Nadja Petranovskaja: Achten Sie auf Ihr seelisches Gleichgewicht?

Ein Gastbeitrag von Nadja Petranovskaja: 

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die ersten Bioläden öffneten? Heute sind Bioprodukte selbstverständlich geworden! Oder an die Diskussion mit dem grünen Punkt und dem gelben Sack? Und heute gehen wir locker damit um! Wie mühsam es am Anfang war, den Müll zu trennen? Mittlerweile sind wir gut in dieser Disziplin.

Unsere Gesellschaft stellt sich auf eine neue Zeit um – auf die Zeit, in der wir bewusster mit unseren Ressourcen umgehen.

Es ist sicher immer noch eine Überforderung, zwischen den verschiedenen Bio-, Öko- und Fair-Trade-Siegeln zu unterscheiden, doch mittlerweile wählen wir viel sorgfältiger die Lebensmittel aus, die es in unseren Magen schaffen, und die Kleidung, die unserer Haut schmeichelt. Und wir kaufen viele Produkte nur noch, wenn sie aus nachhaltig geführten Unternehmen kommen.

Doch was ist mit unserem seelischen Gleichgewicht?

Hier und jetzt, im hektischen und rasend schnell fliegenden 21. Jahrhundert – wie sorgen wir für uns? Wann fangen wir bewusst an, auch über die Nachhaltigkeit unserer Psyche nachzudenken?

Ich finde, wir sollten spätestens heute damit anfangen.

Denn jeden Tag benutzen wir unsere psychischen Ressourcen, genauso wie wir Wasser oder Erdöl (in den verschiedenen Formen) benutzen. Und in der Art, wie wir uns in der Welt bewegen, benutzen wir nicht nur unsere eigenen psychischen Ressourcen – wir greifen auch auf die Ressourcen anderer Menschen zu: wenn wir andere Menschen ärgern, wenn wir von ihnen getröstet oder verstanden werden wollen, wenn wir in einer Beziehung sind.

Zuerst möchte ich die Begriffe klären. Die Definition von Nachhaltigkeit laut Wikipedia:

Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem die Bewahrung der wesentlichen Eigenschaften, der Stabilität und der natürlichen Regenerationsfähigkeit des jeweiligen Systems im Vordergrund steht.

Wenn ich von der Nachhaltigkeit der Seele spreche, meine ich unsere Psyche als die Gesamtheit der Gefühlsregungen und der geistigen Vorgänge.

Als Handlungsprinzip zur Ressourcennutzung können dann all die Dinge verstanden werden, die wir unternehmen, um eben die genannte Regenerationsfähigkeit der Psyche sicherzustellen.

Nachhaltig geht jemand mit seiner Seele um, wenn er seine psychischen Ressourcen (z. B. Achtsamkeit, Gelassenheit, Selbstvertrauen) bewusst einteilt und daran denkt, dass auch sein inneres Leben eine natürliche Regenerationsfähigkeit hat, die gepflegt werden will.

Pflegt man seine Psyche nicht, kommt es zu Krankheiten. Die bekanntesten davon sind Depression und Burnout.

Warum sollten Sie sich mit diesem Thema befassen?

Hier ein paar Fakten, im Januar 2014 in der „Welt“ veröffentlicht.

  • Psychische Krankheiten sind in Deutschland der mit Abstand häufigste Grund für Berufsunfähigkeit.
  • Psychische Krankheiten machen uns deutlich früher berufsunfähig als körperliche Leiden (im Durchschnitt mit 49 Jahren).
  • Psychische Krankheiten werden oft chronisch und können dann noch schwieriger behandelt werden.

Wie Sie vielleicht wissen, entstehen Depressionen und andere psychische Krankheiten nicht über Nacht, sie schleichen sich tröpfchenweise in unser Leben ein, wenn wir nicht auf unsere Seele aufpassen.

Und wenn wir doch so gut gelernt haben, auf unsere Ernährung aufzupassen oder auf die Wahl der Läden beim Klamottenkauf, warum fangen wir nicht auch mit einem nachhaltigen Umgang mit unserer Seele an?

Jeder kann es sofort tun!

Dafür brauchen Sie weder ein Gerät, noch müssen Sie in einen Laden gehen und etwas besorgen. Das Wichtigste ist – wie so oft in solchen Fällen –  dass wir diese Umstellung wollen und dass wir jeden Tag etwas dafür tun.

Hier zeige ich Ihnen ein paar Möglichkeiten, wie Sie einen nachhaltigen Umgang mit Ihrer Seele angehen können:

Montagmorgen, Variante 1:

Wecker auf “kurz vor knapp” stellen, eilig frühstücken (oder sogar ohne Frühstück los) und total abgehetzt im Montagsmeeting erscheinen. Weil dann die Laune schon ziemlich schlecht ist, auch gleich einigen Kollegen ins Wort fallen, Mitarbeit verweigern, gegen den Chef anstinken und sich dann endlich etwas besser fühlen.

Montagmorgen, Variante 2:

Eine Stunde früher als gewöhnlich aufwachen, sich im Bett ein paar Gedanken über Vorsätze oder eigene Ziele machen und die wichtigsten Ereignisse der Woche definieren. Dann Yoga oder Workout, gesundes Frühstück und zum Lieblingslied tanzen, strahlend ins Büro, dort allen eine wunderschöne Woche wünschen und Komplimente machen, im Montagsmeeting richtig produktiv mitarbeiten und andere mit der eigenen guten Laune anstecken.

Welche Variante gefällt Ihnen spontan besser? Erkennen Sie bereits das Prinzip des schonenden Umgangs mit Ihren psychischen Ressourcen?

Hier noch ein Beispiel:

Stress mit einer Person, Variante 1:

Der Person ins Wort fallen und so richtig zeigen, wie laut man brüllen kann. Dann noch ein paar Türen zuknallen, eine Schachtel Zigaretten rauchen, seinen Ärger auf allen Kanälen bekanntmachen. Anschließend stundenlang sinnlos im Internet surfen, spät und schlecht gelaunt nach Hause kommen, sich mit Alkohol vor den Fernseher packen und direkt auf dem Fernsehsofa einschlafen.

Stress mit einer Person, Variante 2:

Die Person ausreden lassen (auch wenn Sie selbst innerlich kochen und Sie eventuell Recht haben – denken Sie nicht an das Rechthaben, sondern an Ihre Ressourcen). Bei der anderen Person um eine Auszeit zum Nachdenken bitten. Die Situation aus dem aktuellen Kontext (jetzt gerade ist etwas schiefgelaufen) in einen größeren Kontext heben und sich fragen, was das Schlimmste ist, was passieren kann.

Persönliche Befindlichkeit identifizieren und eine für alle Seiten gute Lösung finden. An so einem stressvollen Tag für Ausgleich sorgen, zum Beispiel Sport, spazieren gehen, ein Vollbad nehmen und (ohne zusätzliche Reizüberflutung aus dem Fernseher) früh schlafen gehen.

Auch wenn die Bilder der beiden Varianten überzeichnet sind, könnte das eine oder andere Muster Ihnen sicher bekannt vorkommen. So wie in Variante 1 handeln wir sehr oft. Wir meinen, keine Zeit zu haben für uns, für die Muße, für den Ausgleich und das Auftanken von Energie.

Wir meinen, wir könnten es auch ohne Frühstück und ohne Spaziergang schaffen – und so verbrauchen wir unsere psychischen Ressourcen Tag für Tag und werden anfällig für eine breite Palette von psychischen Krankheiten.

Was haben Sie für sich aus diesem Artikel mitgenommen? Wo haben Sie sich entschieden, anders zu handeln? Was behalten Sie bei, weil es heute schon für das Auftanken von psychischen Kräften sorgt? Was erzählen Sie Freunden und Kollegen und wie helfen Sie anderen Menschen, für sich zu sorgen?


Zur Person:

Nadja_Petranovskaja

Nadja Petranovskaja, Dipl.-Psychologin, Autorin und Projektleiterin (u. a. beim Flugzeugbau A350 von Airbus) hat als Ziel, fünf Millionen Menschen glücklich zu machen. Da nicht jeder zu diesem Ziel alleine kommt, verhilft sie den Menschen gern zur Klarheit – schriftlich (in ihrem Blog oder in ihren Büchern), fernmündlich oder persönlich. Für alle, die nicht in Hamburg leben, bietet sie ein Online-Programm an.

Sie ist überzeugt, dass wir uns unser Leben unnötig schwer machen und dass es nur wenige Griffe braucht, bis man seinen Kopfmüll findet und sich Platz für Neues schafft.

Website von Nadja Petranovskaja »


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