Interview mit Auszeit-Coach Christa Langheiter

Zur Person:

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Christa Langheiter, Auszeit-Beraterin und Autorin des Buches Mut zur Auszeit (Amazon)

Website von Christa Langheiter

Herausgeberin des Mut-Tagebuchs und der Mut-Karten – Inspirationen und Übungen für ein Jahr 


Frau Langheiter, Sie haben ja selbst eine längere Auszeit genommen. Was hat Sie dazu bewogen und was hat es Ihnen letztlich gebracht?

Das ist schon lange her, sodass es gar nicht mehr richtig präsent ist. Vor 11 Jahren hat mich ein Burnout zu einer Auszeit gezwungen. In meinem Leben blieb danach kein Stein am anderen. Ich habe vieles zurechtgerückt und meinem inneren Fluss angepasst.

Heute ist mir in meinem persönlichen Leben wichtig, permanent auf eine Balance zu achten und vor allem darauf, dass ich mit meinen Wünschen und Bedürfnissen im Einklang bin. Dass ich nichts mache, allein weil man es so und so machen sollte oder müsste. Niemand im Außen, keine Management-Strömung – und auch kein Auszeitguru! – weiß, was für mich in diesem Moment das Richtige ist.

Das kann mir nur meine innere Stimme sagen. Regelmäßige kleine Auszeiten helfen, diese Stimme hören zu können.

Sie bieten ein sogenanntes Auszeit-Coaching an. Was kann ich mir genau unter einem solchen Coaching vorstellen und welche Menschen nehmen dieses in Anspruch?

Wie ich schon angedeutet habe, bin ich niemand, der dem anderen sagt, wie es geht. Damit wäre Coaching auch falsch verstanden. Sondern ich helfe mit gezielten Fragen und anderen Coachingtools den Menschen herauszufinden, ob eine Auszeit derzeit für sie passend ist, wie sie diese am besten gestalten könnten, wo eventuell Gefahren lauern und vor allem, wozu sie diese Auszeit machen wollen.

Auszeit wozu? Das ist eine der wichtigsten Fragen.

Wer kommt? Diejenigen, die erkannt haben, dass eine Auszeit auch Fallen bietet und die sich daher begleiten lassen. Vom Beruf her können das ganz verschiedene Menschen sein: von der Krankenschwester bis zur Projektleiterin, vom Lehrer bis zum Techniker. Häufig sind sie in der Lebensmitte.

Welche sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Motive für eine freiwillige Auszeit? Und wann sollte man eine Auszeit ins Auge fassen?

Lang gehegte Wünsche umzusetzen, eine längere Reise etwa, ist ein häufiges Motiv für eine längere freiwillige Auszeit. Aber auch andere Projekte, wie ein Buch zu schreiben oder einfach mal mehr Zeit für Hobbys zu haben. So eine Auszeit „sollte“ man gar nicht ins Auge fassen.

Der Wunsch wird kommen, wenn die Sehnsucht, die lang unbeachteten Wünsche zu leben, groß genug geworden ist.

Und die größten Befürchtungen bzw. die häufigsten Gründe, die Menschen dann doch davon abhalten, eine Auszeit zu wagen?

Häufig sind das finanzielle Gründe. Die Angst, mit dem Geld, das in der Auszeit meist weniger ist, nicht auskommen zu können.

Auch die Angst, dass der Arbeitgeber einer Auszeit nicht aufgeschlossen gegenüber steht.

Für die meisten bleibt eine längere Auszeit wohl ein unerfüllter Wunsch, vor allem auch wegen des damit verbundenen finanziellen Aufwands. Ist eine längere Auszeit ein Privileg der „Besserverdiener“?

In gewisser Weise ja. Denn jemand, der schon am finanziellen Limit trotz Arbeit lebt, wird mit noch weniger Geld schlecht auskommen. Auch wird möglicherweise ein Arbeitgeber weniger aufgeschlossen sein, wenn die Supermarktkassiererin eine Auszeit will, als die lang ausgebildete Technikerin, weil erstere leichter ersetzbar ist.

Prinzipiell gilt meiner Meinung nach: Je mehr der Arbeitnehmer geschätzt wird, umso eher wird man ihm eine Auszeit zugestehen, um ihn halten zu können.

Andererseits – und das ist mir sehr wichtig – sind finanzielle Argumente manchmal auch vorgeschoben. Denn es gibt immer etwas, wo man einsparen kann. Ein Jahr ohne Auto – das kommt zum Beispiel als Denkvariante selten vor. Oder weniger in Restaurants essen, oder schlicht selber kochen statt Fertiggerichte einkaufen. Oder auch überlegen, ob eine Reserve, wie ein Bausparvertrag, wirklich bis zur Pension aufgehoben werden muss oder ob sie als finanzieller Zuschuss in der Auszeit nicht die besseren Dienste leistet.

Es gibt viele Möglichkeiten. Einfach alle Ausgaben von A bis Z durchgehen.

Bei mittleren und kleineren Unternehmen wird man kaum auf Verständnis mit dem Wunsch nach einer Auszeit stoßen. Je qualifizierter der Arbeitnehmer, desto schwieriger, zeitaufwendiger und mit Kosten verbunden ist die Nachbesetzung. Wird ein Nachfolger für den „Auszeitler“ gefunden, sieht das Unternehmen wohl kaum einen Grund für eine Wiedereinstellung nach der Rückkehr. Gibt es hier eine für beide Seiten – also Arbeitnehmer und -geber – praktikable Lösung?

Es ist richtig, dass es in kleinen oder mittleren Unternehmen für hochqualifizierte Arbeitnehmer schwierig ist. Man kann eventuell schauen, ob es zyklische Auftrags-/Arbeitsaufwandsschwankungen gibt und diese schwache Zeiten nutzen. Andererseits könnte man auch sagen, wenn jemand sehr hoch qualifiziert ist, findet er vielleicht auch leicht wo anders nach der Auszeit einen Job.

Eine längere Auszeit hat ja auch rigorose Auswirkungen auf das persönliche Umfeld, beispielsweise auf die Familie. Was sollte hier bedacht werden?

Es sollte mit allen Beteiligten ausreichend gesprochen werden!

Damit allen klar ist, es kommt jetzt eine andere Situation auf sie zu. Die Teenagertochter wird sich genauso neu orientieren müssen, wenn der Papa plötzlich dauernd zu Hause ist, wie der Ehemann, wenn die Frau allein verreisen will. Sich genug Zeit nehmen, um alles auszureden, anzusprechen!

Sie haben für Ihr Buch auch Personen befragt, die eine Auszeit in Anspruch genommen haben. Gibt es einen gemeinsamen Nenner, was die positiven Erfahrungen anbelangt?

Zu sich selbst, zum eigenen Rhythmus zurückfinden. Sich selbst wieder mehr wahrnehmen, entdecken. Selbstbestimmter leben können.

Gibt es auch schlechte Erfahrungen, die „Auszeitler“ häufig machen oder mit denen sie konfrontiert werden? Solche, die in der Vorbereitung gerne übersehen werden?

Was gerne übersehen wird, ist, dass man erst lernen muss, mit der vielen zur Verfügung stehenden Zeit umzugehen. Danach sehnen sich zwar die meisten, aber es ist ungewohnt. Ebenso tun sich manche schwer mit der Frage, wer sie nun ohne Arbeit sind.

Eine Identitätsfrage taucht sozusagen auf. Außerdem wird zu wenig Aufmerksamkeit auf den Wiedereinstieg gelegt.

Es ist ganz wichtig, sich ausreichend dafür Zeit zu nehmen und vorzubereiten. Ein großer Fehler wäre etwa, von einer Weltreise zurückzukommen und zwei Tage später im Büro zu sein. Auch vorher mit dem Arbeitgeber diese Frage klären! Z. B.: In welchem Aufgabengebiet werde ich eingesetzt werden?

Die Früchte einer Auszeit erntet man am besten, wenn man sich vor dem Wiedereinstieg bewusst macht, was man in der Auszeit für sich gelernt hat und wie man es in das Arbeitsleben transferieren könnte.

Vielen Dank für das Interview, Frau Langheiter!

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