Dr. Michael Schaller: Nachhaltige Lebensweise – oder „zurück zu einem gesunden Maß“

Zur Person:

schaller michael

Dr. Michael Schaller ist Unternehmensberater und international engagierter Experte in den Bereichen Nachhaltigkeit, CSR (corporate social responsibility), Menschenrechte und Kommunikation.

Er ist ein gefragter Vortragender und Referent und setzt sich in seinen Podcasts NachhaltigkeitMenschenrechte und mit seinen Medienprojekten für einen nachhaltigen Lebensstil und mehr internationale Gerechtigkeit ein.

Er berät Unternehmen unter anderem im Bereich soziale Nachhaltigkeit, d.h. wie durch die Entwicklung, Anwendung und Überprüfung entsprechender Standards sichergestellt werden kann, dass Produkte ohne Ausbeutung von Kindern und unter der Wahrung der Interessen der ArbeitnehmerInnen hergestellt werden können.Websites von Dr. Michael Schaller:


Nachhaltige Lebensweise – oder „zurück zu einem gesunden Maß“

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Der Begriff wurde zum Wort des Jahres, manche meinen, er wurde zum Unwort des Jahres.

Alles hat nachhaltig zu sein:  Ein Projekt soll nachhaltigen Erfolg bescheren, der Benzinpreis nachhaltig gesenkt werden und vieles mehr.

Mit der inflationären Verwendung besteht die Gefahr, dass irgendwann auch das vergessen wird, was hinter dem Konzept der Nachhaltigkeit steckt – und das wäre schade!

Nachhaltigkeit – kein neuer Begriff!

Wenn man der Entstehung des Begriffes Nachhaltigkeit nachgeht, erkennt man sehr schnell, dass Nachhaltigkeit kein neuer Begriff ist, sondern ganz im Gegenteil schon ein paar hundert Jahre alt.

Um 1700 prägte Hans Carl von Carlowitz den Begriff einer nachhaltigen Forstwirtschaft. Holz war DER Träger der damaligen Entwicklung. Holz wurde im Hausbau, zur Energiegewinnung, im Bergbau und zur Produktion von Schiffen verwendet. Mit einem negativen Nebeneffekt. Riesige Waldflächen wurden gerodet und Holz wurde zur Mangelware.

Carlowitz definierte eine nachhaltige Forstwirtschaft als eine Forstwirtschaft, bei der jährlich nicht mehr Holz aus dem Wald geschlagen werden soll, als in einem Jahr nachwächst.

Etwas jünger ist die Definition, die von der Brundtland-Kommission 1987 in ihrem Bericht „Our common future“ artikuliert wurde:

Eine nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, bei der die heute lebenden Generationen ihre Bedürfnisse decken, ohne zukünftige Generationen darin einzuschränken, ihre eigenen Bedürfnisse decken zu können.

Und bei der UNO Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ 1992 in Rio de Janeiro wurde das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit definiert, bei der ökonomische, ökologische und soziale Kriterien gleichwertig erfüllt sein müssen, damit wir von Nachhaltigkeit sprechen können.

All das zusammen genommen erkennen wir schnell, dass wir von einem nachhaltigen Lebensstil, der von den Zinsen der Erde und nicht von ihrem Kapital lebt, weit entfernt sind.

Wir leben über unsere Verhältnisse – und über die Verhältnisse der Erde!

Ein nachhaltiger Lebensstil sollte somit einer sein, bei dem wir unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen, in der sie zumindest genauso viele Gestaltungsmöglichkeiten vorfinden, wie wir sie gehabt haben.

Seit 1987 wird jährlich der so genannte World Overshoot Day ermittelt. Ab diesem Tag leben wir als Menschheit auf Kosten der Zukunft, vom Kapital unseres Planeten und nicht mehr von den Zinsen.

Es ist erschreckend zu sehen, wie der World Overshoot Day jedes Jahr weiter nach vorne rückt. Lag dieser Tag 1987 noch am 19. Dezember, so ist er 2007 auf den 6. Oktober gefallen (2008 auf den 23. September) und 2010 bereits auf den 21. August. Ähnlich dramatisch zeigt das Konzept des ökologischen Fußabdruckes auf, dass wir über unsere Verhältnisse leben.

LOHAS – erste Ansätze zum Umdenken fangen an zu greifen!

Mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) gibt es immer mehr KonsumentInnen, die sich bewusst darüber informieren, wo ihre Produkte her kommen, wie sie hergestellt wurden und die dann zu den gesünderen und nachhaltigeren Produkten greifen.

Man sagt, dass diese Gruppe der kritischen KonsumentInnen bereits 30 bis 40% der Bevölkerung beträgt – die steigenden Nachfrage nach Fairtrade Produkten, Bioprodukten und nach regionalen Lebensmitteln ist ein Indikator dafür.

Auch wenn dieser Schritt richtig ist, ist er wahrscheinlich noch zu wenig. Ein mehr an „richtigem“ Konsum ist zwar wichtig, ist aber noch zu wenig. Es bedarf wohl einer radikaleren Änderung unseres Lebensstils:

  • Weniger Produkte mit höherer Qualität, die man länger verwenden kann, zum Beispiel, weil damit automatisch der Systemdurchsatz verringert wird.
  • Lebensmittel, Textilien und andere Produkte, die ohne Kinderarbeit hergestellt wurden, bei denen auch die Rechte der ArbeitnehmerInnen in Lateinamerika oder in Asien geachtet werden.
  • Weniger Fleischkonsum, nicht nur deswegen, weil zu viel tierische Lebensmittel schlecht für unsere Gesundheit sind, sondern weil weniger Fleisch global gesehen mehr (nicht fleischliche) Lebensmittel für mehr Menschen bedeutet, die damit nicht hungern müssen.
  • Ein bewusster Umgang mit der eigenen Mobilität. Wohin müssen wir (meist alleine) mit dem eigenen PKW fahren, wo sind Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel die besseren Alternativen?
  • Energieeffizientes Bauen und nachträgliche Wärmedämmung samt Umstieg auf nachwachsende Energieträger. Hier wird Arbeit geschaffen, Umweltbelastung reduziert und es werden langfristig Kosten gespart.

Wir haben noch einen weiten Weg vor uns!

Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir unseren Lebensstil in wenigen Monaten radikal auf Nachhaltigkeit umstellen könnten.

Wir sollten uns aber immer wieder fragen, ob wir die (Konsum-)Entscheidung, die wir heute treffen, auch unseren Kindern und Enkelkindern gegenüber verantworten können.

Wissen darüber, wie es richtig geht, ist genug vorhanden. Wir sollten nicht in die Verlegenheit kommen, unseren Kindern und Enkelkindern als Antwort geben zu müssen, dass das Leben, so wie wir es leben, einfach so bequem war, dass wir nicht an morgen denken brauchten.

Wir sollten heute bereits anfangen, in die richtige Richtung zu gehen und die richtigen Schritte zu setzen!

Kommentare

  • Christopherstewens

    Mit dem Thema beschäftige ich mich seit kurzem intensiver…und ich stelle fest, dass es am Anfang sehr anstrengend ist, Bezugsquellen herauszufinden und in vernünftiger Weise zu nutzen (z.B.Biofleisch in 80km Entfernung NICHT holen etc…) Wir sind eine vierköpfige Familie und geben jeden Monat sehr viel Geld aus – und ich versuche, dies immer nachhaltiger zu tun…In kleinen Metzgereien einzukaufen(und nachzufragen wo das Fleisch herkommt) Obst und Gemüse am regionalen Markt (und schon wieder nachfragen…) Artikel kaufen, die im Zweifelsfall von Fachgeschäften repariert werden können( Schuhe etc…).

    Leider gibt es aber auch oft die Situation, dass man Artikel braucht, die nicht so gut nachprüfbar sind…
    Aber: Nachhaltigkeit ist auch eher ein Prozess, denn eine Aktion und so mach ich momentan das was ich kann, mit dem was ich hab…

    Zauberhafte Grüße sendet

    CHR!STOPHER

    Christopherstewens antworten
  • Monika

    Dieses Thema ist sehr interessant und so vielschichtig. Ich beschäftige mich (leider) erst seit kurzem damit. Wobei der Auslöser der Tierschutz im Hinblick auf Massenzucht und Mast war. Doch da geht es auch noch weiter … es betrifft die Gesundheit … den Genuss wegen der Qualität und dann sind da die gerodeten Regenwälder wegen der Rinderzucht für diverse Hamburgerhersteller.

    Ich würde mich über viele weitere Anregungen und Berichte freuen, die weiter in diese Richtgung sensibilisieren und vor allem durchführbare “Lösungsvorschläge” für den “kleinen Mann” liefern.

    Monika

    Monika antworten

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