Wie Sie Ihr Burnoutrisiko beim potenziellen Arbeitgeber vorab checken

 Dieser Gastbeitrag stammt von Tobias Schnellbächer. Mehr über den Autor erfahren Sie in der Autorenbox am Ende dieses Artikels:

Was wäre, wenn es eine Möglichkeit gäbe, mit der Sie bereits im Vorfeld das Burnoutrisiko an der möglichen zukünftigen Arbeitsstelle „abklopfen“ können? 

Kling gut? Wie das gelingen kann, zeige ich in diesem Artikel.

Bevor wir uns aber die Methoden dafür anschauen, sollten zunächst einige Rahmenbedingungen geklärt sein, die aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Burnout hervorgehen.

Die Frage nach den Ursachen für Burnout am Arbeitsplatz muss zuerst beantwortet sein. Darauf aufbauend folgen mögliche Strategien und Taktiken, um vor, während und nach dem Vorstellungsgespräch „Burnout-Frühwarnsignale“ zu erkennen.

Ursachen von Burnout am Arbeitsplatz

Die Universität von Zürich veröffentlichte in dem Fachmagazin „Frontiers in Psychology“ eine Studie zu den Ursachen von Burnout.

Die Studie stellte fest, dass Burnout durch einen Konflikt zwischen unbewussten Bedürfnissen des Menschen, seinen Anforderungen und seinen Chancen am Arbeitsplatz hervorgerufen wird.

Das klingt erst einmal theoretisch und unkonkret. Zur Erläuterung nennt die Studie beispielhaft eine Person, die als Buchhalter arbeitet. Diese Person ist allerdings eine typisch extrovertierte Persönlichkeit, die sich gerne mit Menschen umgibt, auf sie zugeht und vor allem Energien aus einem solchen Zusammensein schöpft.

Nun ist das Tätigkeitsfeld des Buchhalters nicht gerade dafür bekannt, besonders viel mit Menschen zusammenzuarbeiten. Deshalb wird der Buchhalterjob dem Bedürfnis des genannten Charaktertyps wohl nicht gerecht.

Damit es erst gar nicht so weit kommt – auch die Berufswahl ist entscheidend …

Auf die richtige Berufswahl kommt es an …

Sofern es also dieser Buchhalter an seiner Arbeitsstelle nicht schafft, regelmäßig mit Menschen in Kontakt zu treten, ist die Burnoutgefahr vorprogrammiert. Die Studie wählt nicht das beste Beispiel, da in seinem Fall die Arbeitsumgebung nicht sonderlich modifiziert werden kann, um dem vorzubeugen. Denn der „Fehler“ wurde bereits bei der Berufswahl gemacht.

Eventuell wäre für ihn eine Umorientierung oder die Gründung eines eigenen Buchhalterbüros denkbar, in dem er andere Buchhalter einstellt und sich selbst stärker bei der Akquise von neuen Kunden einsetzen kann. Hierbei hätte er zwangsläufig mit mehr Menschen Kontakt.

Die Vermutung liegt daher nahe, dass bereits die Berufswahl Einfluss auf das spätere Burnoutrisiko hat, wenn diese nicht zum jeweiligen Charaktertyp passt.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass man seinen Charaktertyp erst kennen muss (harte Arbeit zur Selbstergründung vorausgesetzt), um die falsche Berufswahl zu vermeiden. Das wäre aber ein Themengebiet, das weit über diesen Artikel hinausgehen würde.

Die Studie empfahl als mögliche Lösung, dass bereits im Vorstellungsgespräch festgestellt werden sollte, ob die Motive des Bewerbers mit den tatsächlichen Anforderungen und Charakteristiken der offenen Arbeitsstelle übereinstimmen.

Potenzielle Arbeitgeber – vorab die Spreu vom Weizen trennen

Nehmen wir bei den folgenden Tipps an, es gäbe mehrere Firmen zur Auswahl und Sie haben bereits die richtige Berufswahl Ihrem Charaktertyp entsprechend getroffen, um die potenzielle Burnoutgefahr durch eine falsche Berufswahl auszuschließen. Mir ist klar, dass sich nicht jeder in der glücklichen Situation befindet, zwischen vielen Firmen auswählen zu können.

Bevor Sie also mit der Analyse der potenziellen Arbeitgeber beginnen, ist außerdem wichtig, dass Sie folgende 3 Punkte vorarbeiten:

  1. Lernen Sie ihre unbewussten Bedürfnisse kennen und schreiben Sie diese auf. Das ist alles andere als einfach. Denn unbewusste Bedürfnisse sind nicht leicht zugänglich und können erst durch diverse Methoden (z. B. über Meditation) an die Oberfläche gespült werden. Das kann lange dauern. Im Zuge der Bewerbungsphase kann aus Zeitgründen auch auf Online-Tests zur Persönlichkeitsergründung (wie der Myer-Briggs-Test) zurückgegriffen werden. Das ist zwar suboptimal, aber besser als gar nichts.
  2. Notieren Sie Ihre persönlichen Anforderungen an den Job (z. B. offenes Büro, Möglichkeit für Home-Office, Gleitzeiten, flache Hierarchien, nicht immer erreichbar sein müssen etc.)
  3. Notieren Sie Ihre Wünsche in Bezug auf Chancen (z. B. Weiterbildungsmöglichkeiten, Aufstiegsperspektiven, berufliche Auslandsaufenthalte etc.)

Wenn Sie diese Vorarbeit erledigt haben, geht es in die erste Analyse-Runde.

Burnoutrisiko-Check, Phase 1: „Spionage“ von der Couch aus

Den ersten Filter können Sie bereits in der Bewerbungsphase einsetzen, und das ganz bequem von zu Hause aus.

Als BewerberIn sollten Sie sich bekanntlich nicht nur bei einer Firma bewerben, sondern gleich bei mehreren, um Ihre Erfolgsaussichten zu erhöhen. Im Idealfall haben Sie hierzu eine Liste angelegt, sodass Sie die Übersicht behalten (wann Sie wie und mit welcher Firma in Kontakt stehen, welcher der nächste Schritt ist, …).

Diese 3 Punkte können Sie im Vorfeld prüfen:

Nehmen Sie zuerst die Webpräsenz der Firma genauer unter die Lupe, um daraus bereits erste Rückschlüsse zu ziehen.

1) Wie lange gibt es die Firma bereits und wie groß ist sie?

Bei einem Startup können Dinge des Öfteren chaotisch laufen und Aufgabenbereiche nicht so klar abgegrenzt sein. Dafür sind diese Unternehmen oft noch sehr flexibel und die Arbeitsumgebung leichter zu verändern. Die Firma kann in 1-2 Jahren aber eventuell nicht mehr existieren.

Etablierte Unternehmen sind oftmals etwas träge und Änderungen der Arbeitsumgebung können in der Regel nur sehr mühsam realisiert werden.

Abhängig von Ihrem Charaktertyp kann das eine oder andere für Sie angemessener sein. Die Frage ist, was Sie davon mitmachen möchten und können.

2) Lässt sich die Erfüllung gewünschter Anforderungen erkennen?

Lässt sich feststellen, ob bestimmte Ihrer Anforderungen erfüllt werden können? Zeigt die Firmenwebseite beispielsweise Bilder eines offenen Büros? Welchen emotionalen Eindruck machen die Bilder von Mitarbeitern? Einen noch besseren Eindruck gewinnen Sie über Videos, da sie so zusätzlich die Körpersprache genauer analysieren können.

3) Gibt es Informationen zu möglichen Chancen?

Mit etwas Glück lassen sich auf der Webseite auch Informationen zu Ihren gewünschten Chancen (z. B. betriebsinterne Karrieremöglichkeiten) in Erfahrung bringen.

Auch ein Anruf kann aufschlussreich sein!

Rufen Sie im Unternehmen an. Bei diesem kurzen Telefongespräch können Sie ganz unverbindlich den konkreten Aufgabenbereich der ausgeschriebenen Stelle in Erfahrung bringen, über welche Wege und an wen die Bewerbung eingereicht werden kann etc.

Nebenbei können Sie evtl. noch Zusatzinformationen in Erfahrung bringen, die aus der Webpräsenz nicht hervorgehen. Hierzu greifen Sie wieder auf die in der Vorbereitung notierten persönlichen Jobanforderungen zurück und verpacken diese in Fragen (z. B. „Gibt es bei Ihnen die Möglichkeit, einmal pro Woche im Home-Office zu arbeiten?“ oder „Wie flexibel sind bei Ihnen die Arbeitszeiten geregelt?“).

Als Ergebnis sollte aus dieser Phase 1 eine leicht bis stark reduzierte Liste an Firmen hervorgehen, die sich für Ihre (Initiativ-)Bewerbung eignen.

Burnoutrisiko-Check, Phase 2: Die Umgebung/das Umfeld vor Ort

Sie wurden zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Super.

Nun gilt es, vor Ort das Umfeld möglichst objektiv wahrzunehmen. Damit meine ich:

  • Wie wirkt die Einrichtung des Gebäudes, wie wirken die Arbeitsplätze auf Sie? Wird natürliches Licht eingesetzt?
  • Macht alles einen offenen oder beengenden Eindruck?
  • Können eventuell über Beschilderungen oder andere Hinweise Rückschlüsse auf Burnout-vorbeugende Maßnahmen wie Sportangebote, Ruheräume etc. ausgemacht werden?

Beobachten Sie auch die Menschen in der Firma:

Burnoutrisiko-Check, Phase 3: Das Vorstellungsgespräch

Grundsätzlich haben Sie dabei zwei Ziele:

  1. einen guten Eindruck zu hinterlassen
  2. weitere Informationen hinsichtlich Burnout-Gefahr vor Ort gewinnen (als verdecktes Ziel)

Da es bei Personalern oder auch Geschäftsführern gut ankommt, wenn Bewerber Fragen stellen und dadurch Interesse zeigen, können Sie durch die zwei genannten Ziele zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Beispielfragen:

  • Wie flexibel sind die Arbeitszeiten? Haben Sie Gleitzeiten oder gibt es die Möglichkeit von Home-Office-Tagen?
  • Was braucht es in Ihrer Firma und/oder für die ausgeschriebene Position, um erfolgreich zu sein?
    Wenn Sie sich in der Vorarbeit als Wunsch Weiterbildungsmöglichkeiten oder Aufstiegschancen notiert haben, finden Sie spätestens bei der Antwort auf diese Frage heraus, ob diese für die ausgeschriebene Position überhaupt vorgesehen sind.
  • Heikle Direktfrage: Gibt/gab es Burnout-Fälle oder Fälle von Krankschreibungen durch stressbedingte Krankheiten?
  • Heikle Direktfrage: Gab es bereits Fälle von Mobbing in der Firma? Die diplomatische Variante: Wie gut gehen die Mitarbeiter untereinander mit sich um?

Stellen Sie die unangenehmen und direkteren Fragen besser am Schluss.

Sie können auch einen Notizblock beim Gespräch verwenden und Antworten Ihres Gegenübers mitschreiben und ggf. Zusatzfragen notieren. Damit vermitteln Sie Interesse und Ihr Gegenüber fühlt sich besonders verstanden und schenkt diesem Akt Ihres Zuhörens weiteres Gewicht.

Versuchen Sie abschließend eine kleine Führung der Räumlichkeiten zu bekommen und achten Sie auch hierbei wieder auf die Umgebung und die Körpersprache der Angestellten.

Falls Sie mehr Eindrücke aufgenommen haben als sie mitschreiben konnten, ist eine Sprachmemo auf Ihrem Smartphone sinnvoll – am besten noch, bevor Sie den Nachhauseweg antreten.

Fazit

Es ist klar, dass Sie bei Ihrem Vorstellungsgespräch-Besuch nur einen kleinen Ausschnitt aus dem beruflichen Alltagsleben beobachten und nur eine Tendenz für eine mögliche Burnoutgefahr feststellen können.

Dennoch werden Sie mit der hier dargelegten Vorgehensweise wertvolle Informationen erhalten, die Ihnen die richtige Entscheidung für oder gegen eine Firma erleichtert, um so einem eventuellen Burnoutrisiko vorzubeugen.

Über den Autor

Tobias Schnellbächer ist Online-Unternehmer & Autor und beschäftigt sich auf seiner Seite smartesbiohacking.ch mit der Frage, wie sich das Bewusstsein „hacken“ lässt, um im Business das maximale Leistungspotenzial zu erreichen, ohne dabei auszubrennen.

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