Interview mit der Gedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger: Warum das Schaf vom Baum fällt

Ich bewundere ja Menschen mit einem ausgezeichneten Gedächtnis. Aber jeder kann sich ein Gedächtnis aneignen, um das ihn andere beneiden. Das sagt jedenfalls Christiane Stenger, und die muss es als mehrfache Gedächtnisweltmeisterin ja wissen.


Zur Person:

Christiane Stenger

Christiane Stenger ist eine der erfolgreichsten Gedächtniskünstlerinnen der Welt. Sie gewann seit 1999 mehrfach die Gedächtnisweltmeisterschaft. Bekannt auch als Autorin des Bestsellers “Warum das Schaf vom Baum fällt” (Amazon), des Kinderbuches “Das Gummibärchen im Spinat” und aus zahlreichen Fernsehauftritten.

Website von Christina Stenger


Frau Stenger, was muss eine Gedächtnisweltmeisterin können, um als solche gekürt zu werden?

Auf den Weltmeisterschaften prägen sich die Teilnehmer in zehn Disziplinen möglichst viele Informationen ein. In den einzelnen Kategorien merkt man sich Ziffern, Wörter, Namen und Gesichter, Spielkarten, Binärzahlen oder z. B. fiktive Geschichtsdaten in einer bestimmten Zeit. Und wenn das gut geklappt hat, vor allem besser als bei den anderen Teilnehmern, dann stehen die Chancen auf diesen Titel sehr gut.

Sie stellen in Ihrem Buch Methoden vor, mit denen sich jeder leicht „Dinge“ merken kann. Aber wenn ich nun solche Methoden anwende, heißt das doch nicht, dass mein Gedächtnis an sich besser wird, oder?

Doch! Denn wenn man sich wirklich mit Lerntechniken beschäftigt, sensibilisiert man sein Gedächtnis auch für Neues und auch das „natürliche“ Erinnerungsvermögen wird sich durch das Training ganz automatisch verbessern.

Was kann ich mir mit Ihren Merksystemen alles merken? Kann ich damit auch so Abstraktes wie mathematische Formeln lernen?

Eigentlich kann man sich mit den Techniken fast alles merken. Ich würde nicht das 1×1 damit auswendig lernen, aber für eine mathematische Formel eignet sich die Technik allemal.

Nehmen wir an, wir treffen uns das erste Mal zu einem geschäftlichen Termin. Ich habe meine Visitenkarte vergessen – ja, mein schlechtes Gedächtnis. Für Sie kein Problem. Ich darf Ihnen meine Kontaktdaten mündlich bekannt geben:
Burkhard Heidenberger, Mondweg 31, Tel. 0699 123 71 012. Wie merken Sie sich meine Daten?

Ich stelle mir vor, wie Sie in einer Burg ihr Haar mit einer harten Bürste kämmen und diese Burg steht im schönen Heidelberg. Über Ihnen scheint der Mond auf einen Weg, auf dem ein Kalender liegt, bei dem der 31., also das Monatsende markiert ist (31).

Sie merken schon, zum Gedächtnistraining gehört sehr viel Phantasie.

Zu Ihrer Telefonnummer würde ich mir dann noch eine weitere kleine Geschichte ausdenken. Auf einem Ei (0) steht ein Würfel (6) der beim Kegeln gleich zweimal alle Neune umwirft (9 9). Aus lauter Freude will er laut 1,2,3 (1 2 3) rufen. Da in dem Moment aber die Sieben Zwerge (7) mit einer Kerze (1) das Ei (0), auf dem er steht, wegstupsen, hört man nur noch 1,2 (1 2).

Man kann natürlich auch jeder einzelnen Ziffer ein Bild zuordnen und sich mit deren Hilfe eine möglichst verrückte Geschichte ausdenken. Für Interessierte gibt es auch ein System, mit dem man die Zahlen von 0-99 auf sehr einfache Weise in Bilder umwandeln kann, das sog. Mastersystem. Das Spiel dazu gibt es auf meiner Homepage.

Und Sie können sich das merken, während wir unser geschäftliches Gespräch fort führen? Oder bitten Sie mich um fünf Minuten, um die Merktechnik anzuwenden?

Eine halbe Minute brauch ich auch. ;)

Sie wandeln also Informationen in Bilder um, die man dann leichter im Gedächtnis behält?

Genau! Denn Bilder und besonders verrückte, witzige und vor allem selbst erfundene Geschichten lassen sich viel leichter und auch noch um einiges länger im Gedächtnis abspeichern, als wenn man sie nur so auswendig lernt.

Das heißt also: Wenn ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis hätte, würde ich mir die Kontaktdaten wahrscheinlich einfach so merken. Da mein Gedächtnis nicht weltmeisterlich ist, kann ich die Daten durch diese Merktechniken in meinem Gedächtnis verankern. Das Ergebnis ist das gleiche, der Weg ein anderer?

Das könnte man so sagen. Letztendlich sind die Techniken nichts anderes als bewusste, etwas längere Eselsbrücken.

Mir muss also immer von vornherein klar sein, was ich mir merken will oder muss, um die Merktechniken anwenden zu können? Im Gegensatz zu Menschen mit einem ausgezeichneten Gedächtnis, die sich das „einfach so“ merken.

Beim Lernen sollte man die Techniken natürlich auf jeden Fall bewusst anwenden. Mit der Zeit wird, wie gesagt, auch die allgemeine Erinnerungsfähigkeit besser.

Ich möchte mir nun auch mit den von Ihnen vorgestellten Methoden ein besseres Gedächtnis „zulegen“, um das mich andere beneiden. Muss ich dafür gewisse Voraussetzungen mitbringen?

Überhaupt nicht. Jeder kann mit Hilfe der Gedächtnistechniken sein Gedächtnis verbessern, und seine Gedächtnisleistung um mehrere 100 % steigern. Das ist ja das Tolle daran und es macht auch noch sehr viel Spaß!

Sie haben mit 10 Jahren mit dem Gedächtnistraining begonnen. Ab welchem Alter kann oder sollte man damit beginnen? Ist es auch für Menschen im hohen Alter geeignet?

Ich habe auch ein Kinderbuch geschrieben, das für ein Alter ab 7 Jahren geeignet ist. Je früher man beginnt, umso einfacher ist es und Kindern macht es auch unheimlich Spaß und es fällt ihnen sehr leicht.

Aber auch im hohen Alter kann man natürlich noch mit dem Gedächtnistraining beginnen. Und es ist vor allem sehr sinnvoll, da das Gehirn immer nach Neuem strebt, um fit zu bleiben.

Bringt mir das Gedächtnistraining auch sonst noch was, außer dass ich mich an mehr erinnern kann?

Ja, auf jeden Fall. Mit Hilfe der Gedächtnistechniken steigert man nicht nur seine Kreativität und Phantasie, sondern auch seine Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit und noch vieles mehr. Das findet man heraus, wenn man es selbst ausprobiert.

Wie lange brauche ich, um mir die in Ihrem Buch beschriebenen Merktechniken anzueignen – ein grober Richtwert?

Erste Erfolge kann man schon nach ein paar Minuten erzielen. Wenn man sich 2 Wochen mit den Merktechniken beschäftigt, hat man schon die wichtigsten Grundtechniken parat.

Gut, nehmen wir an, ich beherrsche die Merktechniken. Die nächste Herausforderung besteht wohl darin, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu merken, oder?

Ja, je nachdem was man mit den Techniken erreichen möchte. Ob man nur eine Rede frei halten will oder sich Telefonnummern, Namen und Gesichter oder Vokabeln merken oder für die Schule oder Uni lernen möchte.

Noch eine abschließende Frage: Warum fällt das Schaf nun tatsächlich vom Baum?

Das Schaf fällt vom Baum, da für mich die Zahl 68 für das Schaf und 93 für den Baum steht und man sich so z. B. leicht einen PIN merken kann … und ich liebe diese Bild!

Herzlichen Dank, Frau Stenger!

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