Interview mit der Autorin Bettina Stackelberg: Ängste im Job und wie man sie überwinden kann!

Angst kann lähmen und ein starker Bremser auf dem Weg Richtung Erfolg sein. Nun gibt es verschiedene Ängste – auch im Berufsalltag.

Wie umgehen mit solchen Ängsten und wie kann man sie überwinden?

Dazu habe ich Bettina Stackelberg – die Autorin des Buches “Angstfrei arbeiten: Selbstbewusst und souverän im Job” (Amazon) – befragt.


Zur Person:

Bettina Stackelberg

Bettina Stackelberg, die Frau fürs Selbstbewusstsein®, Trainerin, Coach und Buchautorin.

Website von Bettina Stackelberg


Frau Stackelberg, Ihr neues Buch trägt den Titel “Angstfrei arbeiten“. Welche sind die im Job am häufigsten auftretenden Ängste? Und woraus resultieren diese Ängste?

Es gibt verschiedenste Ängste im Job. Generell haben alle jedoch mit Verlustangst, Perfektionismus, Überforderung und zu großem Harmoniebedürfnis zu tun.

Während der Wirtschaftskrise verschärfte sich natürlich die Angst vor Jobverlust und Arbeitslosigkeit.

Unabhängig von der aktuellen Wirtschaftslage haben viele Menschen Angst, nicht gut genug zu sein, mit ihrer Leistung nicht den Ansprüchen zu genügen und somit von anderen überholt zu werden oder den Chef zu verärgern. Bin ich (noch) gut genug?

Viele Ängste gehen in Richtung Überforderung, also „Wie soll ich das alles nur schaffen?“ und „Das wird mir alles zuviel!“ und die daraus resultierende Lähmung und Unsicherheit, welche Konsequenzen das nach sich zieht.

Andere Ängste haben mit schwierigen Kollegen, Kunden oder Vorgesetzen zu tun: Gegen den kann ich mich nicht wehren. Der brüllt mich wieder nur an. Wie soll ich mit dem umgehen? Wie schaffe ich es, dass mich der nicht ständig so verunsichert?

Und dann gibt’s natürlich noch die „kleineren“ Ängste wie Angst vor Präsentationen, schwierigen Gesprächen oder Gehaltsgesprächen.

Wohin können diese Ängste führen, welche Folgen für die betroffene Person haben?

Nun, erstmal fühlen wir uns natürlich nicht wohl, wenn wir ängstlich sind oder Angst haben: Wir sind angespannt, erwarten hinter jeder Ecke lauernde Gefahren, ziehen uns zurück.

Wenn wir unsere Ängste nicht ernst nehmen bzw. sie zu verdrängen versuchen, dann werden sie nur noch größer und suchen sich neue Wege und Ventile.

In letzter Konsequenz werden wir krank – körperlich und seelisch. Angst lähmt, wir trauen uns nichts mehr zu, wir ziehen uns zurück (weil wir glauben, uns schützen zu müssen).

Wir geraten immer mehr in eine Ohnmacht und meinen, aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen zu können. Wir isolieren uns, weil wir es uns oft nicht anmerken lassen wollen, dass wir Angst haben.

Sehen Sie auch positive Aspekte in der Angst?

Unbedingt, ja!

Angst war ja zu Zeiten von Herrn und Frau Neandertal ein überlebenswichtiges Frühwarnsystem. Hätten sie damals keine Angst gehabt, wären sie schnell vom Säbelzahntiger verspeist worden.

Auch heute gilt: Wenn ich Angst habe, will sie mir etwas sagen. Sie ist ja nicht einfach so da, sie hat eine Botschaft, eine Warnung, ein „Pass auf, schau hin!“ für mich.

Auch kleinere Ängste, wie z.B. Lampenfieber, können sehr hilfreich sein: Sie steigern meine Konzentration und Aufmerksamkeit, halten mich ab von Flüchtigkeitsfehlern. Es gibt einen schönen Spruch von Paracelsus:

Es gibt keine Gifte – es ist alles eine Frage der Dosierung.

Ein gutes Maß an Lampenfieber stärkt mich und meine Aufmerksamkeit – zuviel davon hemmt mich und setzt mich unter Druck.

Wenn ich den Mut habe, hinzuhören, dann hat die Angst mir Wertvolles zu sagen.

Hier liegt die große Chance, mich weiterzuentwickeln, viel über mich zu lernen und in Zukunft Ängsten aktiver und gelassener begegnen zu können, weil ich meine Ressourcen kenne.

Eine Klientin kommt zu Ihnen und schildert ihre Ängste in der Arbeit: Anstrengende Kollegen, ein cholerischer Chef und ein schwieriger Kunde machen ihr das Leben schwer. Dazu kommt noch die Angst, den Job zu verlieren. Was würden Sie ihr raten?

Wenn die Klientin das 1.Mal bei mir ist, höre ich ihr erstmal nur zu, gebe ihr und ihren Problemen Raum und Wertschätzung.

Dann versuche ich relativ schnell, den Fokus auf sie selbst und nicht auf die anderen zu lenken.

Was kann sie tun, damit sie sich besser fühlt?

Die Kollegen, der Chef oder der schwierige Kunde sind nicht bei mir im Coaching. Und andere Menschen zu ändern ist sowieso meist ein müßiges Unterfangen.

Ich versuche, die Klientin aus der Opferrolle zu bekommen. Dies bewirke ich z.B. dadurch, dass ich sie nach Ausnahmen frage: Wann in letzter Zeit war es nicht ganz so schwer und was hat sie selbst dazu beigetragen? Dadurch findet sie einen Zugang zu ihren eigenen Ressourcen und Selbstheilungskräften.

Dann ermutige ich sie, Gespräche zu führen mit diesen Menschen, die ihr das Leben schwer machen und übe dies konkret mit ihr.

Auf diese Weise bekommt sie mehr Realitätsbezug: Wenn wir vor bestimmten Menschen immerzu Angst haben und nie mit ihnen darüber reden, wird das Ganze oft schnell viel zu groß, viel zu schwarz und fürchterlich.

Wenn wir in angemessener Form darüber reden, bewirkt dies zweierlei:

  • Erstens werden wir aktiv, nehmen unser Leben wieder selbst in die Hand.
  • Zweitens stellt sich oft heraus, dass viel auf Missverständnissen beruht und der Gesprächspartner bereitwillig auf Wünsche eingeht.

Was aber tun, wenn sich an der angstauslösenden Situation nichts ändern lässt?

Das ist ja nicht selten der Fall und die Gefahr ist dann groß, wieder in die Opferrolle zu fallen: „Ich kann nichts tun, ich muss das jetzt aushalten.“ Stimmt nicht!

Wenn ich an der Situation nichts ändern kann, dann kann ich an meiner Haltung der Situation gegenüber etwas ändern.

Wenn mich der Chef ärgert, kann ich mit ihm darüber reden. Wenn mich die Arbeit mit schwierigen Kunden auf Dauer auslaugt, kann ich versuchen, mich in den Innendienst versetzen zu lassen. Wenn der doofe Kollege mir nicht den Gefallen tut, zu kündigen, dann kann ich die Situation ehrlich und genau analysieren und mich fragen: Warum regt gerade der mich so auf?

Und dann überleg ich mir Alternativen: Entweder ich schalte auf Durchzug, oder ich experimentiere mit den verschiedenen Konter-Möglichkeiten, um meinen Handlungsspielraum und meine Verhaltensalternativen zu erweitern.

Ich kann auch mein Augenmerk bewusst auf das Positive an meinem Job lenken: Welche Vorteile bringt mir diese Arbeit?

Dann zahle ich nämlich bereitwilliger den Preis, dass vielleicht hin und wieder der Kunde nervt.

Und wenn man die eigene Haltung gegenüber der angstauslösenden Situation nicht ändern kann?

Wenn im Coaching ein Klient dies zu mir sagen würde, dann lasse ich ihn mal genau hinsehen, ob es ein „Ich kann nicht“ oder ein „Ich will nicht“ ist.

In den seltensten Fällen ist es ein Nicht-können. Eigeninitiative erfordert Mut.

Wenn ich mit dem Chef ein Gespräch führe, kann es schiefgehen. Wenn ich eine Präsentation halte, kann ich hinterher unangenehmes Feedback bekommen. Wenn ich den Mund aufmache, steh ich im Scheinwerferlicht, ja.

Es ist oft schlichtweg bequemer, nichts zu ändern und sich weiter in der Opferrolle einzurichten.

Wenn der Klient wirklich etwas ändern will an seiner Haltung, empfehle ich ihm kleine Minischritte:

Fängt er mit Verhaltensänderungen im Kleinen an, überfordert er sich nicht gleich und erfährt schneller Erfolg. Das ermutigt ihn dann, weiterzumachen.

Und wenn er im Moment wirklich noch nicht den Mut oder die Energie aufbringen kann, etwas zu ändern?

Auch gut. Wenn er sich dafür bewusst entscheidet, ist das auch ein Zeichen für Selbstfürsorge: Ich bin noch nicht so weit, ich leg mir das Thema auf Wiedervorlage.

Dann ist es allerdings ratsam, mit dem Jammern aufzuhören und das sage ich ganz ohne Sarkasmus.

Es gibt nicht „die richtige“ Entscheidung. Entscheidend ist, dass ich mich entscheide.

Und beides geht nicht: Entweder die Situation nervt derart, dass ich etwas ändere. Oder ich hab momentan noch nicht die Kraft oder den Mut, etwas zu ändern. Dann halt ich die Situation aber auch aus und jammere nicht.

Wenn man sich seiner Angst stellen, sie überwinden möchte, wie sollte man am besten vorgehen?

Hier plädiere ich für kleine Schritte.

Ein Ziel à la „Ab nächster Woche hab ich keine Angst mehr!“ setzt sehr unter Druck und hat nicht viel mit Selbstfürsorge zu tun – ist somit oft zum Scheitern verurteilt.

  • Als Erstes gilt: Schauen Sie hin und laufen Sie nicht weg! Stellen Sie  sich der Angst und hören Sie zu, was sie Ihnen zu sagen hat. Sich dies selbst einzugestehen, ist oft schon ein ungemein mutiger erster Schritt: „Ja, ich habe Angst und weiß gerade nicht weiter!“ Damit beginnt die Auseinandersetzung, ich laufe nicht mehr weg, ich flüchte mich nicht mehr in Aktionismus oder lenke mich ab.
  • Nächster Tipp: Holen Sie sich Unterstützung – Sie müssen den Kampf nicht alleine ausfechten. Vertrauen Sie sich mit Ihren Ängsten Ihrer Familie, guten Freunden oder Kollegen an und holen Sie sich Feedback. Sie werden sehen: Anderen ging es auch schon so, fast jeder kennt Ängste. Sie fühlen sich dann nicht mehr so allein und außerdem können Sie profitieren von deren Bewältigungsstrategien.
  • Testen Sie ein verändertes Verhalten in Situationen, die nicht ganz so dramatisch sind, wo nicht ganz so viel passieren kann. Agieren Sie nach dem Trial-and-error-Prinzip: Ausprobieren … schauen, obs klappt…wenn nicht: Analysieren und das nächste Mal etwas Anderes ausprobieren.
  • Und gehen Sie liebevoll und achtsam mit sich selbst um! „Was tut mir gut? Was kann ich mir selbst gutes tun?“ und fragen Sie sich immer wieder: „Was kann ICH tun?“

Wann sollte ein Coach oder ein Therapeut als Hilfe zur Angstüberwindung in Anspruch genommen werden?

Wie gesagt: Der erste große Schritt heisst: Ich stell mich der Angst und schau ihr mutig ins Auge.

Wenn ich durch eigene Gedanken, Analyse und Versuche nicht weiterkomme, dann sollte ich mich meiner nahen Umgebung anvertrauen. Oftmals sind aber z.B. meine Angehörigen zu sehr involviert und selbst verstrickt in meine Situation, dass sie nicht den nötigen Abstand zum Problem haben. Oder es bereitet mir insofern Schwierigkeiten, als ich sie nicht belasten will.

Dann ist es wichtig, zu verstehen: Es ist kein Zeichen von Schwäche oder Versagen, sich Hilfe zu suchen.

Im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Stärke: Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, möchte etwas ändern und suche die geeignete Hilfe dafür.

Meiner Erfahrung nach machen sich die Menschen ihre Situation oft unnötig schwer: Warum ist es so einfach, Steuerberater für die Steuererklärung, die KFZ-Werkstatt fürs kaputte Auto oder den Arzt für meine Schmerzen in Anspruch zu nehmen – nur für mein Seelenleben möchte ich keine fremde Hilfe?

Der Coach kann ein guter Sparringspartner sein, ein Feedback-Geber, ein Alternativen-Aufzeiger, ein Zuhörer, ein Die-richtigen-Fragen-Steller, ein Anstupser, ein Ideen-Geber.

Machen Sie es sich nicht so schwer – dafür sind Coaches da. Oft „reicht“ ein Coach – wenn er gut und verantwortungsvoll ist. Sieht ein guter Coach, wenn stattdessen Therapie angesagt ist, empfiehlt er weiter.

Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen Angst und  Selbstbewusstsein?

Der Irrglaube ist oft: Selbstbewusste Menschen haben keine Angst. Was für ein Quatsch!

Selbstbewusstsein heisst ja nicht: Ich bin der Größte, Tollste, Beste. Selbstbewusstsein bedeutet: Sich seiner selbst bewusst sein. Ich kenn mich aus mit mir, kenne meine Stärken, meine Schwächen… und eben meine Ängste.

Ein selbstbewusster Mensch erkennt seine Ängste an, stellt sich ihnen und möchte sich besser fühlen, beginnt also in kleinen Schritten, etwas zu ändern. Je mehr ich mich mit meinen Ängsten beschäftige und sie bewältige, desto selbst-bewusster werde ich.

Ich erfahre jede Menge über mich selbst, über meine Ressourcen, über meine Möglichkeiten. Ich entwickle Handlungs- und Denkalternativen, probiere Neues aus, entwickle Mut und Tatkraft, sorge besser für mich und meine Bedürfnisse, trete wieder mit anderen enger in Kontakt.

All das kann dabei herauskommen, wenn ich mich selbstbewusst meinen Ängsten stelle.

Herzlichen Dank Frau Stackelberg!

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