Dr. Andreas Zeuch: Intuition für Unternehmer

Der Erfolg eines Unternehmens ergibt sich u. a. aus der Summe der richtigen Entscheidungen. Inwieweit darf bei unternehmerischen Entscheidungen die Intuition eine Rolle spielen? Diese Frage habe ich den Autor des Buches „Feel it! So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen“ Dr. Andreas Zeuch gestellt. Im folgenden Gastbeitrag liefert er Antworten.


Zur Person:

andreas zeuch

Dr. Andreas Zeuch, Berater, Trainer, Coach und Autor, Gründungsmitglied der „beratergruppe sinnvoll wirtschaften.In seinem aktuellen Buch „Feel it! So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen“ finden Sie die hier skizzierten Inhalte ausführlich und unterhaltsam dargestellt.

Natürlich mit vielen Fallbeispielen aus der unternehmerischen Praxis. Erhältlich im Buchhandel und bei Amazon.


Bauchfrei ist out

Warum Intuition für Unternehmen immer wichtiger wird

Björn Lunden ist mit seinem Unternehmen, dem Verlag „Björn Lundén Information“, seit 20 Jahren erfolgreich. Seinen Führungsstil nennt er „Speed Intuition Management“: Es gibt keine festzementierten Hierarchien, die Mitarbeiter müssen selbst entscheiden und sind vom Björn Lundén eingeladen, dabei auf ihr Bauchgefühl, ihre Intuition zu achten.

Steve Jobs, schon zu Lebzeiten eine Unternehmerlegende, brachte seine Sicht auf unternehmerische Intuition in seiner bekannten Stanford-Rede 2005 auf den Punkt:

„Lasst nicht den Lärm fremder Meinungen eure eigenen inneren Stimmen ertränken. Und am allerwichtigsten: Habt den Mut, Eurem Herzen und Eurer Intuition zu folgen.“

Was aus Apple geworden ist, wissen vermutlich auch Sie.

Diese beiden kurzen Fallbeispiele machen deutlich, dass der Gebrauch der Intuition keineswegs unprofessionell ist und zwingend zu Misserfolg führt. Vielmehr verhält es sich so, dass bei einem genaueren, durchaus rationalen Blick auf unternehmerisches Entscheiden klar wird, dass es

  1. so etwas wie rein rationales Entscheiden gar nicht gibt und dass
  2. Rationalität ausgesprochen begrenzt ist.

Spätestens wenn in Unternehmen unter der Bedingung unvollständiger Information entschieden werden muss, ist das Ende der Rationalität erreicht. In Zeiten von Globalisierung und einer zunehmend komplexeren und dynamischeren Welt stehen wir vor der großen Herausforderung, die damit steigenden Unsicherheiten durch ein neues Verständnis unternehmerischen Entscheidens aufzufangen.

Wir lügen uns selbst in die Tasche

Bis heute gilt sowohl in der betriebswirtschaftlichen Theorie wie in der Managementpraxis, dass Entscheidungen faktenbasiert rational zu treffen seien. Die Grundsätze der angeblich wissenschaftlichen Betriebsführung sind heute jedoch gerade aus rational-wissenschaftlicher Sicht nicht mehr haltbar. Unser augenblicklicher Wissenstand lässt sich so zusammenfassen:

  1. Menschliche Entscheidungsfindung umfasst immer rationale und intuitiv-emotionale Anteile.
  2. Diese Anteile können nur sprachlich, aber nicht in der Entscheidungspraxis getrennt werden.
  3. Auch eher rationale Entscheidungen basieren auf intuitiv-emotionalen Prozessen der Informationsverarbeitung.
  4. Vollständige Information ist unmöglich. Wir entscheiden immer unter unvollständiger Information.
  5. Intuitive Entscheidungen können rationalen Entscheidungen sogar überlegen sein.

Intuition ist dabei keineswegs irrational, sondern nur ein unbewusstes, nicht kontrolliert steuerbares Entscheidungsverhalten. Es basiert auf drei verschiedenen neurologischen Mechanismen:

  1. unbewusste Wahrnehmung und Informationsverarbeitung
  2. Erfahrungswissen
  3. sogenannte Spiegelneurone

Dabei treten als Bindeglied zwischen dem unbewussten Anteil der Intuition und unserem Bewusstsein die „somatischen Marker“ in Aktion. Emotionen, Körperempfindungen und mentale Prozesse wie innere Bilder oder innere Stimmen verweisen als gutes oder schlechtes Gefühl auf eine bestimmte Entscheidungsoption. Wer seine Emotionen zum Beispiel in Folge eines Tumors oder Unfalls nicht mehr bewusst wahrnehmen kann, ist nicht mehr in der Lage, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Wer unternehmerisches Entscheiden rational betrachtet, kommt zu dem Ergebnis, dass unsere Rationalität reichlich begrenzt ist. In der Folge müssen wir unsere Intuition und Emotionen in die Entscheidungsfindungen integrieren.

Niemand ist eine Insel

Unternehmerische Entscheidungen werden, wenn es sich nicht gerade um computergesteuertes Speed Trading handelt, von Menschen getroffen. Und die sind eingebettet in das Umfeld eines Unternehmens. Damit wird klar, dass erfolgreiche Entscheidungen von drei Bereichen abhängen:

Der individuellen EntscheidungsKompetenz, der unternehmerischen EntscheidungsKultur und dem operativen EntscheidungsDesign, also der Kombination der Entscheidungsmethoden, um mit Rationalität und Intuition nachhaltig erfolgreiche Entscheidungen zu treffen.

Die individuelle EntscheidungsKompetenz lässt sich, wie zum Beispiel die Fähigkeit zur Kommunikation, weiterentwickeln und trainieren, was im Rahmen verschiedener Forschungsarbeiten gezeigt werden konnte (wie zum Beispiel meiner Doktorarbeit zum Training professioneller Intuition). Die EntscheidungsKultur hängt maßgeblich von fünf Prinzipien ab:

  1. Anfängergeist: Die innerliche Haltung, neben langjähriger Expertise auch die Sichtweise von Anfängern, wie Berufs- oder Quereinsteigern, Fachfremden etc. zur Lösung von Aufgaben und Problemen hinzuziehen.
  2. Selbstorganisation: Der Grad an Eigenverantwortlichkeit und Entscheidungsmacht, der jedem Mitarbeiter gegeben ist. Es bedarf echter Ermächtigung, damit nicht nur die Topführungskräfte wichtige Entscheidungen selber treffen können.
  3. Möglichkeitsräume: Höchstleistung dank Leidenschaft und Talent wird durch den Freiraum ermöglicht, das Menschen das tun können, was sie wirklich wollen. Dazu braucht es Möglichkeitsräume, in denen Mitarbeiter ein angemessenes Maß an Zeit und Geld zur Verfügung gestellt wird.
  4. Fehlerfreundlichkeit: Eine Nullfehlerkultur macht in bestimmten technischen Bereichen Sinn. Diese Kultur jedoch auf ein gesamtes Unternehmen auszudehnen, führt paradoxerweise zu mehr Fehlern, als ein offener, lernender Umgang mit Fehlern. Es ist simpel: Errare humanum est.
  5. Vertrauen: Kooperation und Vertrauen ist die Basis jeden wirtschaftlichen Erfolgs. Das Verdrängungswettbewerb grundlegend sei, ist eine Mär. Welche Firma kann ohne die vertrauensvolle Kooperation ihrer Abteilungen, Zulieferer und Endkunden überleben?

Klingt utopisch? Weit gefehlt. Diese Prinzipien sind nicht aus theoretischen Ergüssen zusammengeschrieben, sondern von langjährig erfolgreichen Unternehmen vorgelebt. Ein Beispiel für starke Selbstorganisation und Vertrauen ist der eingangs erwähnte Verlag „Björn Lundén Information“. Möglichkeitsräume haben höchst innovative Marktführer wie W.L. Gore oder Google umgesetzt.

Sie bieten allen Mitarbeitern zwischen 10 und 20 Prozent (!) der Arbeitszeit zur Entwicklung und Umsetzung eigener Projekte jenseits aller bestehenden Aufgaben. Fehlerfreundlichkeit wird von ganz unterschiedlichen Unternehmen wie dem deutschen Hotel „Schindlerhof“ oder dem indischen Mischkonzern „Tata“ gelebt, indem sie den Fehler des Monats beziehungsweise die gescheiterte Innovation des Jahres küren.

Zur Tat schreiten

Wer als Unternehmer, Geschäftsführer oder Vorstand will, dass sein Unternehmen schnell agiert, flexibel, anpassungsfähig und dauerhaft innovativ wird, sollte unter anderem drei Dinge tun:

  1. Die EntscheidungsKompetenz seiner Führungskräfte und Mitarbeiter trainieren: Intuition kann ebenso nützlich wie schädlich sein. Deshalb ist es sinnvoll, die erfolgreichen Intuitionen und den damit verbundenen wirtschaftlichen Gewinn zu maximieren und intuitive Fehlentscheidungen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Verluste zu minimieren.
  2. Die EntscheidungsKultur des Unternehmens weiterentwickeln und pflegen. Nur wenn es im Unternehmen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht ist, auch intuitive, nicht mit Zahlen, Daten und Fakten begründbare Entscheidungen zu treffen, können die einzelnen Führungskräfte und Mitarbeiter ihre individuelle EntscheidungsKompetenz entfalten. Dazu bedarf es auch der Umsetzung der oben genannten fünf Prinzipien.
  3. Last not least gilt es, ein ausgewogenes EntscheidungsDesign aufzubauen: Welche Methoden und Instrumente setzen Sie in Ihrem Unternehmen ein, um die Rationalität und Intuition Ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter optimal für nachhaltig erfolgreiche Entscheidungen zu nutzen?

Das alles sind ein paar Bausteine zu einem erfolgreichen Unternehmen, das den Anforderungen einer globalisierten, komplexen und dynamischen Wirtschaftswelt gerecht wird. Einige wenige Unternehmen haben das schon umgesetzt und sind Vorbilder für alle, die neue Wege gehen wollen, statt weiter der Masse auf ausgetretenen Pfaden hinterherzulaufen.

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