Interview: Was sollten Studenten hinsichtlich des Zeitmanagements beachten?

Dass das Zeitmanagement auch für Studenten eine relevante Rolle spielt, um ein Studium in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren, steht wohl außer Frage. Allerdings haben viele Studenten große Schwierigkeiten mit der Zeitplanung.

Warum dem so ist und was es generell beim effizienten Studieren zu beachten gilt – dazu habe ich drei Experten befragt: Prof. Dr. Otto Hansmann, Dr. Sabine Hoier und Dr. Dirk Palm. 


Prof. Dr. Otto Hansmann

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Prof. Dr. Otto Hansmann ist Akademischer Direktor und lehrt an der Universität Bayreuth Allgemeine Pädagogik.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Kommunikations- und Zeitmanagement, wozu er auch publiziert hat:

„Kommunikation auf der Zielgeraden. Ein Leitfaden zur Analyse, Messung und Optimierung von Kommunikationsakten.“ Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2003.

„Vom Zeitmanagement im Schulunterricht. Was Lehrerinnen und Lehrer wissen und können sollten.“ Münster u. a.: Waxmann 2009.  


Dr. Sabine Hoier

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Dr. Sabine Hoier (Hoier-Seminarekoordiniert und lehrt an der Universität Göttingen in den Bereichen Führungs- und Selbstkompetenz sowie Wissensmanagement. Sie ist verantwortlich für das „Zertifikat für Sozial- und Führungskompetenz“. 


Dr. Dirk Palm

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Dr. Dirk Palm ist geschäftsführender Gesellschafter von Palmedia Publishing Services, Berlin.

Er hält Seminare zu Managementthemen an Universitäten, Akademien und in Unternehmen.


Ein Teilnehmer Ihres Seminars stellt Ihnen die Frage: „Was bringt mir Zeitmanagement für mein Studium?“ Was antworten Sie ihm?

Dr. Sabine Hoier:

Zeitmanagement bedeutet ja grundsätzlich nichts anderes, als sich zu überlegen, was man mit seiner Zeit anstellt. Das heißt, alle (Erwachsenen) betreiben Zeitmanagement, nämlich immer dann, wenn sie gerade nicht schlafen.

Ein Studium ohne Zeitmanagement ist also gar nicht möglich. Worum es in der Frage eigentlich geht, ist ja, ob es nötig ist, Zeitmanagement bewusst (also professionell) zu betreiben, oder ob es nicht auch reicht intuitiv vorzugehen.

Und da kann ich eindeutig sagen: Kommt drauf an!

Selbst- und Zeitmanagement hat keinen Selbstzweck. Es geht ja nicht darum, ein toller Zeitmanager zu sein, sondern darum, die eigenen Projekte so in den Lauf der Zeit zu integrieren, dass man selbst und das wichtige Umfeld (auch langfristig) glücklich und zufrieden ist.

Gelingt dies intuitiv, ist professionelles Zeitmanagement tatsächlich nicht nötig. Sieht man aber das eine oder andere Entwicklungspotenzial, dann ist eine professionelle Herangehensweise geeignet, Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Zum Beispiel, wenn man seine Ergebnisse verbessern will, wenn man die Nächte vor den Klausuren nicht mehr durcharbeiten will, wenn man nicht mehr dauernd ein schlechtes Gewissen haben will, weil man zu wenig Zeit mit der Freundin verbringt, wenn man sich nicht mehr dauernd gestresst fühlen will, oder, oder, oder …

Dr. Dirk Palm:

Mit effektivem Zeitmanagement können Sie Ihr Studium erfolgreich in einem definierten Zeitrahmen abschließen.

Warum fällt vielen Studenten eine Zeitplanung, eine Organisation des Studiums, so schwer?

Prof. Dr. Otto Hansmann:

Nach meiner Beobachtung spielen dabei grundlegende Faktoren eine Rolle, die in unterschiedlicher Relation und Gewichtung das Feld für ein gelingendes Studien-Zeitmanagement abstecken.

Zuvorderst die Studierfähigkeit, die durch familiäre und schulische Erziehung sowie Bildung geprägt wird.

Sie schließt die Befähigung ein, in einer komplexen Organisation wie der Universität, ein Studienprofil herauszufiltern, welches dem individuellen Entwicklungspotenzial auf der einen Seite und den Berufswünschen auf der anderen Seite gerecht zu werden verspricht, und das Studium dementsprechend an die Frist der Regelstudienzeit anpassen zu können.

Erfahrungen zeigen, dass Studenten mit Berufserfahrung darin den meisten Schulabgängern überlegen sind.

Die Mentalität, mit der viele Studenten in den ersten Semestern kämpfen, pendelt zwischen der Bildung eines Selbstkonzepts innerhalb eines breit abgesteckten Rahmens des Ausprobierens, was einem gefällt und was nicht, einerseits und andererseits mehr oder weniger deutlichen Vorstellungen des Studienziels und des Berufswunsches.

Schlägt das Pendel weit aus, besteht die Gefahr, sich in der Komplexität des Studienangebots zu verlieren. Das kostet Zeit. Schlägt es dagegen sehr eng aus, ist nicht auszuschließen, sich zu früh festzulegen und die Gelegenheit zu verpassen, seine Kompetenzen für den Erwerbsarbeitsmarkt mehrperspektivisch zu profilieren.

So scheint Zeit gewonnen und zugleich auch verloren. Eine Zeitparadoxie, die sich nur in der Zeit durch reflektierte Ziel- und Prioritätensetzung  auflösen lässt.

Die Organisation der Studiengänge einschließlich der Studienziele, deren Bildungs- und Berufsaussichten, ist aufgrund gesellschaftlicher Dynamiken in ständigem Umbruch begriffen, sodass die Frage der Gewährleistung oft unklar ist, ob der Student unter den Bedingungen, unter denen er eine Studienwahl getroffen und das Studium aufgenommen hat, auch das Studium abschließen kann.

Diese Unklarheit schafft Unsicherheit, und sie kostet zusätzlich Zeit, sich mit Übergangsbestimmungen der Fakultäten oder Fachbereiche und der Fächer auseinanderzusetzen.

Die Unübersichtlichkeit der Studienorganisation mancher Fachbereiche erschwert die Navigation zwischen verpflichtenden und fakultativen Studienangeboten.

Praktika sind vorgeschrieben und werden als Kontaktbörsen ins Berufsleben empfohlen, aber selten zielführend organisiert und professionell betreut. Derartige Unwägbarkeiten verlangen zusätzliche Investitionen in die Zeitplanung, ob mit Zeitgewinnen oder Zeitverlusten bleibt bis zur Rechenschaftsablegung in Praktikumsberichten offen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Kommunikation zwischen Hochschulen und Praktikumsplätzen mangels geeigneter Foren, Strukturen und engagierter Betreuer meist nicht funktioniert.

Der Erwerbsarbeitsmarkt moderner, dynamischer Gesellschaften lässt jede Prognose wie eine Seifenblase platzen, die auf eine enge Verzahnung von spezialisierenden Studienabschlüssen einerseits und hochdotierten Stellen im Arbeitsmarkt andererseits spekuliert.

Die womöglich einseitige Überqualifizierung kann in die akademische Arbeitslosigkeit münden. Die zugrunde liegenden bildungsökonomischen Planungsdefizite spülen Unsicherheit in die Studienzeitplanung.

Belastbare Kriterien für die Entscheidung der Studenten zwischen einem hochspezialisierten Studiengang womöglich mit dem Vorsatz einer inneruniversitären Karriereplanung einerseits und andererseits einem breit gefächerten und vernetzten Studiengang mit der Absicht, die Berufswahl chancenreicher zu gestalten, sind zumindest zum Zeitpunkt der Studienwahl sehr schwer auszumachen.

Dieser Mangel an verlässlichen Entscheidungskriterien kann Zeit kosten, Zeit, die für das gezielte Studium fehlt.

Die Umsetzungspraxis der Bologna-Reform an den meisten Universitäten in Europa macht es den Studenten nicht leicht, ihren Lebenslauf zwischen privaten und beruflichen Wünschen in sich stimmig aufzufädeln.

Alleinerziehende und auch verheiratete Studenten sowie Studenten, die ihr Studium durch Nebenjobs finanzieren müssen, sind mit zusätzlichen Problemen ihres Zeitmanagements konfrontiert. Familienfreundliche Hochschulen sind noch die Ausnahme.

Permanente programmatische und organisatorische Anpassungen an veränderte gesellschaftliche Zielstellungen erfordern Zeit, gerade auch in lernenden und demokratisch verfahrenden Hochschulen.

Die Einbeziehung der Studenten in diese Modernisierungsprozesse ist unterschiedlich organisiert. Damit verbundene Zeitverbräuche für nachholende Informationen, widerständigen Protest oder Gegenvorschläge werden an die Studenten weitergereicht

In demokratisch aufgestellten Hochschulen ermöglicht das Studium Engagement in den Gremien der Selbstverwaltung, vor allem als gewählte Studentenvertreter.

Dieser Zusatzgewinn an Demokratiefähigkeit strahlt auf das Selbstkonzept aus. Allerdings: Nur bei umsichtiger und kluger Zeitplanung kann beides, Studium und Partizipation, unter den Hut des Regelzeitstudiums gebracht werden.

Dr. Sabine Hoier:

Zunächst einmal muss man sagen, dass sehr viele Studierende ihre Studienorganisation ganz prima hinbekommen. Auch ist es so, dass das Studium in Deutschland mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse ja viel verschulter geworden ist, so dass deutlich weniger Freiraum für eigene Planungen vorhanden ist.

Gleichzeitig sind die Anforderungen zumindest in Teilen deutlich gestiegen. So zum Beispiel dadurch, dass jede Prüfung für die Abschlussnote zählt, was den psychischen Druck enorm erhöht. Auch die Anzahl an Prüfungen ist teilweise sehr hoch und häufig sehr geballt am Ende des Semesters.

Diese Umstellung hat auch die Schwierigkeiten verändert, die Studierende heute haben. Während es früher häufig darum ging, auch außerhalb der Zwischen- und Abschlussprüfungen „in die Gänge zu kommen“, also nach der Schule mit der „Freiheit des Studiums“ klarzukommen und Verantwortung zu übernehmen, geht es heute oft eher darum, mit dem Druck und der Belastung umzugehen.

Insgesamt aber sind die Herausforderungen für die Studierenden natürlich auch heute so individuell wie die Menschen selbst. Auch heute gibt es natürlich Studierende, die vor allem an ihrem „inneren Schweinehund“ arbeiten wollen, denen klare Visionen und Ziele für die eigene berufliche Zukunft fehlen oder die niemals bewusst ihre eigene Arbeitsmethodik optimiert haben.

Und woran kann es noch fehlen?

Dr. Dirk Palm:

Viele stellen keinen Studienplan auf, den sie regelmäßig überprüfen und anpassen. Manchen, die einen solchen Studienplan haben, fehlt die Disziplin, sich regelmäßig mit diesem Plan zu beschäftigen.

Welche sind Ihrer Meinung nach die größten „Zeitfresser“, mit denen Studenten zu kämpfen haben?

Prof. Dr. Otto Hansmann:

  • Mentale Zeitfresser wie Konzentrationsmangel, Zerstreutheit, Langeweile, Lust- oder Leidenschaftslosigkeit, Ziellosigkeit, Unstrukturiertheit, mangelnde Ichstärke, aber auch Egomanie, Selbstüberschätzung, Narzissmus;
  • Unstrukturiertheit der Organisation des Lebens, beispielsweise in studentischen Wohngruppen einerseits und der Studienorganisation in Arbeitsgruppen andererseits, mangels definierter Orte und Zeiten für die notwendige Verständigung und mangels eingehaltener Versprechen bezüglich Pünktlichkeit und Erledigung übernommener Aufgaben;
  • Unklarheit der Aufgaben- oder Themenstellung studentischer Arbeiten. Verliert sich der Student in Sackgassen oder verfranst sich in Einbahnstraßen, frisst die Neujustierung der Arbeitsrichtung wertvolle Zeit, die bei terminierten Studienabschlussarbeiten zu Verlängerungsanträgen und nicht zuletzt zu Kosten zwingen kann.
  • Unübersichtlichkeit der Studienorganisation, fehlende Studienpläne oder sich ständig ändernde Studienbedingungen können Fehlplanungen nach sich ziehen und das Zeitbudget verringern.
  • MultimediaKompetenz kann das Studium abwechslungsreich gestalten, ist aber nicht immer zielführend und nicht in jedem Fall geeignet, die Lerneffizienz zu erhöhen.
    Dass sie zeitaufwendig ist, sowohl bezüglich des Erwerbs dieser Kompetenz als auch hinsichtlich multimedial durchgeführter Präsentationen, liegt auf der Hand. Nur ein überlegter Einsatz kann vermeiden, dass diese Kompetenz als „Zeitfresser“  verbucht werden muss.
  • Unentschiedenheit in der Präferenz alternativer Studienziele und damit verknüpfter Zugzwänge hinsichtlich der Studienorganisation. Ob auf Lehramt oder auf Diplom, Magister, Master und anschließend Promotion hin studiert wird, macht einen Unterschied im Lehrangebot, in der Betreuungsintensität durch die Fachvertreter und in der Akzeptanz unter den Studierenden.
    Entschlossene Unentschiedenheit frisst Zeit und kostet Geld, denn bei Wechsel von Studiengängen lassen sich nicht alle Leistungspunkte anrechnen und manche müssen nacherworben werden.
  • Zu womöglich problematischen „Zeitfressern“ können Planungsdefizite moderner Gesellschaften werden, insofern sie dazu führen, dass Abschlüsse, Qualifikation und Verweildauer im tertiären Bildungssystem von der zyklischen Aufnahmefähigkeit der Hochschulabsolventen im Erwerbsarbeitsmarkt abhängen.
    Derartige gesellschaftliche „Zeitfresser“ schlagen in den Zeitgewinn- und Zeitverlustrechnungen der Lebenszeitbilanzen ihrer Mitglieder, also auch der Studenten, zu Buche.

Dr. Sabine Hoier:

Ablenkungen durch den Anspruch, permanent erreichbar sein zu müssen (Mails, News­ticker und Chat-Programme beim Arbeiten, Handy etc.) spielen heute eine sehr große Rolle.

Viele Studierende sind nach der Zeitinventur, die sie in meinen Kursen durchführen, geradezu entsetzt, wie viel Zeit dafür draufgeht und wie wenig Zeit sie konzentriert an einer Sache geblieben sind.

Auch bei der Arbeitsmethodik gibt es häufig noch viel Entwicklungspotenzial, insbesondere was das persönliche Informationsmanagement angeht.

Und schließlich fehlt häufig eine wirklich realistische Planung, die dann eben viele Nachfolgeprobleme mit sich bringt.

Dr. Dirk Palm: 

  1. Die Arbeit an Dingen, die leicht sind oder besonders viel Spaß machen, aber gleichzeitig den Studenten seinem eigentlichen Ziel nicht näherbringen, nämlich dem erfolgreichen und zügigen Abschluss des Studiums.
  2. Das bloße Reagieren auf von außen gestellte Anforderungen.
  3. Perfektionismus: Mit einer Seminararbeit hat noch niemand den Pulitzer-Preis gewonnen. Springen Sie nicht höher, als von Ihnen verlangt wird!

Welche sind die häufigsten Fehler, die Studenten bei ihrer Zeitplanung begehen?

Prof. Dr. Otto Hansmann:

Viele Studenten sehen die Notwendigkeit nicht, das Studium vom Abschluss, vom Studienziel her zu organisieren und die Planung von Semester zu Semester einschließlich der vorlesungsfreien Zeit entsprechend zeitökonomisch zu gestalten. Dieser Mangel an Einsicht bringt Zeitverluste.

Ein Studium sozusagen ins Blaue kann sich heutzutage kaum noch jemand leisten.

Eine erhebliche Schwierigkeit bei der Zeitplanung besteht darin, dass die objektive und diskret getaktete Zeit mit der als kontinuierlich erlebte bzw. individuell gefühlten Zeit in der Regel nicht übereinstimmt.

Wer sich in eine Problematik vertieft, vergisst oft die Zeit. Der anschließende Blick auf die Uhr zeigt die Überraschung: „Was, zwei Stunden habe ich dafür gebraucht? Ich dachte, das schaffe ich locker in 30 Minuten!“

Nur durch wiederholte Zeitkontrollen wird dieses Defizit im Zeitmanagement ausgebügelt, die Selbsteinschätzung geplanter und das Kalkül tatsächlich verbrauchter Zeit treffsicherer. Das bedarf der Übung. Diese Zeitkosten sind allerdings eine Investition in den Lebenslauf, die sich rechnet.

Bei zunehmender Anzahl der Studierenden, gleichzeitigem Einfrieren des Bestands an Hochschullehrern, semesterbegleitenden Prüfungen und möglichst angemessenen Seminargruppengrößen wird darauf organisatorisch mit Verfahren begrenzter Zulassung zu Lehrveranstaltungen reagiert, beispielsweise mit Listen zum Eintragen am „schwarzen Brett“ oder auch online. Wer das verpasst oder verschläft, wird auf das nächste Semester verwiesen, was Zeit und Geld kostet.

Bei der Bearbeitung von Aufgaben in Prüfungsklausuren innerhalb von definierten Zeitfenstern bleiben viele in der Beantwortung einzelner Fragen hängen oder müssen schließlich sogar passen. So wird  Zeit verschwendet.

Dieser Kardinalfehler ist zu vermeiden, wenn im ersten Schritt das Gesamttableau an Prüfungsaufgaben überflogen und im zweiten Schritt die Reihenfolge der Bearbeitung dem Schwierigkeitsgrad, der Punktzahl und dem Wissensstand nach geordnet und beantwortet wird: zuerst die leichten, zuletzt die schwierigen.

Zeitpläne werden häufig ohne Zeitpuffer festgelegt. Ob man allein arbeitet oder in Gruppen, Zeitpuffer sind wichtig, um infolge von ungeplanten, aber unausweichlichen Widerfahrnissen oder unerwarteten Ereignissen nicht das Ziel aus den Augen und den Anschluss zu verlieren.

Unterschätzt wird oft, dass sowohl Biorhythmen als auch der persönliche Lerntypus die Zeitplanung erheblich beeinflussen können.

Wenn schon die Schule darauf keine Rücksicht nimmt, folgt daraus nicht, dass auch im Studium nicht darauf geachtet werden sollte. Während Biorhythmen im Gleichtakt schwanken, verteilen sich die Lerntypen unter den Studenten: einige sind frühmorgens hellwach, aufnahme- und leistungsfähig, andere sind es spätabends.

Für eine effiziente Organisation des Studiums ist nicht unwichtig, wann die individuelle Leistungskurve im Zenit steht.

Ein Studium bedeutet hohe Investitionen in die Lebenszeit. Die modularisierte und zeitökonomisch straffe Studienorganisation der meisten Studiengänge nötigt dazu, sich von Studienbeginn an umsichtig und zielstrebig zu informieren, Angebote der Studienberatung anzunehmen, Einführungsveranstaltungen zu besuchen, Fachschaften zu kontaktieren und womöglich die Studienfachberatung durch Fachvertreter aufzusuchen.

Unzufriedenheit im Studium, späterer Fächer- oder Studiengangwechsel bringen erhebliche Zeitverluste.

Studentische Selbst- und Mitverwaltung in den Hochschulgremien gewinnt nicht selten eine Eigendynamik, die zunehmend Zeit kostet. Nicht jede Sitzung ist gut vorbereitet, wird professionell geleitet und verläuft zeitökonomisch strukturiert.

Wer gerne und im Überfluss schwadroniert, dabei die Zeitkontrolle verliert, bekommt mit Zeitverlusten im Fachstudium die Kostenrechnung serviert.

Dr. Sabine Hoier:

Die Fehler sind sehr individuell und man findet in den Seminaren häufig verschiedene Gruppen von Studierenden. Dennoch hier mal häufige Nennungen der Studierenden selbst aus den Seminaren der letzten zwei Jahre:

  • zu spät angefangen, Dinge auf den letzten Drücker erledigt, innerer Schweinehund
  • keine Zeitplanung für ein Projekt gemacht, oder gemacht und dann ignoriert
  • Ablenkungen zulassen (Freunde, Internet, etc.)
  • keine Prioritäten gesetzt oder gesetzt und dann ignoriert
  • in Nebensächlichkeiten verzettelt
  • unrealistische Ziele und Planungen, die eigene Persönlichkeit nicht einbezogen
  • sich treiben gelassen bis der äußere Druck mit voller Macht zuschlug
  • ineffiziente Arbeitsmethodik (Prioritäten, Schreibtischorganisation etc.)

Studenten haben häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, da diese beim Studium nicht immer vorgegeben werden. Nach welchen Kriterien sollten Prioritäten gesetzt werden?

Dr. Sabine Hoier:

Letztlich geht es natürlich darum, das eigene Leben so zu gestalten, dass man (auch langfristig) glücklich und zufrieden ist.

Das heißt aber, es bedarf einer Klarheit darüber, was ist mir den eigentlich wirklich wichtig und was will ich eigentlich wirklich. Diese eigene Vision zu entwickeln und dann inhaltlich und zeitlich so lange herunterzubrechen, bis man tatsächlich SMARTE Ziele formulieren kann, ist bestimmt eine Grundvoraussetzung (insbesondere auch um Unangenehmes bewältigen zu können).

Und wenn man soweit ist, gilt natürlich wie immer: Wichtiges und Dringliches zuerst.
Für den Alltag haben sich oft die 4 Fragen des Selbstmanagements bewährt:

  1. Muss das getan werden?
  2. Muss/will ich das tun?
  3. Muss/will ich das jetzt tun?
  4. Muss/will ich das so tun?


Dr. Dirk Palm: 

Die entscheidende Frage ist: Was ist mein Ziel? Alles, was im Studium nicht zu diesem Ziel führt, sollte vermieden werden. Wenn man nicht weiß, ob etwas zielführend ist, muss man eben versuchen, das herauszufinden, oder raten.

Eine weitere Frage in Ihrem Seminar: „Wie sollte ich am besten vorgehen, um mein Studium in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren? Was ist dafür nötig?“

Dr. Dirk Palm: 

  • Eine klare Zieldefinition: Welchen Abschluss will ich wann mit welcher Note erreichen?
  • Klar definierte Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel.
  • Regelmäßige Überprüfung und Anpassung des Studienplanes.
  • Eine positive Lebenseinstellung bewahren: „Toll, dass ich so interessante Sachen lernen kann!“

Welche Zeitmanagement-Tipps haben Sie für Studenten?

Prof. Dr. Otto Hansmann:

  • Prüfen, welche Voraussetzungen bringe ich mit, um meine Studienwünsche unter den gegebenen Studienbedingungen und in angemessener Zeit realisieren zu können. Vorlieben für Schulfächer und „gute“ Lehrer als Vorbilder während der Schulzeit sind nicht durchweg verlässliche Faktoren für die Studienwahl.
  • Überlegen, wie steht es um meine Studienmotivation und was bin ich bereit, zu investieren an Arbeit, Geld und Lebenszeit.
  • Das Studienangebot prüfen, die Studienbedingungen analysieren und den Ruf der Hochschule ermitteln und im Falle der Auswahl abwägen, an welcher Hochschule man sich immatrikuliert.
  • Den Aufbau des Studiums im gewünschten Studiengang darauf hin untersuchen, ob zunächst ein breit gefächertes Grundstudium mit dem Ziel des Erwerbs kritischer Methodenkompetenz ermöglicht wird und erst im Hauptstudium spezifische Ausrichtungen mit klaren Studienzielen zur Wahl gestellt werden.
  • Von Studienbeginn an darauf achten, dass man sich sozial und studienbezogen optimal und flexibel vernetzt.
  • Zwar muss jeder selbst lernen, doch Kommunikation unter Lernenden bringt Sicherheit, Selbstvertrauen, stärkt die soziale Bindungsfähigkeit und das Vertrauen in Andere.
  • Denn Nähe und Distanz, Bindung und Freiheit gelten als antithetische Leitorientierungen durch das Leben, damit auch durch das studentische Leben.
  • Nicht (mehr) darauf setzen, dass ein Hochschulabschluss, auch der bestmögliche, einen auskömmlichen Erwerbsarbeitsplatz bei ein und demselben Arbeitgeber, also auf Lebenszeit, garantiert. Vielmehr ist in Zukunft mit Befristungen und mit wechselnden Arbeitgebern zu rechnen. Für die Organisation des Studiums bedeutet das, allgemeine Bildungskompetenz und hochgradige Spezialisierung zu verknüpfen.
  • Fachstudium und Praktika in unterschiedlichen Institutionen kombinieren. Praxiserfahrungen steigern die Studienmotivation, schärfen die Urteilsfähigkeit durch wechselseitige Beziehung von Allgemeinem und konkret Anwendbarem, importieren Zielsicherheit in die Studienorganisation und bauen studienbegleitend Netzwerke für die berufliche Zukunft auf.
  • Auslandssemester einplanen, denn Auslandserfahrungen und damit zu erwerbende Fremdsprachenkompetenz sind unverzichtbare allgemeine  Bildungsgewinne. Allerdings: Organisatorisch muss das umsichtig und klug durchgeplant werden.

Dr. Sabine Hoier:

Natürlich bekommt jeder Studierende von mir ganz individuelle Tipps. Aber ein paar Aspekte sind sicher häufig passend:

  • Nehmt Euch Zeit für eine Reflexion! Schriftlich, konkret an Beispielen und am besten mit einem Austauschpartner. Über eure Ziele, über eure Planungen, über eure Arbeitsmethodik. Und dann handelt dementsprechend.
  • Seid ehrlich und realistisch bei euren Entwicklungszielen. Es bringt wirklich nichts, sich selbst in die Tasche zu lügen und niemand kennt euch so gut wie ihr selbst. Lasst euch Zeit bei euren Entwicklungszielen. Entwicklung kommt auch dann nicht über Nacht, wenn man es sich intensiv wünscht.
  • Visualisiert euren Erfolg.
  • Kümmert Euch um euer Wohlergehen, seid nett zu euch selbst. Das ist nicht nur euer Recht, sondern auch eure Pflicht, um langfristig leistungsfähig zu bleiben.

Herzlichen Dank für die Antworten!

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