mich mit Selbstfindung zu beschäftigen, Bücher zu lesen und Seminare zu besuchen. Im Frühjahr traf ich eine Anbieterin von sogenannten Dunkelretreats. Ich bin ein neugieriger Mensch und probiere gerne Neues aus – warum nicht das? Dazu kam mein Eindruck, dass mir das bei meiner Suche nach mir selbst weiterhelfen würde. So vereinbarten wir einen Termin im Sommer. Was war das Ziel, was wollten Sie damit erreichen? Bis zum Start hatte ich mir zwei Ziele vorgenommen: 1. Das eine war, alle Gefühle zuzulassen – was immer da auftaucht. 2. Das andere war, dass ich wirklich nichts tun wollte. Und schließlich war ich neugierig und wollte mich überraschen lassen, was da sonst passiert. Die ersten beiden Punkte will ich kurz näher erklären:
Ich halte das bewusste Wahrnehmen aller Gefühle für einen zentralen Schlüssel zur persönlichen Freiheit. Das gilt insbesondere auch für unangenehme Gefühle, die wir meistens versuchen wegzudrücken. Wenn man nichts mehr hat, um sich abzulenken, kann man viel besser fühlen, was gerade da ist.
Egal, ob das nun aktuelle Sachen sind oder solche, die man in der Vergangenheit vermieden hat und die sich dann zeigen. Und Nichtstun ist in der Dunkelheit auch etwas anderes. Im Alltag ist es ein aktives Nichtstun. Wir tun das Nichtstun. Wir tun etwas, beispielsweise meditieren, um nichts zu tun.
Aber wenn man nichts mehr tun kann, dann wird das Nichtstun plötzlich kein Tun mehr. So ist vollständiges Innehalten leichter möglich.
Warum genau acht Tage? Insgesamt waren es zehn Tage, davon acht in kompletter Dunkelheit und einen Tag rein und einen raus. Das war der vorgeschlagene Zeitraum und das hat sich als günstig erwiesen. Viele Dinge brauchen ihre Zeit und manche Erfahrungen fanden erst am letzten Nachmittag statt. Gerade die ersten Tage ist man noch sehr in Gedanken. „Was verpasse ich jetzt gerade?“ oder „Wenn ich rauskomme, muss ich  ...“.
Am Anfang versucht der Verstand, noch viel zu verstehen und zu steuern.
Bei mir hat das vier Tage gedauert, bis ich das alles loslassen konnte. Dann beginnen die ersten tieferen Erfahrungen. Ein solcher Rückzug bedarf wohl einer gewissen Vorbereitung? Ja, das ist unabdingbar. Man sollte wissen, was auf einen zukommt. Dazu hatten wir ein längeres Vorgespräch und ich habe den Ort auch vorher besichtigt. So wusste ich, dass ich mich wohlfühlen würde. Des Weiteren braucht es eine gewisse Praxis, mit den Dingen umzugehen, die dort auf einen zukommen. Bei mir war es so, dass ich im Retreat einen halben Tag lang eine starke Todesangst verspürt habe. Hier halfen mir Übungen, diese Angst anzunehmen und zu fühlen, ohne etwas damit machen zu müssen. Trotzdem gab es auch Situationen, mit denen ich nicht alleine fertig wurde und bei denen ich auf meine Betreuerin angewiesen war. Ich besuchte unmittelbar vorher ein zweiwöchiges Retreat, wo es unter anderem darum ging, Gefühle zu fühlen und das Nichtstun zu üben. Das Dunkelretreat war quasi eine besonders intensive Vertiefung. Anschließend hatte ich mir eine weitere Woche freigenommen, um wieder in der „normalen Welt“ anzukommen. So eine Zeit von insgesamt fünf Wochen Abwesenheit und absoluter Nichterreichbarkeit muss vor allem als Selbstständiger natürlich auch organisatorisch vorbereitet werden. Sie waren ja ohne Handy, Radio, Fernseher – Geräte, die man in der Regel täglich nutzt und die für viele auch einen gewissen Suchtfaktor darstellen. Was macht man da den ganzen Tag? Einfach nichts. Die ersten drei Tage hatte ich noch ein Hörbuch dabei, aber auch das habe ich irgendwann aufgegeben. Also tut man den ganzen Tag nichts, genießt die Stille und Ruhe, das Nichtstunmüssen und das Geschehenlassen.
Aus dieser Ruhe steigt oft ein Gefühl des Glücks auf, das keinen Grund braucht, um zu entstehen. Das kann man dann einfach genießen.
Dann kommen wieder Gedanken, die man ziehen lässt. Oder Gefühle, die man fühlt. Und dann ist da wieder diese Stille.
Sie sprechen hier von genießen. Über einen längeren Zeitraum absolut nichts zu tun, stelle ich mir schwer aushaltbar vor. Auch die vollkommene Stille ist wohl gewöhnungsbedürftig? Descartes hat den berühmten Satz geprägt:
„Ich denke, also bin ich.“
Da das Denken auch ein Tun ist, könnte man das erweitern zu „Ich tue, also bin ich“. Das Gefühl, nichts tun zu können, ist daher schwer auszuhalten.
Denn sobald wir nichts tun, stellt das auf einer gewissen Ebene immer unsere eigene Existenz infrage. Wir müssen sozusagen durch Denken und Tun beweisen, dass wir existieren.
Auf diesem Weg stellen sich oft existenzielle Ängste ein. Diese sind sonst natürlich auch da – wir verdrängen sie nur. In so einem Setting kann man sich ihnen stellen, sie wahrnehmen und fühlen.
Das ist wie mit dem Weglaufen vor etwas: Erst wenn ich stehen bleibe und meinen Verfolger betrachte, kann ich erkennen, dass er gar nicht so bedrohlich ist, wie ich mir das vorgestellt habe.
Ähnlich verhält es sich auch mit der Langeweile. Sie überdeckt nur diese darunterliegenden Gefühle. Wenn man die Langeweile erfährt, entdeckt man, was dahintersteckt. Wenn man das alles annimmt, bleiben danach die oben erwähnte Stille und das Glück, das ihr entspringt. Dann ist Nichtstun angenehm und einfach.
Hat sich trotz des Nichtstuns ein geregelter Tagesablauf eingespielt? Ein Stück weit ja. Durch die drei Mahlzeiten hat man ein gewisses Zeitgefühl. Ich glaube, da braucht es schon ziemliche Verschiebungen und einen längeren Zeitraum, dass man da komplett durcheinander kommt. Weil Sie das Zeitgefühl erwähnen: Wie war Ihre Zeitwahrnehmung in der Dunkelheit – ohne den gewohnten Blick auf die Uhr? Neben den erwähnten Mahlzeiten, die eine grobe Tageszeit vorgaben, gab es kein richtiges Zeitgefühl. Manches fühlte sich sehr kurz an, anderes extrem zäh.
Das ist aber auch etwas, das man in das normale Leben integrieren sollte: soweit möglich, ohne Uhr zu leben.
Wenn ich Termine habe, erinnert mich mein Handy rechtzeitig daran. Aber sonst schaue ich selten auf die Uhr und nutze auch keinen Wecker. Das ist ziemlich entspannend. Nun zu Ihren Erfahrungen in der Dunkelheit. Welche haben Sie gemacht? Wie viel Zeit haben wir für das Interview? ;-) Die absolute Dunkelheit ist eine Methode in verschiedenen Traditionen, um besondere Fähigkeiten zu entwickeln und Erfahrungen zu machen.
Weil wir sonst hauptsächlich visuell veranlagt sind, schärfen sich natürlich alle anderen Sinne. Der Geschmackssinn wird intensiver und man bekommt ein besseres Gefühl, was einem beim Essen guttut und wie viel man braucht.
Nach der Dunkelheit habe ich meine Portionsgrößen gesehen und war echt erstaunt, wie wenig das war. Spannend ist, wenn man entdeckt, dass viele Dinge passieren können, ohne dass wir bewusst eingreifen. Mein Körper hat sich um vieles in der Dunkelheit perfekt gekümmert. Hätte ich darüber nachgedacht, wie ich die Toilette finde, wäre alles viel schwieriger geworden.
Es ist eine gute Lektion, dass wir auch ohne Denken funktionieren. Ich hatte weiterhin schöne Erfahrungen im Geschehenlassen und Annehmen dessen, was passiert.
So wollte ich beispielsweise eines Tages nur eine kleine Portion Mittagessen. Die Betreuerin hat stattdessen verstanden, dass ich nichts wollte, und kam erst mit dem Abendessen. Natürlich hätte ich läuten und nachfragen können. Aber so war es eine ungeplante Übung für mich. An einem Tag hatte ich eine regelrechte Panikattacke. Ich lag panisch dort und war unfähig, mich auch nur ein Stück zu bewegen. Die Betreuerin half mir dann, mit der Situation umzugehen. Ich glaube, ich könnte stundenlang weitererzählen ... Lassen Sie uns mal weitermachen, da greifen wir sicherlich einiges noch auf. Was war für Sie das größte Aha-Erlebnis? Das trat am letzten Tag ein. Durch eine Rückmeldung der Betreuerin, wie sie mich wahrnahm, begann ich zunächst, meine eigene Wahrnehmung anzuzweifeln. Am besten nachvollziehbar ist das vielleicht mit dem bekannten Höhlengleichnis aus der antiken Philosophie: Es war, als ob ich spürte, dass die Schatten nicht die Realität sind.
Es folgte eine Phase, in der ich zum ersten Mal auch meine Gedanken wie diese Schatten als anzweifelbar erfuhr. Damit zweifelte ich den Zweifel selbst an.
Dies führte schließlich dazu, dass ich einen Zustand vollkommener geistiger Stille erreichte. Dieser Zustand trat einfach ein, ohne dass diesem eine Meditation oder andere Bewusstheitsübung vorausgegangen wäre. Machen Sie heute – im Arbeitsalltag, im Privatbereich – etwas anders als vor Ihrer Auszeit? Hat sich Ihre Wahrnehmung für bestimmte Dinge geändert?
Gefühle und Intuition halte ich für sehr mächtige Entscheidungshilfen, wenn wir ihnen das Denken als praktisches Werkzeug zur Seite stellen, ohne dass es dominiert.
Würden Sie das Ganze nochmals machen? Aktuell gibt es keine Pläne für eine Wiederholung, aber ich schließe das auch nicht aus. Und würden Sie das nächste Mal etwas anders machen? In diesem Fall würde ich mir überlegen, das nicht alleine zu machen, sondern zu zweit oder in einer kleinen Gruppe. Es gibt sehr wirkungsvolle Partnerübungen zur eigenen Bewusstheitserforschung, die ich gerne in der Dunkelheit praktizieren würde. Für wen ist diese Form des Rückzugs weniger oder gar nicht geeignet? Man sollte auf jeden Fall vorher eine gewisse spirituelle Praxis oder zumindest eine der Selbstfindung durchlaufen. Außerdem sollte man psychisch und körperlich stabil sein, bevor man ein Dunkelretreat antritt. Von einer solchen Erfahrung als Einstieg in die Welt der Selbsterforschung würde ich auf jeden Fall abraten. Kann man diese Erfahrungen, die Sie gewonnen haben, auch auf eine andere – vielleicht weniger radikale Weise – gewinnen? Es gibt sicherlich noch zahlreiche andere Wege zu solchen Erfahrungen. Wie so häufig führen verschiedene Wege zum Ziel. Welchen man für sich persönlich wählt, hängt von vielen Faktoren ab. Auch hier sollte man sich auf sein Gespür verlassen. Es gibt auch zahlreiche Seminare in dieser Richtung. Es gilt, unter all den Lehrern, Seminaren und Wegen jenen zu finden, bei dem sich ein Gefühl von Nachhausekommen einstellt. Dann hat man den richtigen gefunden. Nicht jeder hat die Möglichkeit, sich eine längere Auszeit zu nehmen. Was empfehlen Sie jemandem, der trotzdem mehr Ruhe in seinen Alltag bringen und den Fokus auf sich selbst richten möchte? Zunächst würde ich mir die Frage stellen, was da schiefläuft. Jeder Mensch sollte aus meiner Sicht die Möglichkeit haben, sich einen längeren Zeitraum freizunehmen und nicht erreichbar zu sein. Diese Zeit muss dabei ja keine so radikale Form wie die des Dunkelretreats annehmen.
Aber die Frage, warum man nicht mal zwei Wochen ohne Handy auskommt oder meint, so unersetzbar zu sein, sollte man sich auf jeden Fall stellen. Das ist schon alleine aus praktischen Gründen wichtig. Schließlich könnte ich nachher von einem Auto totgefahren werden. Und Sie auch. Was dann, wenn Sie nicht ersetzbar wären?
Daneben will ich natürlich einige praktische Handlungsempfehlungen geben, die man immer wieder, jetzt, in jedem Augenblick, umsetzen kann: Vielen Dank, Herr Theofel! (Kontakt zu Jan Theofel) Zum Weiterlesen:
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