Leiden Sie unter dem Impostor-Syndrom? Was Sie dagegen tun können

Ein Gastbeitrag von Nadja Petranovskaja: 

Kennen Sie das? Sie wachen auf, und eigentlich ist die Welt ganz in Ordnung, doch Sie fühlen sich total unsicher. Sie können die Erfolge, die offensichtlich Ihre sind, nicht Ihrem eigenen Tun zuschreiben und denken, das alles war bloß Glück oder Hilfe von außen und es kann jederzeit wieder anders werden.

Anders gesagt:

Sie gönnen sich Ihren Erfolg nicht, und das passiert vielen Menschen – Gerüchten zufolge sogar dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der im Weißen Haus aufwachte und sich fragte: „Was mache ich hier überhaupt?“

Was versteht man nun unter dem Impostor-Syndrom?

Dieses psychologische Phänomen nennt sich Impostor-Syndrom (vom englischen Wort für „Betrüger“), verwandt mit Lampenfieber auf der Bühne und der uns bekannten Prüfungsangst.

Gestern noch waren Sie überzeugt, die Welt verändern zu können, Sie spürten die Energie und waren voller Tatendrang. Dann gelingt Ihnen auch eine ganze Menge – und trotz des offensichtlichen Erfolges sind Sie unfähig, an Ihre eigene Leistung zu glauben.

Vielmehr sind Sie davon überzeugt, Ihre Ergebnisse nicht durch Ihre Fähigkeiten, sondern durch Glück oder Beziehungen erreicht zu haben. Und das passiert unabhängig von der Höhe der Verantwortung.

Wo liegen die Ursachen?

Die Ursache für das Impostor-Syndrom wird – wie so vieles – in der Kindheit gesucht.

Es kommt zu einem geschwächten Selbstvertrauen, wenn man bereits als Kind nur für außerordentlich gute Leistungen gelobt wurde.

Hinzu kommt der Leistungsdruck unserer Gesellschaft. Es muss alles immer besser, schneller und gleichzeitig kostenneutraler gemacht werden. Wir verlieren uns in der Informationsflut und spüren nicht, was an dem Ergebnis wirklich durch uns geschehen ist. Hinzu kommt noch ein klitzekleiner Aspekt, den wir fast alle in uns haben: Wir haben Angst vor Kritik.

Psychologisch erklären, kann man das Phänomen in etwa so:

  1. Sie setzen sich ein zu hohes Ziel.

    Ja, es wird oft gesagt, man soll sich ehrgeizige Ziele setzen, damit Nervenkitzel entsteht und der Wille so richtig wach wird. Ja, es heißt, Kompromisslosigkeit ist gut, damit man sich fokussieren kann und die Motivation gesteigert wird. Doch nicht jeder kann mit ehrgeizigen Zielen umgehen und damit, diese Ziele nicht zu erreichen.

  2. Das Ziel wird nicht erreicht.

    Für manche kein Grund zur Sorge. Aufstehen, Krone richten, weitergehen. Doch wer sein Ziel weit über sein Selbstwertgefühl geplant hat, erlebt oft eine schwere Enttäuschung und bildet einen Glaubenssatz: „Ich kann nicht!“

  3. An einer anderen Stelle bzw. zu einem anderen Zeitpunkt wird dieses Ziel erreicht.

    Weil Sie vorher den Glaubenssatz gebildet haben, dass Sie etwas nicht können, was zum Erfolg notwendig ist, halten Sie sich für einen „Betrüger“ und hoffen, niemand merkt, dass es gar nicht Ihr Verdienst war.

  4. Manchmal kommt es zu einer Abwärtsspirale.

    Sie sind erfolgreich und erreichen ein gutes Ergebnis nach dem anderen, doch egal, was auch immer passiert, sie verbuchen diese Erfolge nicht auf Ihr eigenes Konto, sondern auf Glück und Zufall und schaffen es nicht, Ihren Glaubenssatz umzukehren.

Wie Sie aus dieser Spirale rauskommen?

Wie für alle anderen Themen, die sich schleichend in unser Leben bewegt haben, dauert auch das Verbannen etwas länger als gewollt.

Hier gilt die Strategie der kleinen Schritte oder „Ein Besenstrich nach dem anderen, und irgendwann ist die ganze Straße gefegt“. Oft wird betont, dass man sich für diese Arbeit Unterstützung holen sollte – einen Außenstehenden, dem man sich anvertrauen kann. Es kann ein Freund sein, der reflektieren und spiegeln kann, oder ein professioneller Lebensberater.

Im Folgenden einige Vorschläge für hier und jetzt:

1. Klarheit schaffen

Finden Sie raus, welche Anforderungen an Qualität und Quantität es in Bezug auf Ihre Arbeit gibt. Welche davon haben Sie selbst aufgestellt? Welche stellt die Umwelt an Sie? Gibt es diese Anforderungen schriftlich? (Wenn ja, lesen Sie nochmals, was drin steht.)

2. Erfolge sichtbar machen

Schreiben Sie Ihre bisherigen Erfolge auf. Alle, die Ihnen spontan einfallen, und wenn die Liste Ihnen zu kurz vorkommt, fragen Sie Ihre Eltern und Freunde.

Führen Sie die Liste jeden Tag fort und schreiben Sie mindestens ein Ding auf, das Sie an diesem Tag erfolgreich gemeistert haben. Pünktlich aufgestanden. Gründlich geduscht. Genüsslich gefrühstückt. Freundlich in den Spiegel gelächelt. Den Müll rausgebracht. Das sind schon sechs!

Führen Sie diese Übung fort, bis Sie auch in der Arbeitsumgebung kleinere Erfolge automatisch für sich verbuchen und sich auf diesem Wege auch zu den größeren Erfolgen vorkämpfen können.

3. Kopfmüll aufräumen

Irgendwo und irgendwann ist der Gedanke entstanden, dass Sie *** wären (irgendein böses Wort einsetzen). Vielleicht hat es mal einer gesagt – und seitdem tragen Sie es mit sich.

Werfen Sie solchen Kopfmüll über Bord! Lernen Sie, nur positiv über sich selbst zu denken.

Ihnen ist gerade die Tasse runtergefallen? Dann haben Sie die Möglichkeit, sich den ganzen Tag *** zu schimpfen oder sich selbst und anderen zu zeigen, wie humorvoll Sie sind oder wie gut Sie wissen, wo das Putzzeug im Büro versteckt ist.

Sie sind zu spät in einem Meeting erschienen? Üben Sie, das charmanteste Lächeln aufzusetzen und seien Sie in der verbleibenden Zeit hilfsbereit und konstruktiv.

4. Verbündete finden

Wenn Sie sich nicht sicher sind, was zu tun ist, finden Sie Verbündete. Erzählen Sie Freunden, wie Sie sich manchmal fühlen und holen Sie sich so eine Portion Rückendeckung.

5. Selbstbewusstsein stärken

Um Ihr Selbstbewusstsein zu stärken, hilft oft schon eine einfache Übung. Stellen Sie sich jeden Tag einmal vor einen Spiegel und sagen Sie sich ins Gesicht: „Ich bin toll!“

Das Wichtigste dabei ist, das Tollsein muss nicht begründet werden. Machen Sie diese Übung täglich und vergessen Sie nicht, laut und deutlich auszusprechen, dass Sie toll sind!

6. Erfolgstagebuch

Verarbeiten Sie Ihre Erfolge und Misserfolge regelmäßig. Prüfen Sie – entsprechend den Anforderungen aus Punkt 1 –, wer ein Ereignis als Erfolg definiert hat und ob Sie bei der Bewertung immer noch abwertende Gedanken über sich selbst haben.

Setzen Sie sich ein Ziel, bis wann Sie diesen Prozess beobachten und was Sie am Ende für sich erreichen wollen und teilen Sie dieses Ziel mit Ihren Verbündeten. Dann sind Sie schon auf einem sehr guten Weg, dem Impostor-Syndrom eine lange Nase zu zeigen und die Erfolge Ihres Lebens auf Ihr eigenes Konto zu verbuchen!

Über die Autorin:

Nadja_Petranovskaja

Nadja Petranovskaja, Dipl.-Psychologin, Autorin und Projektleiterin (u. a. beim Flugzeugbau A350 von Airbus) hat als Ziel, fünf Millionen Menschen glücklich zu machen. Da nicht jeder zu diesem Ziel alleine kommt, verhilft sie den Menschen gern zur Klarheit – schriftlich (in ihrem Blog oder in ihren Büchern), fernmündlich oder persönlich. Für alle, die nicht in Hamburg leben, bietet sie ein Online-Programm an.

Sie ist überzeugt, dass wir uns unser Leben unnötig schwer machen und dass es nur wenige Griffe braucht, bis man seinen Kopfmüll findet und sich Platz für Neues schafft.

Website von Nadja Petranovskaja »

 

Kommentare

  • Wolfgang Konczer

    Danke für diesen interessanten Gastbeitrag!

    Liebe Grüße, Wolfgang Konczer

    Wolfgang Konczer antworten
  • Leana

    Ein schöner Artikel!

    Leana antworten
  • Lily

    Vielen Dank! Toller Artikel mit gut formulierten Tipps – habe mich bei der Beschreibung wiedererkannt … es ist wohl tatsächlich wichtig, neben Niederlagen auch mit Erfolg umgehen zu können. Ich dachte, diese Gefühle seien irrational, aber so macht es etwas mehr Sinn. :)

    Lily antworten

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