Interview mit der Beraterin Sigrid Hauer: Storytelling im Business – mehr als nur Geschichten erzählen?

Immer mehr Unternehmen nutzen die Methode „Storytelling“ für einen gezielten Informationsaustausch oder als einprägsames Kommunikationsinstrument. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem „Geschichten erzählen“?

Sigrid Hauer, Unternehmensberaterin und Projektmanagerin, verrät im folgenden Interview, welche Stärken Storytelling hat und wie es ein Unternehmen weiterbringen kann.

Zur Person:

sigrid hauer

Dipl.-Betriebsw. (BA) Sigrid Hauer, Geschäftsführerin der EBH GmbH, Coach, Beraterin, Ausbildung zur Geschichtenerzählerin. 

Sigrid Hauer hat sich auf die Themen rund um die Kommunikation von Projekten spezialisiert. Dazu gehört die Weitergabe von Wissen im Projekt genauso wie Kommunikation im Team und der Umgang mit Konflikten.

Als erfahrene Projektleiterin kennt sie zahlreiche Situationen aus der Praxis. Sie ist eine der wenigen Berater, die Storytelling als Kommunikationsmethode einsetzen. Sie verfügt über jahrelange Erfahrung in der Entwicklung und dem Einsatz von Storytelling-Methoden in der Projektkommunikation.

Regelmäßig veröffentlicht sie ihren Podcast zum Thema Storytelling. 


Stroytelling  ist diese Methode wirklich neu oder handelt es sich nicht vielmehr um „alten Wein in neuen Schläuchen“?

Das ist ein bisschen was von beiden. Storytelling im Business greift die bestechend einfache Idee des Geschichtenerzählens auf.

Früher traf man sich dafür am Lagerfeuer, im Unternehmen heute in der Kaffee-Küche, am Kopierer oder beim gemeinsamen Bier nach Feierabend.

Die Geschichten von damals und heute haben eines gemeinsam: In ihnen werden persönliches Wissen und Erfahrungen weitergeben, sie sind so etwas wie ein Wissenspeicher.

Storytellling holt diese Erzählkultur in das „offizielle“ Unternehmen zurück und macht den Erfahrungsschatz einzelner für Führungskräfte und Kollegen zugänglich und damit nutzbar.

Die Stichwörter sind also „Wissensmanagement“ und „Wissensaktivierung“?

Das ist richtig. Für die Erfassung von Fachwissen wurden in den letzten Jahren hochkomplexe Dokumentationssysteme entwickelt. Die Erfahrung zeigt aber, dass hier nur die so genannten „harten Fakten“ gespeichert werden, schwer fassbares wie das individuelle Wissen der Mitarbeiter bleibt außen vor, ebenso Werte oder Normen, die das Denken und Handeln der Mitarbeiter bestimmen.

Geschichten können hochkomplexe Sachverhalten prägnanter darstellen als analytische Datensammlungen.

Gut erzählte Geschichten helfen Menschen, Zusammenhänge zu erkennen und erreichen sie auch auf emotionaler Ebene.

Und das geht tiefer. Die meisten von uns neigen nun einmal dazu, sich eher für Geschichten aus dem Umfeld zu interessieren, als für trockenes Fachwissen und Nachschlagewerke. In der Praxis ist es sinnvoll, das eine zu tun, aber das andere nicht zu lassen, denn beide Systeme haben ihre Stärken und Schwächen und ergänzen sich sehr gut.

Wenn es darum geht, Wissen zu aktivieren, wann sollte man Storytelling einem strukturierten Interview vorziehen?

Wenn es darum geht, “verborgenes Wissen“ sichtbar zu machen.

Die Mitarbeiter, ihr Wissen und ihre Erfahrungen sind mit das wichtigste Kapital bzw. Ressource jedes Unternehmens. Und sie wissen oft mehr, als ihre Arbeitgeber auch nur ahnen – und oft auch sie selber.

Storytelling nutzt den Umstand, dass Menschen gerne erzählen und auch gerne zuhören, wenn die Geschichte spannend ist und für wert befunden wird, weitererzählt zu werden.

Geschichten sind der intuitive Weg, Informationen weiterzugeben. Ein festes Frageschema engt oft auch das Denken des Gefragten ein. „Es hat mich ja keiner gefragt“, sagen Mitarbeiter oft, wenn man gefragt wird, warum ein Sachverhalt nicht schon früher erzählt wurde. Diesem Phänomen wirkt Storytelling entgegen.

Haben Sie ein Beispiel aus der Praxis?

Ein mittelständischer Unternehmer will, dass seine Mitarbeiter eingehende Aufträge zügiger bearbeiten. Bei Analyse der einzelnen Arbeitsschritte hat sich gezeigt, dass jeder Arbeitsschritt sinnvoll und in sich stimmig ist. Aber am  Zusammenspiel zwischen den Abteilungen knirscht es heftig. Jeder sieht die Schuld bei den anderen, jeder beschwert sich über jeden.

In einer solchen Situation zeigen sich die Stärken von Storytelling in der Analyse und der Aufarbeitung der Situation. Denn die einzelnen Mitarbeiter wissen eigentlich genau, wo die Schwachstellen liegen.

Storytelling lässt erzählen statt Interviews zu führen, es gibt kein starres Abfragekorsett.

Damit treten manchmal überraschende Erkenntnisse zutage: Informationen, nach denen keiner gefragt hätte, die aber den Weg für die Optimierung der Abläufe weisen.

Erforderlich dazu ist nur ein aufmerksamer Zuhörer, der zum Erzählen animiert, wertfrei zuhört und das daraus gewonnen Wissen strukturiert und in den Veränderungsprozess einbringt.

Wie können Unternehmen Storytelling einsetzen?

Da gibt es unzählige Möglichkeiten. Sie reichen von Teambesprechungen über Kundengespräche bis hin zu Vorträgen.

Viele von uns stöhnen doch schon, wenn die erste Powerpoint-Folie an die Wand geworfen wird.  Wie wäre es, wenigsten einen Teil davon in eine spannende Geschichte zu verpacken?

Ich weiß von einem Geschäftsführer, der erzählte am Anfang einer Konferenz, mit der eine Umstrukturierung eingeleitet werden sollte, eine Geschichte, fast ein Märchen. Aber nicht irgendeines. Es war speziell für das Unternehmen entwickelt und spiegelte dessen Situation wieder und sollte den unternehmerischen Wandeln ankurbeln – und es hat funktioniert.

Das Umstrukturierungsprojekt wurde von den Mitarbeitern getragen, weil alle das Ziel dieses Projektes anhand der Geschichte verstanden hatten.

Was muss man beim Einsatz von Storytelling im Business beachten?

Der Einsatz-Zweck ist das Wichtigste. Seien Sie sich darüber klar, was Sie mit Storytelling erreichen wollen: analysieren, überzeugen, erklären oder motivieren. Alles auf einmal geht nicht.

Stories im Business sind meistens kurz. Und wenn Sie eine Geschichte vorbereiten, die Sie im Business einsetzen wollen, ist die wichtigste Arbeit, die Geschichten zu kürzen, Details zu streichen und vor allem die Botschaft klar herauszuarbeiten.

Eine meiner Lieblingsgeschichten zum Thema Kommunikation und Zusammenarbeit hat genau diese Arbeit hinter sich und hat sich im Laufe der Zeit, je öfter ich sie erzähle, auch immer weiter verwandelt. Sie ist kürzer geworden. Sie verändert ihren Schauplatz, mal ist es ein Dorf, mal ist es ein Unternehmen. Doch jedesmal, bevor ich sie erzähle, sind es genau vier Schritte, die die Geschichte zur Vorbereitung durchläuft.

Diese vier erforderlichen Schritte zu einer wirkungsvollen Geschichte für eine Präsentation sind:

  1. Zielbestimmung
    Werden Sie sich über folgende Fragen klar:
    Was wollen Sie mit der Geschichte aussagen?
    Wen wollen Sie erreichen?
    Was wollen Sie beim Zuhörer bewirken?
  2. Geschichten-Typ
    Welcher Typ von Geschichte ist passend für Ihr Ziel?
    Habe ich dazu eigene Erfahrungen?
    Märchen / Fabeln oder Legenden?
    Historische Begebenheiten?
    Erfahrungen historischer oder berühmter Personen?
  3. Helden festlegen
    Ohne Held funktioniert keine Geschichte. Auch im Business brauchen Sie einen Helden.
    Wie sieht der Held der Geschichte aus?
    Welche Eigenschaften muss er haben?
    Was sind seine Talente und Aufgaben?
  4. Die Protagonisten bestimmen
    Welche Figuren sind noch notwendig, um die Geschichte voranzutreiben?
    Im Business-Kontext kommt es oft darauf an, dass die Geschichten kurz und prägnant eine Botschaft verdeutlichen. Daher ist es meistens sinnvoll, höchstens einen weiteren Protagonisten in die Geschichte einzubinden.

Zu guter letzt, nun die Grundfassung der vorher erwähnten Geschichte:

Die Steinsuppe

Ein sehr hungriger Wanderarbeiter kommt nach Ende der Erntezeit in ein kleines Dorf in den Bergen.

Da er nichts zu essen hat, bittet er die Leute, ihm etwas zu geben. Aber niemand ist bereit, ihm zu helfen. Sie alle haben selbst nicht genug für sich und ihre Familien.

Da geht der Wanderarbeiter auf den Marktplatz und entfacht ein Feuer. Von einem der Dorfbewohner leiht er sich einen großen Topf, füllt ihn mit Wasser und setzt ihn auf das Feuer. Unter den misstrauischen und neugierigen Augen der Dorfbewohner klaubt er einen Stein aus der Tasche, riecht entzückt daran.

Dann wirft er ihn zum Erstaunen aller in das kochende Wasser. Er rührt in dem Topf und ab und zu probiert er einen Löffel. Den verwunderten Dorfbewohnern erklärt er: “Ich koche eine köstliche Steinsuppe. Aber leider fehlt noch ein klein wenig Salz.”

Einer der Dorfbewohner bringt ihm ein bisschen Salz. Dann schmeckt der Arbeiter erneut seine Suppe ab und sagt: “Mmmh, das ist schon nicht schlecht. Wenn ich nur noch ein klitzekleines Stück Karotte hätte, dann wäre die Suppe wohl perfekt.” Und ein anderer Dorfbewohner bringt ihm ein Stück Karotte.

Auf dieselbe Weise bittet der Wanderarbeiter auch um Petersilie und ein Stück Speck und um allerhand Zutaten für eine köstliche Suppe. So trägt nach und nach jeder etwas bei. Und am Ende können alle eine leckere Suppe miteinander teilen.

Vielen Dank, Frau Hauer!

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