Cletus Gregor Barié: Frieden im Privatleben – eine Lehrgeschichte

Wohl jeder von uns hegt den Wunsch nach Frieden im Privatleben. Wie lässt sich dieser erreichen? Das habe ich den Friedensexperten Cletus Gregor Barié gefragt. Seine Antwort hat er in einer kreativen Lehrgeschichte gegeben. Aber lesen Sie selbst!

Zur Person:

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Cletus Gregor Barié ist Berater für Friedensentwicklung und freier Journalist. Als Trainer, Facilitator und Gutachter hat er selbst Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit geleitet und mehrfach soziale Dialoge und Annäherungsprozesse begleitet. Er lebt seit vielen Jahren in Lateinamerika, zurzeit in Bogotá, Kolumbien.


Dein Leben ist eine verflixte Aufgabe

Autor C. Gregor Barié will sein Leben umkrempeln und seine Beziehungen konstruktiv umgestalten. Erst unterstützt ihn dabei ein fünfköpfiges Experten-Team, das sich in internationalen bewaffneten Konflikten von Guatemala bis Südafrika bewährt hat. Zwischenzeitlich behilft er sich mit gegoogelter Information – zuletzt chattet er mit einem Kollegen, der dem Familienglück als Experte auf die Sprünge hilft. Eine Lehrgeschichte.

„Gestatten, ich bin John Paul Lederach, Ihr persönlicher Konfliktberater.“ Ein hochgewachsener Herr mit rollendem englischem Akzent lächelt mich durch den Spion an. Ich öffne die Haustür einen Spalt weit und zögere. „Sie haben sich für ein Coaching beworben, ihre gesamte Familie und Freundeskreis soll friedenstechnisch aufgemöbelt werden“, versucht mich der Amerikaner zu begeistern: „And you are the winner!“ Er streckt einladend beide Arme aus: „Hier sind wir, fünf weltbekannte Mediatoren, die Crème de la Crème der Friedensstifter.“ Ich löse etwas überrascht die Sicherheitskette an meiner Eingangstür: „Kommen Sie rein!“ und rufe meiner Frau zu: „Schatzi, wir haben Besuch!“

Zwei Stunden später sitzen fünf Koryphäen der Friedensforschung im Kreis auf dem Boden im Wohnzimmer und kritzeln mit bunten Markern schemenhafte Figuren mit Kreisen und Pfeilen auf das weiße Laminat: Das Akteursmapping, eine visuelle Darstellung der wichtigsten Personen und ihrer Beziehungen, werde ich belehrt. Nebenher bombardieren sie mich mit Fragen:

„Welches sind Ihre wichtigsten Beziehungen?“

„Welche Konflikte gab es?“

„Wie funktioniert die Kommunikation zu Ihrem besten Freund?“

„Wem gegenüber hegen Sie Groll?“

Die Diskussionen ziehen sich die ganze Nacht hin, mein Weinvorrat schrumpft dramatisch. Während meine Liebste und ich erschöpft im Sofa einnicken, schwappen Sprachfetzen in meinen Träume:

Die Stimme von Vicenç Fisas, dem Gründer der spanischen Escuela de Cultura de Paz, tönt: „Aus einer Akteursanalyse sind doch die Hintergründe, die strukturellen Konflikte, gar nicht ersichtlich.“

Marshall Rosenberg, der Erfinder der gewaltfreien Kommunikation, betont: „Wir müssen die Bedürfnisse weiter erkunden, hinter jeder Aggression stehen frustrierte Bedürfnisse!“

William Ury, der Verhandlungstechniker von der Harvard University, pocht darauf, konkrete Konfliktsituationen noch einmal durchzuspielen: „Ohne Verhandlungsstrategie gibt es keine Win-Win Situationen!“

Der Österreicher Friedrich Glasl dekliniert derweil diverse Eskalationsstufen meines Privatlebens durch, angefangen vom Streit mit dem Nachbarn über einen saftigen Krach mit meiner Partnerin bis zum „kalten Krieg“ im Büro.

Ein angeheiterter Mr. Lederach bemüht mehrmals das Bild der Spinne, die in mühsamer Arbeit ihr Netz webt, elastisch aber solide, wie ein Friedensnetzwerk.

Am nächsten Morgen wache ich alleine und ziemlich verkatert auf, umgeben von leeren Flaschen und verstreuten Buntstiften ohne Kappen. Am qualmenden Aschenbecher hängt ein Zettel:

„Dein Leben ist verflixte Aufgabe, wir bleiben am Ball, dein Konflikt-Team.“

Mist, sage ich mir, die großen Weisen haben das Handtuch geschmissen! Mein privater Clinch scheint gravierender zu sein, als ein wüster Bürgerkrieg oder die Aussöhnung mit einer Separatisten-Bewegung.

Was sagt Google?

Bleibt nur Google als Lebenshilfe, ich gebe also „Frieden in der Familie“ ein und bekomme endliche eine aussagekräftige Antwort:

Frieden ist wie Sex – das Bedürfnis danach empfinden viele, wenige sprechen offen darüber. Wir wissen mittlerweile viel darüber, was Glück bedeutet. Die Lehre vom subjektiven Wohlbefinden ist eine wissenschaftliche Disziplin, statistisch gesehen – und dem Münchner Institut für Glücksforschung zufolge – ist ein glücklicher Mensch gelassen, gesellig, umgänglich, verträglich und extravertiert – und er lebt mit diesen Eigenschaften wesentlich länger als unglückliche Menschen. Glück lässt sich allerdings nicht standardisieren, jeder Mensch muss im Alltag persönliche Friedens- und Glücksstrategien entwickeln.

Praktische Anleitungen zum Glücklichsein gibt es noch und nöcher, vom buddhistischen In-Sich-Gehen bis zum positiven Denken und NLP (Neurolinguistischer Programmierung), manche dieser Lebenshilfen sind anregend, andere bedenklich oder einfach nur Schaumschlägerei.

Glück ist außerdem nicht gleich Frieden, während die Suche nach der persönlichen Zufriedenheit eher Ich-Bezogen ist, ist Frieden beziehungsorientiert. „Frieden ist ein Beziehungswort; es beschreibt, wie es um eine Beziehung steht. Zerrüttete Beziehungen bedeuten Unfrieden; harmonische Beziehungen bedeuten Frieden. Wenn zwei zerstrittene Parteien sich versöhnen, entsteht Frieden“, heißt es zum Beispiel auf der Plattform Geistige Nahrung.

Auf Google ist Verlass, sag ich mir. Sogar eine praktische Anleitung finde ich: 

Nehmen wir an, Ihr kleines privates Umfeld ist ein Planetensystem, eine Beziehungskonstellation, in der einige Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und Kollegen zu Ihnen im Bezug stehen. Was würde nun ein Konflikt-Experte zu diesem privaten Mikrokosmos, zu ganz normalen Alltagsbeziehungen sagen? Können wir die Methoden von Dialogprozessen und Friedensförderung einfach auf das Privatleben runterbrechen? Versuchen wir es!

Erster Schritt in einer Konfliktdiagnose ist das Akteursmapping, hier werden die wichtigsten Parteien und deren Beziehung zu einer konkreten Problematik bildlich dargestellt.

Zweiter Schritt ist die Klärung der Motive der wichtigsten Parteien, hierbei ist die Unterscheidung von Bedürfnissen, Interessen und oberflächlichen Statements wichtig – also, nicht nur was die Menschen sagen, sondern warum sie es sagen, was sie bewegt.

Dritter Schritt: Potentiale identifizieren. Wichtige Fragestellungen dafür: Was funktioniert noch in einem Konflikt oder in einer Beziehung? In welcher Situation gab es konstruktive Lösungen?

Vierter Schritt: Visionen und Hindernisse. Wie stellen sich die Konfliktparteien oder Akteure eine ideale Situation vor? Mit welchen Bildern und Gefühlen wäre diese Situation verbunden? Welche Glaubenssätze stehen dieser Vision entgegen? Was behindert sie?

Fünfter Schritt: Welche konkreten Milestones müssen Sie erreichen, um diese Vision umzusetzen? Was sind die nächsten Schritte? Für eine genaue Anleitung und Beratung wenden Sie sich bitte an…Bezahlung mit allen üblichen Karten.

Herrje, ganz schön kompliziert. Wer soll diese Schritte unternehmen? Und wer dann den Coach bezahlen?

Chat mit Christian

Zufällig erscheint mein Kollege Christian Heinrich im Chat, mein Nachbar auf der Plattform Das Abenteuer Leben und Experte zum Thema Familie.

Hi, hast du ein wenig Zeit?

Aber sicher, ich bin jetzt in der italienischen Stadt Como in der Lombardei, unserer neuen Heimat. Ich genieße den Ausblick noch immer, als wäre ich im Urlaub.

Ich frage mich gerade, warum in meinen Leben konstruktive Situationen und Visionen selten ein Thema sind? Ist kritisieren, nörgeln oder klagen einfach schicker und bequemer?

Unsere Eltern und Großeltern hatten durch das Elend die Knappheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre ein klares Ziel vor Augen: Der uns nachfolgenden Generation soll es einmal besser gehen. Mittlerweile ist vieles erreicht, und jetzt? Soll das Kind besser in den frühkindlichen Sprachunterricht oder doch das Sportangebot wahrnehmen, und wenn ja, welches? Man könnte bei all den Möglichkeiten vielleicht genau die entscheidende verpassen. Insofern ist es meist leichter zu wissen, was wir nicht wollen.

Vielleicht brauche ich gar keine positiven Ziele für mich und meine Familie…

Doch, versuch es mal! Sie können eine gemeinsame Identifikation verleihen, eine Richtung vorgeben und die Familie wieder “auf Kurs” bringen.

Das klingt anstrengend…

Ziele und Visionen sind ein Stück weit Arbeit. Zuerst müssen wir uns mit uns selbst beschäftigen. Was ist mir wichtig? Dann: Was ist meiner Partnerin wichtig? Was ist uns beiden wichtig, wo ist unsere Schnittmenge? Wie definieren wir daraus auch noch ein gemeinsames Ziel? Wie bringen wir dann alle unsere Familienmitglieder unter einen Hut?

Wir können ja auch einfach so drauf los leben, ohne Ziel.

Kannst du dir jemand vorstellen, der in der Urlaubszeit sagt: „Auf, Kinder, ab geht’s in den Urlaub“, sich dann ins Auto setzt und losfährt? Wir machen uns meist vorher schlau, wo es hingehen soll. Ein Ferien-Budget wird erstellt und das Navigationsgerät programmiert. Das schließt nicht aus, dass man sich vielleicht hie und da verfährt. Doch letzten Endes kommt man da an, wo man ursprünglich hinwollte.

Wer Ziele und Visionen hat, lebt – wer sie nicht hat, „wird gelebt“, da er für die Ziele und Visionen anderer lebt.

Schön, jetzt habe ich neue Ziele und Visionen. Schade, dass meine Umwelt mich mit schlechten News überhäuft.

Wie sagte Moderator Peter Lustig immer am Ende meiner Lieblingssendung Pusteblume (heute Löwenzahn)? „Abschalten!“ Jugendliche sehen vor ihrem 14. Lebensjahr durchschnittlich 18.000 (!!!) Tote und sterbende Menschen im TV.

Beim Fernsehen und bei Medien gilt für mich klar die Regel: Weniger ist mehr!

Wir haben beispielsweise den Fernseher aus dem Wohnzimmer verbannt. Er steht nun im Keller. Wer schauen möchte, der darf gerne und bewusst die Entscheidung treffen. Eltern sollten sich die Zeit nehmen, ihre Kinder an die neuen Medien, TV, Video, Internet und Social Networking heranzuführen.

Und wie sieht’s mit Kollegen aus, die mich „runterziehen“?

Die kann ich schlecht in den Keller verbannen. Doch ich kann mich aus einem Gespräch, das für mich in eine falsche, negative oder lästernde Richtung dreht, entschuldigen. Wir sind ja alle heute so beschäftigt, da fällt es auch gar nicht auf, wenn ich mich mit den Worten entziehe: Du, entschuldige, ich habe noch etwas Wichtiges zu tun!

Lieber über andere lästern, als Opfer von Treppenhausgeflüster zu sein?

Kann ich nicht empfehlen! Ich versuche Abwesenden gegenüber loyal zu sein, auch wenn es nicht einfach ist. Wenn wir beide uns lästernd über einen Dritten unterhalten, ist das vielleicht ein netter Gossip, ein Schwatz, letztendlich bleibt aber ein schlechter Beigeschmack, ein quälender Zweifel:

Wie redet der andere wohl über mich, wenn ich nicht dabei bin?

Wann hast du zuletzt gemerkt, dass in deiner Familie alle am gleichen Strang ziehen?

Neulich, beim Umzug von der Mietwohnung ins eigene Haus. Meine Frau und ich standen unter Dauerstress.

Entscheidend war, nicht auf das eine „große“ Ereignis zu warten, also beispielsweise der umfassende Einzug in das „perfekte Heim“, sondern sich über die kleinen Dinge zu freuen: Finanzierung gestemmt, Unterschrift beim Notar geleistet, erstes Zimmer gestrichen, Kinderzimmer eingerichtet, etc.

Einbezogen waren hier wirklich alle, auch unser Kleiner hat mit gut drei Jahren sein Kinderzimmer ausgesucht und sich für eine Farbe entschieden. Der sechsjährige Sohn hat die Kacheln fürs Badezimmer ausgesucht – und guten Geschmack bewiesen. Kinder lieben es zu helfen, so auch beim Tisch decken und abräumen. „Fertig“ eingezogen sind wir natürlich nicht, es gibt immer noch Kisten auszupacken. Aber wir vier fühlen uns angekommen und zu Hause!

Sorry, Christian, es läutet, ich muss mich verabschieden, die Konfliktexperten stehen vor der Tür, mal sehen, ob sie an der „verflixten Aufgabe“ weiterkommen.

Okay, bis dann und denk daran, lass dich nicht runterziehen!

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