Reinhard Dobat: Work-Life-Balance – Traum oder Albtraum?

Ein Gastbeitrag von Reinhard Dobat: 

Die Forderung nach dauerhafter Ausgewogenheit und Gelassenheit kann zum zusätzlichen Stressfaktor werden. 

Wer sich im Beruf engagiert und Freude daran hat, Verantwortung zu übernehmen, wird gefordert: mehr Aufgaben, größere Entscheidungsmöglichkeiten, längere Arbeitszeiten, Lösungsverantwortung für die wirklich schwierigen Probleme, die schlaflose Nächte bereiten.

Der Einsatz wird oft belohnt. Es gibt tolle Erfolge, Anerkennung, wachsendes Selbstvertrauen, vollere Lohntüte, Mitarbeit in spannenden Aufgaben und Projekten.

Für die Beteiligten ist es oft wie eine alle Kräfte (heraus-)fordernde Bergtour.

Es wäre absurd, mitten in einem schwierigen Aufstieg über Work-Life-Balance und ein ausgewogenes, ausgeglichenes Leben nachzudenken!

Das endet in der Regel in einer Gletscherspalte. Denn jetzt sind volle Konzentration und voller Einsatz gefordert.

Zusätzliche Schuldgefühle

Viele Verantwortungsträger machen jedoch genau dies: Sie sabotieren sich selbst (z. B. mitten in der heißen Phase eines wichtigen Projekts), indem sie darüber grübeln, dass ihr Leben irgendwie aus den Fugen geraten ist, dass sie ihre Kinder viel zu wenig sehen, dass die Freunde im Tennisclub schon gar nicht mehr nach einem Match fragen, dass der geplante Familienurlaub schon wieder verschoben werden muss.

Zusätzlich zu den Herausforderungen des Projektes wachsen damit Schuldgefühle und Angst vor dem Versagen als Vater/Mutter/Partner/FreundIn. Die (selbstgestellte oder von der Familie gestellte) Anforderung nach einem ausbalancierten Leben ist zu diesem Zeitpunkt dann der sichere Weg in noch mehr Stress und Überforderung: Hinter dem Bürostuhl lauert der Burnout.

Muss der Traum vom einigermaßen ausbalancierten Leben, der sogenannten „Work-Life-Balance“ so zum Albtraum werden? Nein!

Ein andauernd ausgeglichenes Leben – nur für Mönche oder Minimalisten?

Der Wunsch nach einem anhaltend ausgewogenen, gelassenen Leben ist eine beliebte Anregung in vielen Beratungsbüchern. Es hat jedoch einen Preis.

Realistischerweise lässt  sich diese Idee der Life-Balance nur durch einen Ausstieg („Mönch“) oder durch den bewussten Verzicht auf verantwortungsvollen, engagierten Einsatz im Beruf („Minimalist“) verwirklichen.

Der Versuch, alle Lebensbereiche gleichermaßen in einer Balance zu halten, gleicht dem Versuch, zehn Bälle gleichzeitig unter Wasser zu halten.

Kaum hat man neun hinuntergedrückt, flippt beim Versuch mit dem zehnten wieder einer hoch. Es kann funktionieren, wenn man die Anzahl der Bälle reduziert (Mönch-Lösung: Das Leben wird stark reduziert) oder die Bälle kleiner macht (Minimalisten-Lösung: Im Beruf werden „kleine Brötchen gebacken“, um sich dem „eigentlichen Leben“ zu widmen).

Was ist aber mit denen, die diese beiden Alternativen nicht wählen wollen oder können?

Ist für sie die Suche nach einer Balance zwischen Beruf und Leben nur ein Traum – verbunden mit dem sporadisch wiederkehrenden Vorsatz (!) , „demnächst etwas kürzer zu treten“?

Es gibt Alternativen!

Simon steht vor einem Wendepunkt

Endlich geschafft! Simon ist als stellvertretender Leiter in das Projektteam für die Entwicklung der neuen Qualitätsoffensive berufen worden. Sein Traumjob. Es bedeutet, 12 Monate lang mehrmals in der Woche nach Hamburg zu reisen und lange Bürotage und Arbeit mit ins Wochenende zu nehmen. Als der bisherige Projektleiter kündigt, bekommt Simon dessen Stelle mit noch intensiverer Arbeit. Aber Simon freut sich natürlich über die Beförderung, endlich kann er das Projekt so gestalten, wie es aus seiner Sicht richtig ist und das Geld ist auch nicht zu verachten.

Im Vorfeld der Entscheidung für diese Aufgabe hat Simon mit seiner Partnerin ausgehandelt, dass er alle Zeit und Energie in das Projekt investiert, damit es erfolgreich wird – aber nur für 12 Monate! Danach steckt er deutlich zurück, nimmt möglicherweise eine Auszeit oder Familienzeit.

Nachdem das Projekt nach 10 Monaten gut vorangekommen ist, wird Simon eines Morgens zum Termin mit dem Vorstand Qualität gebeten. Dieser eröffnet ihm eine fantastische Chance: Er soll die Implementierung des von seinem Team entwickelten Qualitätssystems weltweit leiten. Auf das Gesicht des Vorstands huscht ein ungläubiges Staunen, als Simon sehr zurückhaltend reagiert und Bedenkzeit erbittet. Wie kann man da nur zögern?

Simon steht vor einem Wendepunkt.

Das Konzept von „Un:Balance und Umsteuern“

Statt vergeblich nach einer beständigen Ausgeglichenheit und Balance zu suchen, gilt es, die einfache Beobachtung zu respektieren :

Es gibt immer Zeiten, in denen Aktivität, Hektik, Anspannung und Stress dominieren.

Balance bedeutet dann, dass es nach einer Zeit des vollen Einsatzes auch Cool-Down-Phasen gibt, in denen weniger Aktivität, weniger Hektik, weniger Anspannung, weniger Stress möglich sind.

Ausgeglichenheit und Gelassenheit erfordert dann, dass Top-Einsatz-Phasen sich in angemessener Weise mit Cool-Down-Phasen abwechseln.

Als Faustregel gilt dabei: Dauer der Un:Balance = Dauer der Cool-Down-Phase!

Entscheidend ist es, zum richtigen Zeitpunkt bewusst umzusteuern.

Un:Balance wird zum Problem, wenn sie über einen zu langen Zeitraum beibehalten wird.

Das „Umsteuern“ wird dann immer schwieriger. Irgendwann ist die Un:Balance zum Teil des Lebensstils geworden. Der Wendepunkt ist verpasst:

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Simon steuert schweren Herzens um!

Als Simon mit seiner Partnerin über das neue Angebot spricht, wird deutlich, dass die neue Aufgabe weiter mindestens zwei Jahre vollen Einsatz erfordert, mit noch mehr Reisen und noch mehr zeitlichem Einsatz. Schweren Herzens sagt er ab. Besonders wurmt es ihn, dass die Stelle an seinen bisherigen Stellvertreter geht, der ihm immer das Leben schwer gemacht hat und den er für absolut unfähig hält.

Nach Abschluss des Projektberichts geht Simon in seine alte Abteilung zurück mit „normalen“ Arbeitstagen. Und er macht einen langen Urlaub mit der Familie. In der Personalentwicklung gilt er seitdem inoffiziell als „Weichei“. 

Von der „Generation Y“ lernen?

Viele aus Simons Bekanntenkreis finden sein Verhalten unverständlich. Wie kann man nur so unverantwortlich sein?! Wie kann man sich eine solche Chance entgehen lassen? Damit verbaut man sich doch alles! Das muss nicht so sein.

Die „Generation Y“, über die viel geredet und geschrieben wird, versucht einen anderen Weg. Es ist  die Generation derer, die zwischen 1980 und 2000 geboren sind. Je nach Standpunkt ist es die Generation „Weichei“, die keinen Herausforderungen gewachsen ist und nur an sich selbst denkt oder die Generation „Why“ („Warum“), die nichts als gegeben hinnimmt, sondern daran glaubt, dass Selbstbestimmung möglich ist und die Sorge für sich selbst mit geschäftlichem Erfolg vereinbar sein muss. Dabei sind sie ziemlich kompromisslos und selbstbewusst.

„Von den Unternehmen erwartet die Generation Y, dass sie umdenken und sich auf ihre Ansprüche einstellen. Selbstbestimmt und flexibel wollen sie arbeiten, das fand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC heraus. Autoritäten zweifeln sie erst einmal an, es sei denn, der Chef beeindruckt sie. Kollegialität und persönliche Entwicklung rangieren bei ihnen ganz oben, und erst am Schluss von insgesamt 19 Kategorien stehen bei ihnen – laut einer Studie des Berliner Instituts trendence – Status und Prestige.

Y wird im Englischen ausgesprochen wie why, das englische Wort für warum. Und tatsächlich hinterfragen sie  so ziemlich alles: Muss das Unternehmen der Umwelt schaden? Ist das, was der Chef sagt, immer richtig und gut für alle? Und: Warum sollten Familie und Karriere nicht vereinbar sein? Die Generation Y ist auch die Generation »Warum nicht?«.

Sie hatten immer schon die Wahl. Von Geburt an wurden sie von der Generation X ihrer Eltern gefördert und gefeiert. Die volle Aufmerksamkeit ihrer »Helikopter-Eltern« war ihnen gewiss. Schon als Hosenmatze durften sie mitentscheiden, wohin die Familie in Urlaub fährt oder welches Auto angeschafft wird. Sie sind daran gewöhnt, sich entfalten und verwirklichen zu dürfen. Und all das, was sie in der Kindheit erfahren haben, erwarten die Neuen nun auch vom Arbeitgeber: Aufmerksamkeit, Fürsorge, Mitsprache. Ständiges Feedback. Sie wollen Chefs, die wie Eltern sind und auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Es könnte sein, dass sie ihre Erwartungen auch durchsetzen …“

(aus Zeit.de

Von diesem Mut kann sich jeder etwas abgucken, der das Konzept der „Un:Balance  und des Umsteuerns“ leben will. Denn Mut braucht es, um am Wendepunkt bei seiner Entscheidung zu bleiben, wenn das Umsteuern einsetzen muss – allen Weichei-Ängsten, Zukunftssorgen und dem Unverständnis von Vorgesetzten, Kollegen und Bekannten zum Trotz.

Simon reloaded

Als das Unternehmen in Hamburg ein internes Forschung- und Beratungsinstitut für Qualitätsentwicklung aufbauen will, sitzt Simon nach knapp einem Jahr wieder beim Vorstand Qualität am Besprechungstisch. Dieser bietet Simon unverhoffter Weise die Leitung für den Aufbau an. In mehreren Gesprächen handelt Simon erfolgreich einige  Bedingungen aus: Zeitkonto,  Kindergartenplätze für die beiden Kinder, Hilfe bei der Suche einer Stelle für seine Frau, nach drei Jahren ein Sabbatjahr …

Steckt in Ihnen auch ein kleiner (oder großer) Simon bzw. eine Simone?

Sie haben Spaß an Ihrer Arbeit und möchten sich engagieren, spüren aber, dass Sie an Ihre Belastungsgrenzen stoßen? Dann kann es Zeit sein, sich einige Fragen zu stellen:

1. Haben Sie z. Z. eine Arbeitssituation, die Sie manchmal aufzufressen droht?

  • Überlange Arbeitstage, weil die Aufgaben erledigt werden müssen?
  • Überreaktionen gegenüber Mitarbeitern und/oder Freuden, Familie, Hund?
  • Sie können nicht zur Ruhe kommen? Kurzurlaube bringen keine wirkliche Entspannung?
  • Sie sind zunehmend mehr auf Alkohol oder Tabletten angewiesen?

(Fragen Sie hierzu auch Ihren Arzt und Ihren Partner oder einen guten Freund bzw. eine gute Freundin!)

2. Dauert dieser Zustand schon mehr als 6-8 Monate an?

(Wenn ja, ist ein notwendiger Wendepunkt in Sichtweite gerückt!)

3. Wollen Sie Ihrer  Un:Balance ein klar definiertes Ende setzen?

  • Durch eine verbindliche zeitliche Festlegung: Am _______ beende ich definitiv den gegenwärtig vorhandenen Top-Einsatz.
  • Durch klare Vorstellungen davon, wie das Leben nach dem Wendepunkt in der Cool-Down-Phase aussieht.

(Gehen Sie dazu gegenüber Ihrem Arbeitgeber und Ihrem privaten Umfeld eine verbindliche Verpflichtung ein.)

4. Wollen Sie die Maßnahmen, die im Einzelnen für das Gelingen des Umsteuerns ergriffen werden müssen, verbindlich planen?

(Erstellen Sie einen realistischen Maßnahmenplan!)

5. Welche Hinderungsgründe erwarten Sie, um das „Umsteuern“ zum geplanten Wendepunkt nicht durchzuführen?

  • Private Ereignisse?
  • Eigene innere Hemmnisse/Ängste?
  • Berufliche Entwicklungen, Angebote?
  • Finanzielle Einbußen?

(Immunisieren Sie sich frühzeitig gegen diese scheinbar „guten Gründe“!)


Zur Person:

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In seiner langjährigen Tätigkeit als Berater und Entscheidungscoach hat Reinhard Dobat eine Expertise entwickelt: Schwierige Entscheidungssituationen durch ein Gespräch und/oder durch die Umsetzung einer einfachen Anregung auf einen guten Lösungsweg zu bringen.

In seinem Blog Entscheidungen-treffen.com zeigt er anhand von Beispiel-Personen und -Paaren, konkrete Vorgehensweisen zu typischen Entscheidungssituationen auf, die auch anderen zu einer Entscheidungsfindung helfen können

Wer darüber hinaus einen konkreten Entscheidungs-Rat braucht, kann sich anonym per E-Mail an ihn wenden und erhält ein kostenloses Online-Coaching (in Form einer persönlichen E-Mail) – auch in Fragen des „Umsteuerns“. Denn er selbst hat an einem Wendepunkt umgesteuert und seinen künstlerischen Ambitionen als t.turtle mehr Raum gegeben.

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