Ein Plädoyer für die Langsamkeit (nicht nur) im Urlaub

Möglichst schnell möglichst viel erleben – sieht so ein perfekter Urlaub aus? Im Folgenden ein Plädoyer für die Langsamkeit von Bernita Müller (mehr über die Autorin am Ende des Beitrags):

Der Tag hat nur 24 Stunden. Und es gibt so viel zu tun! Deshalb sind wir es gewohnt, möglichst effizient möglichst viel zu erledigen. Diese Haltung wird von einer Welt gefordert, die sich immer schneller zu drehen scheint und in immer kürzerer Zeit stets noch mehr Leistung verlangt.

Scheint also logisch, dieses Prinzip mit nach Hause zu nehmen und auch den Urlaub so zu optimieren, dass er maximalen Nutzen bringt.

Aber ist das noch Urlaub? Sollte die schönste Zeit des Jahres nicht anders aussehen?

Was ist gut für mich?

Wer im Alltag viel Stress hat, braucht im Urlaub vor allem eins: Erholung.

„Ihre persönliche Leitfrage muss lauten: Was ist gut für mich, für meine Gesundheit und für meine Seele? Das gilt im Übrigen nicht zuletzt für Ihre Erwartungshaltung an den Urlaub. Er muss nicht perfekt sein, es muss auch nicht ein aufregender Höhepunkt den nächsten jagen. Wenn Ihnen danach ist, Ihre freien Tage auf dem Balkon oder im Bett zu verbringen, dann tun Sie das“, so ein Psychologe in der Zeit.

Es geht also um Einfachheit. Um die kleinen Dinge. Aber Hand aufs Herz: Ist das nicht langweilig?

Wharariki Beach, Neuseeland (Foto: Michaela Müller)

Langsamkeit beginnt im Kopf

Wem langweilig ist, fehlt eine Beschäftigung. Wer sich bewusst Zeit nimmt, ist selbst von den gewöhnlichsten Dingen fasziniert – weil er sie mit allen Sinnen wahrnimmt, wirklich in Verbindung tritt mit der Welt und sich selbst besser spürt.

Wer hingegen einem straffen Zeitplan hinterhetzt und in möglichst kurzer Zeit möglichst viel sehen will, schleust sich selbst durch die Stadt oder das Land, das er eigentlich kennenlernen wollte. Weil er überall nur kurz anhält, ist er nie wirklich da. Was bleibt dann vom Urlaub? Mehr als ein paar Erinnerungsfotos?

Auch die Anreise ist Urlaub

Natürlich will jeder möglichst viel von seinem ersehnten Urlaub haben, möglichst viel genießen, möglichst entspannt sein. Aber manchmal scheitert dieser Vorsatz schon bei der Anreise.

Für einen sogenannten Slow Traveller gehört es einfach dazu, beispielsweise länger im Zug zu sitzen oder am Bahnhof auf den verspäteten ICE zu warten. Es ist kein Problem. Auch keine vergeudete Lebenszeit, denn auch am Bahnhof gibt es viel zu sehen.

Wer die Augen wirklich aufmacht, kann auch auf einem Bahnhof oder auf der Autobahn viel entdecken. Die Menschen zum Beispiel, die an ihm vorbeihasten. Die Farben des Himmels. Seinen eigenen Herzschlag. Ist irgendetwas davon selbstverständlich?

Und was wäre, wenn man all diese Dinge wirklich zu schätzen wüsste? Wäre eine zehnstündige Zugfahrt dann noch langweilig?

Manche Slow Traveller nutzen sogar extra langsame Verkehrsmittel, um mit Haut und Haaren zu spüren, welche Distanz sie zurücklegen. So etwa der Slow-Travel-Pionier Dan Kieran, der mit einem elektrischen Milchwagen durch England fuhr.

Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Aber wenn man schon Zeit hat, könnte man sie zum Beispiel nutzen, um zu meditieren, zu philosophieren oder zu fotografieren. Langsam natürlich. Also etwa das zu fotografierende Objekt erst zehn Minuten ansehen – von allen Seiten, aus allen Perspektiven, es mit allen Sinnen begreifen, um es schließlich mit der Kamera festzuhalten.

Öffnen Sie sich dem Land

Slow Traveller nehmen sich Zeit zum Ankommen. Wie lange, hängt vom eigenen Empfinden ab. Aber immer geht es darum, Wurzeln zu schlagen, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen, seine Umgebung zu beobachten und sich für all das Zeit zu nehmen, was es zu entdecken gibt.

Ein Land lernt man schließlich nur kennen, wenn man Zeit hat, sich ihm zu öffnen. Und oft sind es zufällige Situationen, die die Eigenheiten von Land und Leuten zeigen.

Ich werde beispielsweise nie vergessen, dass die Männer den Hut zogen, als ich durch ein kleines Dorf im Himalaya ritt. Ich war recht langsam auf meinem Pferd, aber inmitten der zerzausten Wälder, der endlosen Bergketten und der Weite der Täler brauchte ich nicht mehr zu tun, als einfach da zu sein. Diese Erfahrung kann man nur machen, wenn man sich selbst den Raum dafür gibt.

Dafür ist es allerdings nicht nötig, in abgelegene Gebirgsregionen zu reisen. Auch in einer hektischen Stadt kann man langsam unterwegs sein.

Hooker Valley Track, Neuseeland (Foto: Michaela Müller)

Nehmen Sie sich die Zeit 

Wie viel Zeit würden Sie einplanen, um eine Stadt wie Paris, Berlin oder Rom zu erkunden? Ein Museum zu besuchen? Oder eine Wanderung ins Hinterland zu machen?

Egal, wie viele Stunden oder Tage es sind – planen Sie wenn möglich die doppelte Zeit ein, sollten Sie wirklich langsam reisen möchten. Denn wenn Sie wissen, dass Sie alle Zeit der Welt haben, werden Sie automatisch langsamer unterwegs sein.

Sie werden nicht ewig auf den Stadtplan starren, um den kürzesten Weg von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten auszurechnen. Sie werden nicht im Voraus einen Tisch im Restaurant mit den meisten positiven Bewertungen buchen. Und Sie werden nicht schnell ein Foto eines schönen Wasserfalls machen, um gleich darauf weiterzumarschieren und den nächsten Gipfel zu erobern.

Für die Magie des Augenblicks: Lassen Sie sich treiben

Wer genau weiß, was er in einer bestimmten Stadt sehen und erleben will, wird häufig auch nur das und nichts anderes erfahren.

Haben Sie schon einmal bewusst den Stadtplan oder das Smartphone zur Seite gelegt, um sich einfach durch die Straßen treiben zu lassen? Und Ihre Intuition bestimmen lassen, was als nächstes angesagt ist?

Vielleicht fahren Sie dann quer durch die Stadt, weil Sie gerade jetzt eine Runde im Park spazieren möchten. Oder Sie entdecken beim Bummeln ein herrliches Café in einem versteckten Winkel, das nur die Einheimischen kennen. Wenn Sie dort lang genug sitzen, spricht Sie vielleicht der nette Herr vom Nachbartisch an und lädt sie zu einer Abendveranstaltung ein. Oder Sie entdecken eine Zeitschrift am Tresen, in der ein inspirierender Artikel steht.

Wir planen so gern, weil wir Angst haben, das Wichtigste zu verpassen. Besonders im Urlaub muss jeder Tag sitzen, denn die schönste Zeit des Jahres ist viel zu schnell vorbei.

Eine zu straffe Organisation geht allerdings häufig zu Lasten der Spontaneität, der Magie des Augenblicks, der unglaublichen Zufälle und der intuitiven Wahrnehmung. Und all das braucht man, um Überraschungen zu erleben, ganz in den Moment einzutauchen und sein Urlaubsland besser zu verstehen.

Ohne Erwartungen kann auch nichts schief gehen. Wer langsam reist, sieht vielleicht weniger von seiner Destination, aber das, was er sieht, sieht er mit seinem ganzen Wesen.

Fazit

Lassen Sie es langsam angehen. Werden Sie zu einem Slow Traveller. Denn hinter Slow Travel steht eine Lebensart, die den Fokus nicht auf Nutzenmaximierung, sondern auf eine entspannte Offenheit legt, die nichts erzwingt und auch die kleinen Dinge bewusst wahrnimmt.

Steigende Burnout-Zahlen und ständige Erreichbarkeit scheinen das Interesse an gegenläufigen Trends wie der Slow-Bewegung zu verstärken. Man braucht weder 50 Urlaubstage im Jahr noch ein volles Sparkonto oder bestimmte Kenntnisse oder Fähigkeiten, um sich auf ein langsameres Leben einzulassen. Es einfach zu tun, reicht aus.

Über die Autorin:

Bernita Müller arbeitet seit 30 Jahren in der Touristik, hat Ausbildungen im Bereich Yoga und Meditation gemacht und gründete zusammen mit ihrer Schwester Michaela „Wainando“, einen Online-Reiseveranstalter, der sich auf Slow Travel, Meditation, Ayurveda-, Natur- und Yogareisen spezialisiert hat.

» Zum Reiseportal „Wainando“

» Über die Gründerinnen Bernita & Michaela Müller

 

Kommentare

  • Haarspalter

    Schöner Artikel! Aber wie heißt nun die Autorin, Bernita oder Michaela, so wie unter den Fotos steht? Da soll man sich auskennen.

    Haarspalter antworten

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